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Vom Neulehrer zum Bürgermeister von Dresden

Fred Larondelle war 1945 in Großenhain Schulleiter und Lehrergewerkschafter. Wie er auf eine CIA-Liste kam und letztlich Theaterintendant wurde.

Fred Larondelle als Bürgermeister-Stellvertreter im Rathaus Dresden.
Fred Larondelle als Bürgermeister-Stellvertreter im Rathaus Dresden. © Europeana collections

Großenhain. Im Museumsarchiv tauchte jetzt eine auf den ersten Blick wenig spannende Unterlage auf: 1953 konnte man demnach im Kulturbund "zur demokratischen Erneuerung Deutschland, Ortsgruppe Großenhain" noch mit einer "Diskussion über das allgemein interessierende Thema Hochschule" Leute hinterm Ofen hervorlocken. Interessant ist aus heutiger Sicht aber nicht das Forum. Aufschlussreich ist der Referent: der damalige Kreisvorsitzende der Lehrergewerkschaft Larondelle aus Großraschütz.

Jener Fred Larondelle sollte später in Dresden noch gehörig Karriere machen. In diesem Jahr 1953 war der einstige Neulehrer schon zum Verdienten Lehrer des Volkes ernannt worden - die höchste staatliche Auszeichnung für einen Pädagogen in der DDR. Das brachte ihn sogar auf eine geheime Liste des amerikanischen Geheimdienstes CIA, der alle 29 Ausgezeichneten des Jahrgangs in der DDR aufführte - als Bildungskader. Damit war der Schulleiter der Erweiterten Oberschule (EOS) Geschwister Scholl, die 1953 zum Institut für Lehrerbildung geadelt wurde, für höhere sozialistische Aufgaben reif.

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Am 8. August 1922 in Köln geboren, kommt Larondelle nach dem Krieg als 23-jähriger Neulehrer an die Grundschule Großraschütz. Nach der achten Klasse hatte er eigentlich Schlosser gelernt und dann als Werkstoffprüfer gearbeitet, bis er 1942 zur Wehrmacht eingezogen wurde. In einem Brief an die Schule blickte er 1985 zurück: "Nach meiner Entlassung aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft wurde ich von den Genossen der KPD in Frauenhain zum Lehrerseminar nach Riesa delegiert." Für acht Monate. Vorher war er Hilfspolizist und Streckenarbeiter bei der Bahn.

Nach dem Seminar wurde Larondelle in der Großenhainer Pestalozzischule als Geschichtslehrer eingesetzt, dann wurde er 1947 schon Schulleiter in Thiendorf: mit 25 Jahren. Man machte ihn zum ehrenamtlichen Lehrergewerkschafter des Kreises Großenhain, 1949 dann zum Schulleiter in Großraschütz. Doch nur für ein Jahr. Denn von dort ging es an die EOS in der Heinestraße. Und von da nach drei Jahren in die Landeshauptstadt.

Reden vor Menschenmassen: als erster Stellvertreter des Dresdner Oberbürgermeisters.
Reden vor Menschenmassen: als erster Stellvertreter des Dresdner Oberbürgermeisters. © Europeana collections
Fred Larondelle (l.) bei einer Sitzung im Rathaus Dresden.
Fred Larondelle (l.) bei einer Sitzung im Rathaus Dresden. © SLUB Dresden / Deutsche Fotothek

Larondelle hatte sich als treuer und engagierter Genosse erwiesen. In Dresden brauchte man zuerst einen Abteilungsleiter für Volksbildung, dann einen Stadtrat für Kultur, und 1964 wurde er sogar zum stellvertretenden Oberbürgermeister berufen. So kam es, dass der ehemalige Großenhainer vor Tausenden Dresdnern das Band für die Freigabe der Nossener Brücke durchschnitt - einer heute noch bedeutsamen, mehr als ein Kilometer langen Hochstraße in den Dresdner Westen. Dass er vor vielen Menschen frei sprechen konnte, beweisen Fotos aus der Deutschen Fotothek. In Leipzig an der Uni absolvierte er ein Fernstudium zum Diplom-Kulturwissenschaftler. Kunst und Kultur lagen ihm, beweisen Akten aus dem Dresdner Stadtarchiv. Sie verraten aber auch, dass Larondelle von 1937 bis 1940 in der Hitlerjugend war.

1972 dann der Wechsel an die Bühne. Larondelle wird Generalintendant der Staatstheater Dresden. Die übergeordneten Organe in Berlin waren einverstanden. Abgeordneter der Stadtverordnetenversammlung bliebt er weiterhin. Bis 1979 übt Larondelle diese Parteifunktion aus. 90-jährig stirbt er 2012 in Dresden. Und hinterlässt Ehefrau Lotte, eine ehemalige Apothekenhelferin, und vier Kinder mit Familien. In Strehlen lebte er in einer Straße mit so berühmten Mitbewohnerinnen wie den Malerinnen Lea Grundig und Eva Schulze-Knabe.

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