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"In Großenhain war ja richtig was los"

Der Leistungskurs Geschichte vom Gymnasium besucht die Museums-Ausstellung zu Wende und Wiedervereinigung. Interesse? Aber klar!

Im Museum schauen sich Schüler vom Geschichts-Leistungskurs des Siemens-Gymnasiums Großenhain die Sonderausstellung zum 30-jährigen Jubiläum der deutschen Einheit an. Emma Würffel (r.) und Anna Kretzschmar diskutieren über Exponate.
Im Museum schauen sich Schüler vom Geschichts-Leistungskurs des Siemens-Gymnasiums Großenhain die Sonderausstellung zum 30-jährigen Jubiläum der deutschen Einheit an. Emma Würffel (r.) und Anna Kretzschmar diskutieren über Exponate. © Kristin Richter

Großenhain. Die deutsche Wiedervereinigung vor 30 Jahren ist für 18-Jährige so weit weg wie Napoleon oder der Zweite Weltkrieg. Stimmt das? Wie stehen junge Leute zu den Ereignissen, die ihnen heute ein Leben in Frieden und Freiheit bescheren? Ist der 3. Oktober ein Grund zum Feiern für sie? 

"Es war nicht alles schlecht in der DDR", hören Schüler der zwölften Klasse des Großenhainer Siemens-Gymnasiums im Museum Alte Lateinschule. Es ist ihre Lehrerin Olga Kupsch, die das in einem Film von 2009 zur Friedlichen Revolution sagt. Hans Wilzki, der ehemalige Pfarrer der Marienkirche, beklagt dagegen das äußere und innere Eingesperrtsein der Ostdeutschen, ihre "innere Verkrampfung". 

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Gymnasiasten einer AG ihrer Schule waren es, die seinerzeit diese DVD zur Friedlichen Revolution produzierten. "So leise wie beim Zuschauen habe ich meine Schüler selten erlebt", sagt Lehrer Wolfgang Maaß beeindruckt. Die jetzige Sonderausstellung im Museum ist offenbar gut geeignet, Schülern den Jahrestag der deutschen Einheit näher zu bringen. Die meisten Gymnasiasten vertiefen sich in die Zeitungsausschnitte, Begleittexte und betrachten ausgiebig die Dokumente aus Großenhain in den Jahren 1989, 1990. 

"Ich hätte nicht gedacht, dass hier so viel los war", sagt Tom Börner. In der Schule hätte er gelernt, wie es in Berlin oder Leipzig gelaufen ist. Die großen Demos in Großenhain, die sogar gefilmt wurden, überraschen ihn. "Wir sind das Volk", steht als Schlagzeile dazu in der Ausstellung. "Von damals kommt das also, was heute wieder gerufen wird", bemerkt Tom. Und der Untertitel "Träume werden Wirklichkeit". Tom Börner zweifelt, ob die Mehrheit der Ostdeutschen damals wirklich so gedacht hat. "Meiner Familie ging es gut in der DDR, alle hatten Arbeit und waren zufrieden", sagt er. Durch die Wirtschafts- und Währungsunion sind in der Stadt aber reihenweise Betriebe kaputtgegangen.  

Wir reden zu Hause darüber

Für Sulamith Erhardt sind die Geschehnisse noch weiter weg als für ihre Mitschüler. Sie stammt aus Münster, wohnt erst seit 2005 in Großenhain. Die Familie hatte auch keine Ostverwandten. "Vor allem die alten Fotos aus der Stadt finde ich interessant", sagt sie. Natürlich erlebt sie hier manche Dinge anders als im Westen, wo der Rest der Familie wohnt. Welche? "Die andere Sprache" sagt Sulamith. Das war´s auch schon fast.   

"Wir reden zu Hause manchmal davon, wie der Alltag früher so war: mit Überwachung, und wie es zur Friedlichen Revolution kam", erzählt Anna Kretzschmar aus Adelsdorf. Sie weiß, dass eine Bekannte ihrer Mutter in Leipzig bei den Montagsdemos war. Viele  wollten die Wiedervereinigung, zum Beispiel, weil sie Weihnachten so schöne Westpakete bekamen. Ihre Mama erhielt ein Kleid für die Konfirmation. Mit Westgeld konnten sich dann auch die Ostdeutschen vieles kaufen. 

An der Vitrine mit Ostmark und Westgeld bleibt Eleonor Welde lange stehen. Die Infotafeln sind ihr zu textlastig - letztlich haben die Schüler nur eine Stunde Zeit für die Ausstellung. Das Anschauliche gefällt ihr besser. "Die Bedeutung der Deutschen Einheit ist schon verblasst, ich habe damit nicht mehr so viel zu tun", gibt die Kleinnaundorferin zu. Die Abstimmung im Foyer, ob der 3. Oktober ein Tag zum Feiern ist, würde sie eher mit nein entscheiden. Ihre Mitschülerin Emma Würffel aus Leckwitz sieht das anders.     

Maurice Heide, Jonas Richter und Vincent Johne in der Sonderausstellung.
Maurice Heide, Jonas Richter und Vincent Johne in der Sonderausstellung. © Kristin Richter

"Es ist schwierig, sich in die damalige Situation hineinzuversetzen", gibt Samuel Viertel aus Krauschütz zu. Er schaut sich in der Vitrine die Kamera an, mit der die Wendedemos gefilmt wurden. Samuel fragt sich, ob er selbst den Mut gehabt hätte, zu protestieren. Ob er es heute machen würde. "Bei uns um die Ecke gab es ja die Russenbunker, die von einem Tag auf den anderen verlassen wurden", so der Schüler. Seiner Meinung nach war die Deutsche Einheit unvermeidbar, weil die sozialistische Planwirtschaft am Ende war. "Gorbatschow hat auf die DDR verzichtet", sagt er. Doch die Nato hat mit ihrer Osterweiterung den Zwei-plus-Vier-Vertrag, der das Ende der Nachkriegszeit markierte, unterlaufen, so Samuel. 

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Die Gymnasiasten vom Leistungskurs Geschichte gehen bereichert aus der Sonderausstellung. Noch multimedialer muss es für sie nicht sein. Allerdings konnten sie die QR-Codes auf den Infotafeln nicht scannen. Aber selbst für Geschichtslehrer Wolfgang Maaß, der als Militärangehöriger in der DDR schon mal in seiner jetzigen Schule übernachtete, hat sich der Besuch gelohnt: "Dass die Abrüstung schon lange vor dem Mauerfall begann, hatte ich so nicht mehr in Erinnerung", sagt der Lommatzscher.  

Sulamith Erhardt und Eleonore Welde (r.) betrachten eine Vitrine.
Sulamith Erhardt und Eleonore Welde (r.) betrachten eine Vitrine. © Kristin Richter

Am 3. und 4. Oktober von 14 bis 18 Uhr Tag der offenen Tür im Museum Alte Lateinschule, Kirchplatz 4

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