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Die Auswirkungen gehen in alle Richtungen

Steuerberater helfen Firmen und Selbstständigen, an staatliche Corona-Hilfen zu kommen. Rettet das vor der Insolvenz? SZ sprach mit Alexander Rother.

Steuerberater Alexander Rother (l.) und sein Chef Marcus Schuth in der Kanzlei Scholz.Schuth.Beckenbach in Großenhain.
Steuerberater Alexander Rother (l.) und sein Chef Marcus Schuth in der Kanzlei Scholz.Schuth.Beckenbach in Großenhain. © Kristin Richter

Großenhain. Das Bundesministerium für Finanzen will, dass in Deutschland die Wirtschaft gut durch die Corona-Krise kommt. Umfangreiche Hilfen würden deshalb stetig ausgebaut und an neue Entwicklungen angepasst. Wie kommt das vor Ort an? Die SZ erkundigte sich in der S.S.B.Scholz.Schuth.Beckenbach Steuerberatungsgesellschaft in Großenhain auf der Herrmannstraße bei Steuerberater Alexander Rother.

Herr Rother, wie viele Mandanten ihrer Kanzlei bekommen Corona-Hilfen?

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Wir haben zwölf Mitarbeiter und rund 400 Mandaten in der Region und auch international, die November- bzw. Dezemberhilfe beantragt haben. Das ist das Hilfsprogramm für Unternehmen, wenn diese vom Lockdown direkt oder indirekt betroffen sind. Es betrifft bestimmte Branchen wie Gastronomie, Veranstaltungsbranche, Kosmetiksalons, Fitnessstudios und ähnliche. Schwierig wird es dann, wenn man nur indirekt betroffen ist, oder als sogenannter Mischbetrieb nur ein Teil des Unternehmens schließen musste. Wir prüfen noch weiter, da die Frist zur Antragstellung bis April verlängert wurde. Manche warten immer noch auf die restlichen bewilligten Gelder und stehen deshalb in einer Warteschleife. Sie müssen jetzt die Zwischenzeit überstehen und gehen dabei natürlich auch an ihre Rücklagen. Es zehrt auch an den Nerven, wenn man nicht weiß, wann das Geld letztendlich da ist.

Fünf Prozent, das klingt nicht viel. Ist die Wirtschaft im Landkreis so robust, dass es nicht mehr Firmen und Soloselbstständige trifft?

Das könnte man vermuten, aber natürlich sind durch den Lockdown viel mehr Unternehmern betroffen. Das Problem ist aber, dass man bezüglich der großzügiger ausgestalteten November/Dezemberhilfe anspruchsberechtigt sein muss. Und das sind nicht so viele. Denn in der Regel sind nur wenige Branchen von Schließungen seit November direkt betroffen. Und all diejenigen, welche zwar indirekt betroffen sind, aber nicht die Kriterien erfüllen, fallen dann bzgl. dieses Hilfsprogramms aus dem Raster. Alle weiteren Unternehmen, die ab Mitte Dezember schließen mussten, vor allem der Einzelhandel, Friseure und weitere haben dann „nur“ die Möglichkeit, die Corona Überbrückungshilfe III zu beantragen.

Die Überbrückungshilfen betragen bis 75 Prozent des entfallenen Umsatzes als steuerpflichtiger Zuschuss. Wie kommen Ihre Mandanten mit dieser Förderung zurecht?

Ganz ehrlich: Ich bin erstaunt über die soziale Denke vieler Unternehmer. Sie machen sich eher Sorgen um ihre Angestellten, die oft in Kurzarbeit sind, als um ihren Gewinn, den sie ja für sich zum Leben brauchen. Oft sagen sie: Anderen geht es ja noch schlechter. Viele Mandanten, und das sind in der Regel Mittelständler, verzichten selbst und buttern ihr eigenes Erspartes in ihre Firma, um sie zu erhalten. Für mich ist das etwas, was viel zu kurz kommt. Diese Unternehmen leben nicht für sich, sondern auch für ihre Angestellten, und sind damit für uns als Gesellschaft enorm wichtig. Aber ohne diese Zuschüsse würde es eng werden, denn bisher kompensieren die allermeisten die Ausfälle aus eigner Tasche.

Ihre Kanzlei ist derzeit mit normalen Steuererklärungen und Jahresabschlüssen beschäftigt und die Corona-Hilfen kommen noch dazu. Ab wann kann ein Unternehmer diese Anträge nicht mehr selbst stellen?

Bei der November/Dezemberhilfe können Soloselbstständige bis zu 5.000 Euro über das Programm Elster selber Anträge stellen. Bei der Corona-Überbrückungshilfe III soll es auch wieder Vereinfachungen für Soloselbstständige geben. Alle weiteren müssen es dann u. a. über die Steuerberater einreichen. Wir prüfen natürlich mit unseren Mandanten und schauen alle Programme durch, um für alle Antragsberechtigen auch entsprechende Anträge zu stellen.

Gibt es bei Ihnen Härtefälle?

Oh ja. Ich kann mich noch gut an eine Selbstständige erinnern, die hatte 2019 zum Beispiel ihr Unternehmen quasi zu „spät“ aufgemacht und kam deshalb nicht mehr in die alte Überbrückungshilfe, die bis Jahresende galt, da die Referenzmonate nach hinten verschoben wurden. Wir reden dabei nicht über hohe Summen, sondern wirklich nur über einen kleinen Zuschuss, damit sie die Fixkosten einigermaßen decken konnte. Ein weiterer Mandant war einer der wenigen, welche von einem Softwarefehler betroffen waren, und der deshalb etliche Wochen auf seine Zahlung warten musste. Ein Problem waren auch immer, die Fixkosten wie Mieten, Versicherungen, Lizenzen etc. zu bestimmen, da man sie zeitlich nur vertragsgerecht zuordnen konnte. Bei der neuen Überbrückungshilfe III soll die Fixkostenliste aber erweitert werden.

Was hat es damit auf sich?

Im Februar - wann genau, wissen wir noch nicht - kann dieses neue Programm beantragt werden. Da werden sich alle draufstürzen und der elektronische Zugang wird vielleicht wieder zusammenbrechen. Und wir werden bis in die Nacht arbeiten müssen. Bei dieser Hilfe werden für November 2020 bis Juni 2021 Fixkostenpauschalen erstattet, wenn man sich für die jeweiligen Monate dafür qualifiziert. Dann sollen auch Aufwendungen für die Hygieneauflagen und für die Digitalisierung zum Beispiel für Onlinehandel bis zu 20.000 Euro förderfähig sein. Auch verderbliche Ware oder Saisonware soll so abgeschrieben werden können. Viele verzweifelte Einzelhändler warten händeringend darauf.

Für Soloselbstständige gibt es die Neustarthilfe von bis zu 7.500 Euro als einmalige Zahlung. Auch sie soll helfen, Insolvenzen zu vermeiden. Wird das hier gelingen?

Für Großenhain und Umgebung sehe ich momentan noch nicht die Gefahr einer großen Insolvenzwelle. Aber entscheidend wird sein, wie lange der Lockdown noch dauert, auf welche Rücklagen die Betroffenen zurückgreifen können. Die Unternehmer brauchen auch psychologisch die Gewissheit, dass es wieder aufwärts geht. Wie schwer die Krise die hiesige Wirtschaft getroffen hat, werden wir erst wissen, wenn die Zeit der Unsicherheit vorbei ist.

Als Steuerberater sind Sie manchmal auch Seelsorger. Nutzen die Unternehmer den Strukturwandel Richtung Digitalisierung, der mit Corona einhergeht?

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