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Industrielle und Luftbürger

Bis November zeigt die Marienkirche Großenhain eine spannende Schau zu Juden in Russland und Deutschland. Am 23. September gibt's dazu ein Gespräch.

Andreas Görlitz vom Eine-Welt-Verein baute die Ausstellung "Meine! Deine! Unsere! Geschichte!" in der Marienkirche Großenhain auf.
Andreas Görlitz vom Eine-Welt-Verein baute die Ausstellung "Meine! Deine! Unsere! Geschichte!" in der Marienkirche Großenhain auf. © Kristin Richter

Großenhain. Jüdische Menschen waren reiche Industrielle, Bankiers und Intellektuelle. Aber sie waren auch "Luftbürger": an den Rand der Gesellschaft gedrängte, verarmte Mitmenschen. Ende des 19. Jahrhunderts lebten 85 Prozent aller weltweiten Juden in Osteuropa. Dort waren sie nicht unbedingt willkommen. Schon im ersten Weltkrieg wurden viele sogar als angebliche deutsche Spione deportiert. "Sie waren immer Spielball zwischen den Mächten, auch die Menschen jüdischen Glaubens in Großenhain", weiß Andreas Görlitz.

Der Vorsitzende des Eine-Welt-Laden-und Information hat die Ausstellung "Meine! Deine! Unsere! Geschichte!" in die Großenhainer Marienkirche geholt. Hier wird sie jetzt bis in den November hinein gezeigt. Es ist eine Schau, die zum ersten Mal außerhalb Dresdens, wo sie 2018 entstand, präsentiert werden kann - wegen Corona. Andreas Görlitz ist Mitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden e. V. Dort gab es Hilfe für die Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums, die die äußerst spannenden Inhalte zusammenstellten.

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Mit chronologischer Exaktheit und Vielfalt wird die Geschichte jüdischen Lebens parallel in Russland bzw. der Sowjetunion und in Deutschland dargestellt. Man liest so bekannte Namen wie Anna Seghers, Heinrich Heine, Rosa Luxemburg oder Marc Chagall. Man erfährt aber auch vieles aus Dresden ab dem Jahr 1942. Da gab es noch 985 jüdische Menschen in der Stadt, von denen den Holocaust nur 26 überlebten. 1945/46 sind schon wieder circa 100 Menschen jüdischen Glaubens an der Elbe registriert.

Der Zeitstrahl beginnt 1875 und führt über die Zeit der Perestroika bis zur Auflösung der Sowjetunion und der Wende in der DDR. "Es ist nur ein Ausschnitt aus 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland", sagt Andreas Görlitz zur Ausstellung, die Teil der derzeitigen Interkulturellen Wochen ist. Er findet sie sehr ausgewogen und übersichtlich. Sie fordert weitere Überlegungen heraus. So zur Verunglimpfung der Weimarer als "Juden-Republik". Oder zu den 20/30er Jahren in der Sowjetunion. Das seien "glückliche Jahre" für jüdische Menschen gewesen, weil sie Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs bekamen. Sie stellten erstaunlicherweise einen hohen Anteil an Mitgliedern der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU).

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Am Donnerstag, 23. September, wird zu einer Führung über die Schau in die Marienkirche eingeladen. Zuerst läuft um 19 Uhr der Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“. Dann gibt es ein Gespräch mit Lehrerin Bärbel Falke, die die Schau mitgestaltete. Von Großenhainer Seite sind Andreas Görlitz und Klaus Hammerlik von der Jesusgemeinde dabei. Stadtführer Hammerlik hat die Führung zum jüdischen Leben in Großenhain weiterentwickelt und umgesetzt, genauso wie Jacob Görlitz, der Sohn von Andreas Görlitz. Außerdem wurden alle weiterführenden Schulen der Region angeschrieben und zum Ausstellungsbesuch eingeladen. Die Diskussion mit Film am Donnerstag möchte ebenfalls besonders Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen.

Infos zu jüdischen Menschen in Großenhain unter : https://www.medaon.de/de/artikel/die-juedische-geschichte-in-grossenhain

23. September, 19 Uhr, Marienkirche, Film und Gespräch

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