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Großenhain: Da dreht einer am Zahnrad

Am 31. Oktober endet die Sommerzeit. Wilfried Höttger stellt in Skäßchen die Kirchturmuhr zurück. Das macht er gern. Doch eine Entscheidung missfällt ihm.

Von Kathrin Krüger
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In der Kirche Skäßchen ist die Kirchturmuhr noch manuell auf Winterzeit zurückzustellen. Das macht Wilfried Höttger. Freiwillig.
In der Kirche Skäßchen ist die Kirchturmuhr noch manuell auf Winterzeit zurückzustellen. Das macht Wilfried Höttger. Freiwillig. © Kristin Richter

Skäßchen. Schon über 40 Jahre gibt es in Deutschland die Sommerzeit. Seit 1996 werden in der EU einheitlich am letzten Sonntag im März sowie am letzten Sonntag im Oktober die Uhren jeweils eine Stunde vor- bzw. zurückgestellt. An diesem Sonntag ist es also wieder soweit. Was bei vielen Zeitanzeigern einfach automatisch passiert, muss bei Kirchturmuhren oft noch per Hand reguliert werden. So auch im Großenhainer Ortsteil Skäßchen.

Wilfried Höttger wird am Sonntagmorgen nach dem Frühstück das über 100-jährige Uhrwerk für den Skäßchener Kirchturm umstellen. Wahrscheinlich wird er das entsprechende Zahnrad anhalten und nach einer Stunde wieder in Gang setzen. Der 77-Jährige kümmert sich schon mindestens 15 Jahre um den Kasten im Turm mit dem riesigen alten Uhrwerk, hergestellt von der Meißner Firma Otto Fischer. Auch wenn die mechanische Kirchturmuhr in diesem Jahr auf Automatik umgestellt wurde - ein elektrischer Aufzug nun also das tägliche manuelle Aufziehen übernimmt - ist die neue Technik doch nicht auf die Sommer-/Winterzeitumstellung programmiert.

Die neue Kirche Skäßchen wurde 1904 erbaut.
Die neue Kirche Skäßchen wurde 1904 erbaut. © Kristin Richter

Rentner Höttger wohnt gleich an der Kirche und war bis 1999 als Fernmeldemechaniker bei der Post tätig. Er hat also ein großes Technikverständnis. Das Stellen der Kirchturmuhr habe er aber so nebenbei mitbekommen, erzählt der 77-Jährige. Er zeigt auf ein Rädchen, das eine Skala mit Minutenanzeige hat. Das kann für die Winterzeit zurückgedreht werden, so wie es im Frühjahr vorgestellt wurde. "Bisher musste ich täglich die 57 Treppenstufen hoch, um das Geläut anzukurbeln", erzählt der Skäßchener, der sich dabei mit zwei anderen abwechselte. Mit dem Einbau des neuen Zeitrelais in diesem Sommer bleibt ihm nur noch das Vor- und Zurückstellen der Uhr zwei Mal im Jahr. An diesem Sonntag wird Wilfried Höttger dafür das Stundengeläut abwarten.

Allerdings war vorigen Freitag schon ein außerplanmäßiger Besuch im Kirchturm nötig. Denn durch den Stromausfall wegen des Sturms war die Skäßchener Kirchturmuhr stehengeblieben. "Am Freitag habe ich sie wieder angeschoben", erzählt Höttger. Ein Akku, um die Zeit ohne Elektrik auszugleichen, hat die neue Technik leider nicht.

Das Gotteshaus zeigt innen einen herrlichen Schmuck im Jugendstil.
Das Gotteshaus zeigt innen einen herrlichen Schmuck im Jugendstil. © Kristin Richter

Zudem gibt es derzeit noch ein Problem mit dem Klöppel des Kirchengeläuts. "Dessen Automatik ist ausgestellt", weiß der Skäßchener. Seit drei Wochen wird demnach im Ort nicht geläutet, nur die kleine Glocke zum Gottesdienst am Sonntag. Und das Schlagwerk auch nur zur halben und vollen Stunde. Der Klöppel der großen Glocke kann diese beschädigen, weil er abgearbeitet sei. Der Bolzen müsse erneuert werden, erklärt Wilfried Höttger. Den Einwohnern ist das schon aufgefallen, und sie hätten natürlich gefragt, was da los ist. In Skäßchen schlägt die Kirchenglocke tatsächlich die ganze Nacht durch. Das erste Läuten ist allerdings normalerweise erst morgens um 7 Uhr.

Für Rentner Höttger ist sein Einsatz an der Turmuhr und fürs Geläut eine Gewohnheitssache. Ist er im Urlaub, vertritt ihn Jürgen Schmidt vom Kirchenvorstand. Selbst die Wetterfühligkeit des alten Uhrwerks reguliert der versierte 77-Jährige per Funk. "Das ist mir nie langweilig geworden", sagt er. Doch die Zeitumstellung an sich geht ihm auf den Zeiger. "Ich halte nichts davon, das ist doch wider die Natur", empört sich Wilfried Höttger, aber in seiner ruhigen Art. Dass die EU die Abschaffung der Sommerzeit nicht auf die Reihe bekommen hat, ärgert ihn. Die Zeitumstellung bringt nach seiner Meinung nur Nachteile. Nur der Kirchturmuhr macht sie gar nichts aus.