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Explosives Erbe in Großenhain

Als am 9. April die B 101 in Großenhain-Nord wegen Bombenentschärfung gesperrt wurde, war das wenig überraschend. Denn der Flugplatz ist voll von davon.

Diese Bombe wurde vor sieben Jahren in Großenhain entdeckt. Dass es nicht die letzte bleiben würde, war damals bereits klar.
Diese Bombe wurde vor sieben Jahren in Großenhain entdeckt. Dass es nicht die letzte bleiben würde, war damals bereits klar. © Polizei

Großenhain. Bereits im April vor sieben Jahren hatte man es geahnt: Großenhain könnte möglicherweise ein Bomben-Boom bevorstehen - wenn die Flugplatzfläche Nord fürs künftige Industriegebiet abgesucht wird. Damals schon, 2014, wurden Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg beim Radwegbau an der B 101 in Höhe des Flugplatzes gefunden. Als bereits 2005 und 2006 Altmunition bei der Erschließung des Gewerbegebietes Flugplatz geborgen wurde, waren das nicht nur Sprengstoff-Blindgänger, sondern auch 370 Übungsbomben aus Beton, 250 Kilo schwer.

Genau solche Bomben sind jetzt am 9. April entdeckt und vor Ort entschärft bzw. gesprengt worden. Das dauerte nur wenige Minuten. Der Verkehrsfunk hatte am Morgen gemeldet, dass deswegen die Bundesstraße 101 zwischen Ortausgang Großenhain und Abzweig Skaup bis auf Weiteres gesperrt wird. „Es handelte sich um 13 sogenannte Betonbomben aus dem Zweiten Weltkrieg“, so Polizeisprecher Rocco Reichel. Sie wurden durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen auf dem Gelände des früheren Militärflugplatzes gesprengt, da sie nicht transportfähig waren. Gefunden wurden die mit Chlor Sulfonsäure gefüllten Bomben bei Arbeiten des Bodenaustausches auf dem Flugplatzareal.

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2014 wurden zwei amerikanische Fliegerbomben freigelegt. Fast zwei Stunden dauerte seinerzeit die Vollsperrung der B 101. Die Blindgänger mussten aber nicht vor Ort gesprengt werden, sie hatten keine Zünder mehr. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst transportierte sie rasch nach Zeithain ab. Dort wurden sie in einer Halle fachgerecht zerlegt und entsorgt.

Eine Übersichts-Karte zur sächsischen Kampfmittelbelastung auch in Großenhain liegt in der Landespolizeidirektion zentrale Dienste in Dresden. Einsicht haben nur betroffene Grundstücksbesitzer oder Kommunen als Flächeneigentümer. Und die Landkreise. Denn die müssen dafür sorgen, dass bei Bauanträgen der Kampfmittel-Beseitigungsdienst (KMBD) gegebenenfalls zurate gezogen wird. Aber 100 Prozent genau ist das Kampfmittel-Kataster nicht. Wie viel Altmunition wirklich in und um Großenhain noch in der Erde liegt, kann auch damit nicht exakt vorhergesagt werden.

Grundsätzlich gibt das Kampfmittel-Kataster Auskunft über Verdachtsflächen. Die Karte liegt in jeder Stadt und Gemeinde vor, die selbst Ortspolizeibehörde ist. Wichtige Anhaltspunkte können dort Luftbildaufnahmen der Kriegszeit liefern. Auf ihnen lassen sich Blindgänger oft als kleine Einschlagpunkte erkennen. „An die Kommune muss sich jeder wenden, wenn es um Gefahrenabwehr für sein Grundstück geht“, sagt Jürgen Scherf vom Polizeiverwaltungsamt Dresden. Seit Oktober 2015 ist das eindeutig geregelt. „Zu Altlasten kann der Bauwillige im Genehmigungsverfahren einen Prüfungsantrag stellen“, so Scherf. Es bedarf also keiner zusätzlichen Anfrage an die Landespolizeidirektion. Die Gemeinden prüfen mit der Belastungskarte in eigener Zuständigkeit.

Seit 2004 sind zehn Munitionsfunde rund um Großenhain bekannt geworden - inklusive der Sprengung am 9. April
Seit 2004 sind zehn Munitionsfunde rund um Großenhain bekannt geworden - inklusive der Sprengung am 9. April © SZ Grafik

Bezahlen muss eine Untersuchung immer der Bauherr. Es sei denn, es gibt einen konkreten Verdacht auf Fundmunition, weil vielleicht früher hier schon mal eine Bombe ausgebuddelt wurde. Dann zahlt der Freistaat die Suche. Beauftragen kann der Bauherr aber jede beliebige Räumfirma. „Der Kampfmittelbeseitigungsdienst wird erst dann Pflicht, wenn tatsächlich Altmunition gefunden wird“, so Jürgen Scherf. Wie in Großenhain 2014 an der Baustelle B 101.

Den Großenhainern blieben schwere Bombenangriffe durch die Alliierten bis 1945 erspart. Es gab nur vergleichsweise geringfügige Schäden. Das liest man im historischen Abriss „Flugplatz Großenhain“ von 2007. In dem Buch ist eine US-amerikanische Aufnahme des Fliegerhorstes vom 11. April 1945 zu sehen – mit deutlichen Einschlagkratern von Munition. Bevor die Stadt kampflos durch sowjetische Truppen besetzt wurde, wurde zum Beispiel eine Flugzeughalle durch Bombennotabwurf beschädigt. Diese Luftbildaufnahmen der Alliierten zu Bombardierungen sind eben ein wesentlicher Teil des Kampfmittel-Katasters, bestätigt Jürgen Scherf.

Ebenso wie Augenzeugenberichte, wie der von Helmut Günther aus Großenhain. Der war 1945 Lehrling auf dem Flugplatz, erzählt dessen Sohn Jürgen. Von der Weßnitzer Mühle aus hätten russische Truppen über den Flugplatz hinweg nach Adelsdorf geschossen, wo sich die SS aufhielt. Überhaupt scheint der Norden der Stadt eher von Treffern heimgesucht worden zu sein, als der Süden. Das zeigen auch die Munitionsfunde der letzten Jahre (s. Karte). In den letzten Kriegstagen standen am Frontabschnitt Folbern-Ortrand immerhin 300 Artilleriegeschütze.

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Der Bau der Ortsumgehung und der Opal-Trasse waren genauso große Einsatzgebiete für die Kampfmittelbeseitiger wie das alte Munitionslager auf dem heutigen Recyclingplatz von Wolfgang Bothur. Hier lagen 2005 sogar noch Waffen aus dem Ersten Weltkrieg im Boden. In seinem See am Flugplatz bargen Taucher mehr als 170.000 Patronen, Bomben und Granaten. Nur der Stab der Messsonde gab ihnen damals unter Wasser eine Orientierung. Die gefundenen Handgranaten waren die Spitze eines riesigen Munitionsberges. Als die Rote Armee 1945 die Wehrmachtskaserne übernahm, konnte sie die deutsche Munition nicht gebrauchen. Die landete deshalb kistenweise im Wasser. Auf gleiche Weise wurde Jahrzehnte später beim Abzug der Russen verfahren. Das Resultat versuchten die Männer von der Schollenberger Kampfmittelbergung GmbH aus Celle zu beseitigen. Zentimeter für Zentimeter scannten sie von einem Ponton aus den Seegrund. Elf Kilo Sprengstoff haben sie zufällig gefunden. Die Taucher haben die Stangen ertastet, als sie nach anderen Dingen suchten. 4.500 Quadratmeter des Sees wurden untersucht.

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