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In Linz läuft die Kamillenernte

Der Sachsenland Öko-Landbau ist der einzige Agrarbetrieb im Freistaat, der die Heilpflanze noch anbaut.

Ilona Müller bei der Sortierung der Kamille in Linz.
Ilona Müller bei der Sortierung der Kamille in Linz. © Kristin Richter

Linz. Jetzt fahren sie wieder auf den Feldern rund um Linz – die kultigen Kamille-Pflückmaschinen, die vor 60 Jahren von Tüftlern der LPG „Einigkeit“ entwickelt wurden. „Die Vegetation ist spät dran“, erklärt Gerald Müller von der Sachsenland Öko-Landbau GbR. Normalerweise beginne die Kamillenernte schon in der vorletzten oder letzten Maiwoche. Aber die duftenden Heilpflanzen brauchten noch ein bisschen mehr Sonne. Und selbst dann sollten sie erst ab Mittag geschnitten werden, damit sich die ätherischen Öle in der Blüte anreichern können.

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Die Kamillenpflanze liebt die mageren Böden im Norden der Großenhainer Pflege. Deshalb kamen die Linzer Landwirte schon Anfang der 1960er-Jahre auf die Idee, sie hier anzubauen. Zunächst nur versuchsweise auf einem Hektar. Gepflückt wurde anfangs von Hand mit einer Art Kamm. Da außer in zwei Thüringer Agrarbetrieben nirgends in der DDR Kamille-Kulturen existierten, erwies sich das als tragfähiges Geschäft – die Fläche wurde von Jahr zu Jahr erweitert. „Nach der Wende war die Lagerhalle dann voll Kamille, und niemand wollte sie haben“, erinnert sich Gerald Müller.

Pflückmaschinen auf den Kamillefeldern des Sachsenland Öko-Landbaus nördlich von Linz.
Pflückmaschinen auf den Kamillefeldern des Sachsenland Öko-Landbaus nördlich von Linz. © Kristin Richter

Deshalb suchte er nach einem neuen Ansatz, um die etablierte Kamille-Tradition zu erhalten – und das war der Öko-Landbau. Heute bewirtschaftet die Linzer Agrarfirma 250 Hektar Felder und Wiesen. Auf knapp einem Viertel der Fläche steht Kamille, außerdem werden Buchweizen und Bio-Roggen angebaut. Alles ist streng nach ökologischen Vorgaben organisiert – das heißt Komplettverzicht auf mineralischen Dünger und Pflanzenschutzmittel. Getrocknet, sortiert und verpackt wird die Kamille in Liega. Damit sich die Inhaltsstoffe nicht verflüchtigen, erfolgt die Trocknung im Schonverfahren bei 40 Grad Celsius.

Kamille ist ein gefragtes Produkt bei der Teeherstellung, in der Kosmetikindustrie, vor allem aber in der Pharmazie. Dort destilliert man das ätherische Öl aus der Blüte und setzt es den verschiedensten Medikamenten zu. Kamillenextrakte dienen als Entzündungshemmer, zur Krampflösung, helfen gegen Blähungen und andere Magenprobleme. Sie haben auch eine wundheilungsfördernde, desodorierende und antibakterielle Wirkung. Apothekerkamille muss den strengen Arzneimittelvorschriften genügen und wird vor der Verarbeitung im Labor auf chemische und mikrobielle Belastungen getestet. Die in Linz angebauten Heilpflanzen erfüllen die Reinheitsansprüche der Pharmaindustrie und verschaffen dem Öko-Landbau eine stabile Marktnische.

Der Linzer Buchweizen ist ebenfalls ein Nischenprodukt, das für die Pharmazie und für Reformhäuser produziert wird. Das Knöterichgewächs, das nicht zum Getreide gezählt wird, gedeiht auf den mageren Böden um Linz herum ebenfalls recht gut. Es enthält den Wirkstoff Rutin, der in Herz-Kreislauf-Medikamenten verwendet wird. Die Samen des Buchweizens sind die klassische Beigabe zur Grützwurst, aber man kann sie auch zu Graupen, Grieß oder Mehl verarbeiten.

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Die Kamillen-Erntemaschine vom Typ Linz III wurde insgesamt nur 15-mal gebaut. Drei davon laufen heute noch im Betrieb. Grundlage war das Fahrgestell eines Fortschritt-Geräteträgers, auf das eine örtliche Schlosserei die Pflückvorrichtung montierte. Der Linzer Öko-Landbau gehört mit seinen nur sechs Beschäftigten zu den kleineren Agrarunternehmen der Region. Dennoch macht sich auch hier der Arbeitskräftemangel bemerkbar. „Wir könnten durchaus Zuwachs gebrauchen“, sagt Gerald Müller. „Am besten eine technisch versierte Frau, die bei der Ernte, der Aufbereitung und beim Sortieren eingesetzt werden kann.

Kamillenernte in Linz.
Kamillenernte in Linz. © Kristin Richter
Evelyn Richter transportiert die sortierte Kiste zum Trocknen.
Evelyn Richter transportiert die sortierte Kiste zum Trocknen. © Kristin Richter
So werden die Blüten gelockert.
So werden die Blüten gelockert. © Kristin Richter

Weitere Infos unter https://www.mdr.de/wissen/kamille-in-not-100.html

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