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Lieblingsspeise: Russen-Kerosin

Auf dem Großenhainer Flugplatz reinigen Bakterien den verseuchten Boden – fünf von sieben Kontaminations-Standorten sind bereits saniert.

Großenhains OB Sven Mißbach mit Vertretern von SIB und Sanierungsfirmen sowie einem MDR-Drehteam bei einem Vor-Ort-Termin auf dem Flugplatzgelände.
Großenhains OB Sven Mißbach mit Vertretern von SIB und Sanierungsfirmen sowie einem MDR-Drehteam bei einem Vor-Ort-Termin auf dem Flugplatzgelände. © Kristin Richter

Großenhain. Sobald sich die riesige Bodenwendemaschine in Bewegung gesetzt hat, beginnt es auf der Landebahn des Großenhainer Flugplatzes heftig nach Kerosin zu riechen. Es ist kein aromatischer Benzinduft, wie man ihn von Tankstellen her kennt. Er wirkt schwerer, dumpfer und erdiger – längere Zeit eingeatmet, verursacht er Kopfschmerzen. Deshalb sitzt der Maschinist auch in einer klimatisierten Überdruck-Kabine.

Tag für Tag frisst sich der Bodenwender durch ein knappes Dutzend Erd-Mieten, die auf den letzten 500 Metern der Betonpiste nebeneinander aufgereiht wurden. „Sauerstoff ist das Wichtigste“, erklärt Joachim Thäle vom sächsischen Staatsbetrieb Immobilien- und Baumanagement (SIB). „Den brauchen die Bodenbakterien, um das Kerosin abbauen zu können.“ Der Sachgebietsleiter Ingenieurbau betreut die seit 2017 laufende Altlastensanierung auf dem Gelände, das später für größere Industrieansiedlungen genutzt werden soll.

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Der kerosinhaltige Boden wird an sieben „Kontaminations-Standorten“ abgebaggert, zunächst gesiebt und dann zum westlichen, nicht mehr genutzten Abschnitt der Start- und Landebahn transportiert. Da sich die Kerosinverseuchung bis tief ins Erdreich hineinzieht, muss aber zunächst das Grundwasser abgepumpt und gereinigt werden. 426 Tonnen Flugzeugbenzin sind bisher aus dem Wasser gefiltert worden. Dass solche Mengen in den Boden gelangten, hat Großenhain dem sowjetischen Militärpersonal zu verdanken, das einen recht legeren Umgang mit dem Treibstoff pflegte. Schon beim Antransport ins Tanklager lief das Kerosin hektoliterweise aus undichten Anschlüssen, und wenn die Tanks voll waren, wurde die Restmenge schon mal in die Landschaft entsorgt. „Auch die Ringleitung, die rund um den Flugplatz führte, war an vielen Stellen undicht“, sagt Joachim Thäle. „Wenn der Druck nachließ, wurde da einfach mehr hineingepumpt.“

Untere Bodenschichten stärker belastet als obere: Insgesamt 60.000 Tonnen kerosinverseuchte Erde werden bis Ende 2022 gereinigt.
Untere Bodenschichten stärker belastet als obere: Insgesamt 60.000 Tonnen kerosinverseuchte Erde werden bis Ende 2022 gereinigt. © Kristin Richter

Die großen Mengen an giftigen Stoffen, die auf diese Weise in die Erde gelangten, drohten, das Grundwasser bis weit ins Großenhainer Stadtgebiet zu verseuchen. Deshalb musste der Freistaat Sachsen, der das Gelände 1993 von den Russen übernommen hatte, handeln. Altlastenanalysen und Planungen fanden zwar schon seit Mitte der 1990er-Jahre statt – die Arbeiten selbst aber begannen erst im Jahr 2017. Zunächst wurden Vorbereitungen getroffen, wie etwa die Umsiedlung von Fledermäusen, die in den Flugzeug-Sheltern hausten. Die meisten Shelter wurden 2018 abgerissen und die Kontaminations-Standorte zunächst beräumt.

Im Frühjahr 2019 begann dann die großflächige Altlastensanierung. Dafür müssen sage und schreibe 260.000 Tonnen Erde bewegt werden. Was obendrauf liegt, ist meist kaum verunreinigt und kann einfach beiseite gefahren und zwischengelagert werden. Problematisch sind eher die unteren Erdschichten, wo sich das Kerosin im Laufe der Jahrzehnte angereichert hat. Diese kommen in die Mieten auf der Landebahn, wo sie je nach Konsistenz und Verschmutzungsgrad zwischen einem Viertel- und einem halben Jahr verbleiben. In dieser Zeit wird der verseuchte Boden vier- bis sechsmal gewendet, selten auch öfter. Wo nötig, wird ein spezieller Dünger aufgebracht, der die Tätigkeit der kerosinzerlegenden Bakterien intensiviert. „Die Qualität, die wir dadurch erreichen, lässt den Wiedereinbau der gereinigten Erde zu“, erklärt Projektleiter Silvio Strauß vom Ergo Umweltinstitut Dresden.

Eine Bodenwendemaschine wälzt die Erde ständig um, damit die schadstoffabbauenden Bakterien mit Sauerstoff versorgt werden.
Eine Bodenwendemaschine wälzt die Erde ständig um, damit die schadstoffabbauenden Bakterien mit Sauerstoff versorgt werden. © Kristin Richter

Insgesamt 60.000 Tonnen kontaminiertes Material werden auf diese Weise vor Ort gereinigt. „Man stelle sich vor, was das an Kosten und Kohlendioxid verursacht hätte, wenn wir zu weit entfernt ansässigen Spezialfirmen transportiert hätten“, sagt Sachgebietsleiter Thäle. Auch ohne diesen Aufwand belaufen sich die Kosten der Altlastensanierung schon auf 35,4 Millionen Euro. Momentan arbeiten die Sanierer an den letzten beiden der sieben Kontaminations-Standorte. Hier sollen die Arbeiten im nächsten Jahr abgeschlossen werden. Danach wird noch bis 2031 engmaschig das Grundwasser überprüft, um weitere Verschmutzungen auszuschließen.

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Der Freistaat will auf der fast 150 Hektar großen Flugplatzfläche einen Industriepark errichten und mindestens zwei oder drei Großinvestoren für die Ansiedlung interessieren. Das Areal sei schon von der Größe her sachsenweit einmalig. Hinzu kommt die gute Verkehrsanbindung. Der Flugplatz liegt unmittelbar an Bundesstraße 98, und von dort aus ist man in 20 Minuten auf der Autobahn. Außerdem führt die Bahnstrecke unmittelbar vorbei, sodass für ansiedlungswillige Firmen auch die Chance bestünde, einen Schienenanschluss zu bekommen. Der Fokus für die Ansiedlung liegt auf produzierendem Gewerbe, nicht auf Logistikunternehmen. Der Flugbetrieb spielt in den Plänen des Freistaates allerdings keine Rolle mehr. Sobald es ernst wird mit der Industrieansiedlung, ist das Fliegen hier passé.

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