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Die Russen, das Brot und der Flugplatz

Die IG Mahnmal darf sich wieder mehr in die Gestaltung des Volkstrauertages in der Großenhainer Marienkirche einbringen. Sie tun das mit einem besonderen Schicksal.

Von Kathrin Krüger
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Licht des Gedenkens in der Marienkirche.
Licht des Gedenkens in der Marienkirche. © Anne Hübschmann

Großenhain. Der 14. November ist vorletzter Sonntag im Kirchenjahr und dem Volkstrauertag gewidmet. Viele Jahre lud die IG Mahnmal Opfer aus den Gedenkbüchern und Angehörige aus diesem Anlass zur Erinnerung an schwere Zeiten in die Marienkirche ein. Im vorigen Jahr spielte sie beim Gottesdienst kaum eine Rolle. Aus der Initiativgruppe der Marienkirche war ein eigenständiger Verein geworden, die Beziehungen zur Kirchgemeinde kühlten sich merklich ab.

Nun will die Initiativgruppe die Verantwortung für den Gottesdienst wieder stärker mit übernehmen. Auch wenn im Kirchenblatt die Stiftung Sächsische Gedenkstätten als Partner angekündigt wurde. Pfarrer Sebastian Zehme besuchte die IG in ihrem Büro bei dem Vereinsvorsitzenden Siegfried Behla zu Hause und sprach mit den Mitgliedern den Ablauf des Gottesdienstes zum Volkstrauertag ab. Es soll eine lebendige, emotionale Erinnerung für alle Anwesenden sein.

Deshalb wurde entschieden, die in diesem Jahr 90 gewordene Johanna Schröder, geborene Dietrich, in den Mittelpunkt zu rücken. Sie war als 22-Jährige in der Stalin-Ära für mehrere Jahre nach Workuta/Sibirien verschleppt worden. Die IG Mahnmal hat erforscht, dass die Priestewitzerin 1952 denunziert wurde - weil sie in der Bäckerei der Großenhainer Marktgasse für die Ausgabe des Brotes an die sowjetischen Soldaten auf dem Flugplatz verantwortlich war. Ein vorbeikommender Bekannter hatte sie gefragt, ob die jeden Tag so viel Brot holen würden. Das bejahte Johanna Schröder achtlos. Das hätte sie nicht tun dürfen. Denn aus der Anzahl der Brote ließ sich die Zahl der stationierten Truppen schließen.

Gedenkraum der IG Mahnmal in der Marienkirche Großenhain. Der Tisch für das Gästebuch musste leider aus angeblichen Brandschutzgründen verschwinden.
Gedenkraum der IG Mahnmal in der Marienkirche Großenhain. Der Tisch für das Gästebuch musste leider aus angeblichen Brandschutzgründen verschwinden. © Kristin Richter

Ein Aufsteller wird am Sonntag in der Marienkirche auf die heutige Coswigerin aufmerksam machen. Vielleicht kann sie sogar selbst anwesend sein. Siegfried Behla und Karl-Heinz Rutsch hatten Johanna Schröder zu ihrem Geburtstag in Coswig besucht. Ihr Schicksal steht auch in einem der Gedenkbücher im Raum der Stille der Marienkirche. Ihre "Schuld" ist längst rehabilitiert, die Verhaftung und Internierung war eindeutig Willkür. "Frieden, Herr, gib Frieden" steht deshalb auch auf jeder Seite in den Gedenkbüchern. Und wird als Fürbitte von den IG-Mitgliedern im Gottesdienst gesprochen.

Doch allein Menschlichkeit ist die Antwort auf die unmenschlichen Schicksale der Vergangenheit - ob nun im Krieg oder danach. Vier Opfergruppen erforscht die IG Mahnmal weiter. Auch von Vertreibung und politischer Gewaltherrschaft in der DDR. Die Ehrenamtler, zu denen auch Superintendent a.D. Eckhard Klabunde und Gudrun Kracht gehören, hatten zwar ihre Forschungsarbeit Ende 2019 offiziell beendet. Ihre Arbeit ist damit aber nicht abgeschlossen. Jeden Mittwoch treffen sich die Mitglieder, um Namen und Daten zu korrigieren und bei Entschädigungsanträgen im gesamten Bundesgebiet zu helfen. Denn ihr Tun ist beispielhaft in der BRD. Die IG hält die Erinnerung an jeden einzelnen Betroffenen wach - das ist menschlicher Umgang mit diesem Vermächtnis.

2.601 Opfer politischer Willkür, Krieg und Vertreibung sind in zwei dicken Büchern zusammengefasst - die Initiativgruppe des Kirchenbezirkes hat sie in 16 Jahren in beispielhafter Weise zusammengetragen und erforscht. Dafür wurde sie 2013 vom Freistaat und der Stiftung Frauenkirche Dresden mit dem Sächsischen Bürgerpreis ausgezeichnet. 2016 verlieh die Stadt Großenhain der IG die kleine Preuskermedaille. ZDF und MDR haben mehrfach über die Arbeit berichtet.

Gottesdienst am 14. November, 10.30 Uhr, in der Marienkirche. Es gilt die AHA-Regel. Im Anschluss wird im Raum der Stille an die in den Gedenkbüchern verzeichneten Opfer erinnert.