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Moore sind nicht ersetzbar

Das geplante Kiesabbaugebiet Würschnitz-West gefährdet die Existenz einzigartiger geschützter Biotope. Die SZ sprach mit Holger Oertel, Nabu-Fachgruppe Ornithologie.

Bald nur noch eine Brennnesselwüste? Holger Oertel an einer offenen Wasserfläche im Waldmoor bei Großdittmannsdorf.
Bald nur noch eine Brennnesselwüste? Holger Oertel an einer offenen Wasserfläche im Waldmoor bei Großdittmannsdorf. © Manfred Müller

Würschnitz. In dem Thiendorfer Ortsteil sollen auf 134 Hektar Wald gerodet und Kies abgebaut werden. Der Naturschutzbund (Nabu) kritisiert schon seit mehr als 20 Jahren den großflächigen Kiesabbau in der Radeburger und Laußnitzer Heide.

Herr Oertel, was macht die Moorgebiete zwischen Radeburg und Ottendorf-Okrilla aus Sicht des Naturschutzes so wertvoll?

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Sachsen ist ein moorarmes Land, schon deshalb müssen wir die Restmoore besonders schützen. Sie binden zum einen sehr viel Kohlenstoff, woran man in Zeiten des Klimawandels unbedingt denken sollte. Zum anderen bringen sie eine einmalige Tier- und Pflanzenwelt hervor. Deshalb sind die Waldmoore bei Großdittmannsdorf ja als FFH-Gebiet ausgewiesen worden – als Schutzgebiet von europäischem Rang. Der unmittelbar angrenzende Töpfergrund wiederum ist mit 24 Sicker- und Sturzquellen das quellenreichste Gebiet im sächsischen Tiefland.

Auf den geschützten Flächen soll kein Kies abgebaut werden – wo liegt dann das Problem?

Das Problem ist der Wasserzufluss für die Moore. Er kommt aus den höher gelegenen Kieshochrücken, einem Grundwasserentstehungsgebiet. Es soll dort zwar nur oberhalb des Grundwasserspiegels gebaggert werden, aber es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass das den Wasserhaushalt der Moore und Quellen nicht beeinflusst. Niemand weiß, inwieweit sie auch von Schichtenwasser gespeist werden. Das Regenwasser durchströmt über sehr lange Zeit den Kies. Wird der Zufluss unterbrochen, trocknen die Moore und Quellen unwiederbringlich aus.

Nun beharrt ja das Kieswerk Ottendorf-Okrilla darauf, dass der Wasserzufluss in jedem Fall gewährleistet sein wird.

Wir haben große Zweifel an den Aussagen in den Genehmigungsunterlagen für Würschnitz-West. Die hydrologische Einschätzung zum Beispiel ist von anderen Fachleuten regelrecht zerrissen worden. Und es gibt weiteres Gefährdungspotenzial. Das Wasser, das in die Moore fließt, wird jetzt vom Waldboden und den Kiesschichten gefiltert. Es ist deshalb besonders nährstoffarm. Das wiederum ist der Grund für das Vorkommen von seltenen, geschützten Libellenarten und hochspezialisierten Moorpflanzen, wie Sonnentau und Torfmoose.

Nach dem Ausbaggern soll der Tagebau mit sogenanntem „tagebaufremden Material“ verfüllt werden. Das bringt Nährstoffe und Salze in den Boden und verändert den pH-Wert. Letztlich kommt alles, was dort oben hineingefüllt wird, unten im Moor wieder heraus. Das erleben wir leider bereits durch den bestehenden Tagebau „Laußnitz 1“ im Südosten der Moorschutzgebiete. Die wertvollen, äußerst nährstoffarmen Biotope drohen, zur Brennnesselwüste zu werden. Wir bemühen uns trotzdem um ein vernünftiges Verhältnis zum Kieswerk. Man kann dem Unternehmen ja schlecht verübeln, dass es Kies abbauen will. Aber dass das Oberbergamt die naturschutzrechtlichen und raumordnerischen Belange einfach ignoriert, können wir nicht hinnehmen.

Warum greifen die Naturschutzbehörden nicht ein?

Es ist paradox: Obwohl wir europäische und landesweit bedeutsame Schutzgüter haben, vertritt keine Landesbehörde diese Belange. Sachsen hat mit der Abschaffung der Staatlichen Umweltfachämter die Naturschutzbelange auf die Kreisebene verlegt. Wie soll sich eine Kreisbehörde gegenüber der Landesbehörde Oberbergamt durchsetzen? Außerdem liegt das sensible Gebiet in zwei Landkreisen – Meißen und Bautzen – und dort jeweils am Rande. Da ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen und die Aufmerksamkeit deshalb nicht so hoch.

Apropos Bevölkerung: Wie ist Ihr Verhältnis zur Würschnitzer Bürgerinitiative, die sich um die Lebensqualität in der Region sorgt?

Deren Einwände sind absolut berechtigt, nur leider haben sie in einem bergrechtlichen Verfahren wenig Relevanz. Wir arbeiten aber in Naturschutzbelangen gut mit den Würschnitzern zusammen. Die Wälder selbst sind übrigens auch ein wichtiges Schutzgut. Zum Beispiel für wohnortnahe Erholung, Klimaschutz und Biotopverbund. Die geplanten, zur Vergrasung neigenden Aufforstungen auf den Kippen sind mit den strukturreichen Wäldern nicht vergleichbar. Zudem kommen in den Altwäldern auch mehrere gefährdete Arten vor: der Baumpieper, Rauhfuß- und Sperlingskauz, die Kreuzotter. Letztere pendelt zwischen den trocken-warmen Waldbereichen und den Mooren.

Würschnitz-West hat mittlerweile landesweit Aufmerksamkeit erregt. Wie geht es jetzt weiter?

Das bergrechtliche Verfahren für Würschnitz-West liegt derzeit auf Eis. Wir fordern ein hydrologisches Gutachten von einem vereidigten Büro – und zwar von allen Abbaugebieten des Kieswerkes Ottendorf-Okrilla. Wie wir gehört haben, geht das Oberbergamt dem jetzt nach. Wenn so ein Gutachten vorliegt, holen wir uns Experten, die es gegenchecken. Wichtig ist, dass das Verfahren weiter öffentlich geführt wird und die Bürger sich einbringen können.

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Dr. Holger Oertel (43) ist stellvertretender Leiter der Fachgruppe Ornithologie Großdittmannsdorf. Der studierte Geograf arbeitet bei der Dresdner Stadtverwaltung und gehört dem Nabu-Landesvorstand an.

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