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"Elende Bürger" sind nicht erschienen

Die Großenhainer Tausendjahrfeier 1954 wirkt bis heute nach. Auch anderswo widersetzten sich damals Teilnehmer am Festumzug ideologischen Parteivorgaben.

Erfolgreich läuft seit Juni die Sonderausstellung im Museum Alte Lateinschule zu "1000 Jahre Großenhain". Hier Impressionen vom Festumzug.
Erfolgreich läuft seit Juni die Sonderausstellung im Museum Alte Lateinschule zu "1000 Jahre Großenhain". Hier Impressionen vom Festumzug. © Kristin Richter

Großenhain. Die verlängerte Sonderausstellung zur Tausendjahrfeier 1954 im Museum am Kirchplatz läuft sehr gut. "Vor allem der Film vom Festumzug und das nunmehr dritte Museumscafé sind der Renner", sagt Museumsleiter Jens Schulze-Forster. Für den Schlussspurt bis zur Vernissage am 3. Oktober lud er jetzt Daniel Fischer aus Dresden zu einem Vortrag ein. In seiner Dissertation beschäftigte der sich mit Stadtjubiläen in der DDR zwischen kommunaler Selbstdarstellung und Parteipolitik. Vor Gästen, die den Großenhainer Festumzug 1954 noch selbst miterlebten, offerierte Daniel Fischer am Dienstagabend im Museum auch einige interessante Histörchen.

So wurde das Großenhainer Stadtjubiläum mit denen von Döbeln (800-Jahrfeier 1935), Zittau (700-Jahrfeier 1955), Dresden (750-Jahrfeier 1956), Radeberg (550-Jahrfeier 1962), Leipzig (800-Jahrfeier 1965), Freiberg (800-Jahrfeier 1986) und Berlin (750-Jahrfeier 1987) verglichen. Neben dem "stadtbürgerlichen Eigensinn" bei der Demonstration der eigenen Geschichte und einer gewissen Konkurrenz der Städte untereinander, gab es freilich auch ideologische Vorgaben der SED zur "Durchsetzung ihrer Kulturpolitik".

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Interessant: Nicht alle Festumzugsteilnehmer ließen sich dazu vereinnahmen. Wie Daniel Fischer ausführte, sollten in Dresden 1956 neben dem prunkvollen Wagen Augusts des Starken - den man natürlich nicht aus dem Umzug streichen konnte - "elende Bürger" als leidender Arbeiter-Gegenpol zur Prunksucht der Herrschenden laufen. Allein: die Darsteller sind nicht erschienen. Was blieb, war die "uneingeschränkte Glorifizierung" der Herrschaft des berühmten sächsischen Kurfürsten. Auch sollte die TU Dresden als starke sozialistische Kaderschmiede in einem Bild durch 600 angemeldete Studenten repräsentiert werden. Laut Referent Fischer war letztlich nur ein einziger Student bereit zum Mitlaufen, weitere Teilnehmer mussten rasch zwangsrekrutiert werden.

In Leipzig wollte man solche Pannen 1965 nicht mehr durchgehen lassen. Und schaltete vor Abmarsch des Festzuges eine Kontrolle ein. Die stellte fest, dass in der Flaggengruppe Fahnen aller Nato-Staaten getragen werden sollten. Diese ideologische Blamage konnte verhindert werden. Aber eine Musikkapelle hielt sich nicht ans Konzept und spielte auch dann, als die Zuschauer am Straßenrand eigentlich mit "sozialistischen Kommentaren" versorgt werden sollten.

Das historische Gedächtnis der Bürger zu ihrer Stadt widersprach also nicht selten der Uminterpretierung durch die Arbeiter- und Bauernideologen. Im Großenhainer Festumzug wurde 1954 zwar noch ein großes Stalin-Bild mitgeführt. Doch die Handwerker zeigten viel mehr ihre altehrwürdigen Traditionen als die "Errungenschaften nach 1945". Man setzte sich auf einer Tagung zu den Festumzügen sogar mit einer angeblich "oberflächlich durchdachten historischen Maskerade" auseinander.

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