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"Natur-Inseln helfen uns nicht"

Der Artenschutz hat in der intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaft zwischen Elbe und Röder keinen leichten Stand. Die SZ sprach mit Nabu-Chef Volker Wilhelms.

Volker Willhelms ist Vorstandschef des Nabu-Regionalverbandes Großenhainer Pflege.
Volker Willhelms ist Vorstandschef des Nabu-Regionalverbandes Großenhainer Pflege. © Anne Hübschmann

Am zweiten Januarwochenende fand die deutschlandweite Nabu-Wintervogelzählung statt – Naturschutz im Homeoffice sozusagen. Ist das die Zukunft: Jeder engagiert sich von zu Hause aus und allein?

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Gelten wir Naturschützer nach außen hin nicht oft als Eigenbrötler? Aber im Ernst: Wir brauchen natürlich beides – individuelles Engagement und die Zusammenarbeit in der Gruppe. Deshalb hoffen wir, dass Kontaktbeschränkungen bald wieder gelockert und in der Perspektive ganz aufgehoben werden.

Voriges Jahr wurden etliche Nabu-Veranstaltungen wegen der Ansteckungsgefahr abgesagt, darunter auch so beliebte wie die Fledermausnacht. War der Regionalverband da nicht übervorsichtig?

Wir haben ja mehrere Exkursionen durchgeführt – mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Aber zur Fledermausnacht kommen in der Regel mehr als 50 Besucher, darunter viele Familien mit kleinen Kindern. Wenn die anfangen, herumzuwuseln, kann man die Abstände beim besten Willen nicht mehr einhalten. Deshalb haben wir uns schweren Herzens entschlossen, die regionale Fledermausnacht abzusagen. Ebenso die Feldstation im Juni, die ja ein Zeltlager ist, wo Kontakteinschränkungen auch schlecht möglich sind. Auch auf die traditionelle Sommerfete haben wir lieber verzichtet.

Gibt es angesichts der aktuellen Kontaktverbote überhaupt noch ein Mitgliederleben?

Das gibt es, nur eben über Computer und Mobiltelefon. Hin und wieder treffen auch ein paar Mitglieder zusammen – nur eben weniger Personen und nur dann, wenn es auch erlaubt ist. Aber die gemeinsamen Erlebnisse sind rar geworden, und das fehlt uns schon. Was uns noch anhängt, ist die Mitgliederversammlung, die normalerweise im Dezember stattfindet, und die wir verschieben mussten. Wir hoffen, dass wir sie im März oder April nachholen können. Wenn es dann noch Gaststätten gibt, wo man sich treffen kann.

Hat die Pandemie die Mitgliederzahl beeinflusst?

Eher nicht. Wir haben zwar einen leichten Mitgliederschwund zu verzeichnen, aber dafür gibt es andere Ursachen. Voriges Jahr lief eine große Werbeaktion, bei der die Mitgliederzahl in der Region auf über tausend hochschnellte. Da sind natürlich einige wieder abgesprungen. Was wir wirklich dringend brauchen: Enthusiasten, die uns nicht nur mit ihrem Mitgliedsbeitrag unterstützen, sondern sich aktiv in die Naturschutzarbeit einbringen wollen.

Wie soll es ab dem Frühjahr weitergehen? Werden die monatlichen Exkursionen zu den geschützten Biotopen der Region fortgesetzt?

Wir sind gerade dabei, das neue Programm zu erarbeiten – im April wird die erste Exkursion stattfinden. Wir hoffen, dass ab Oktober auch wieder Vorträge möglich sind.

Können Sie sich vorstellen, als Teilnahmebedingung für öffentliche Nabu-Veranstaltungen eine Impfbestätigung einzufordern?

Es steht uns gar nicht zu, so etwas zu verlangen. Aber bei unseren Mitgliedern hoffen wir schon, dass sie sich lieber impfen lassen, als mit einem Ansteckungsrisiko zu leben. Was bringt es für unser Anliegen, wenn unsere Aktiven krank darniederliegen?

Gibt es neue oder fortlaufende Projekte, an denen der Regionalverband mitarbeitet?

Wir haben mit unseren Artenschutzprojekten – etwa bei Störchen und Greifvögeln – gut zu tun. Außerdem bleiben wir weiter dran, Flächen zu erwerben, die für den Naturschutz wichtig sind. Die müssen regelmäßig gepflegt werden, und das macht eine Menge Arbeit.

Was war Ihre größte Enttäuschung im vorigen Jahr?

Die Erfahrung, dass Naturschutzbehörden ihre gesetzlichen Spielräume eher gegen als für den Naturschutz nutzen. Der Kiesabbau zwischen Ottendorf-Okrilla und Würschnitz ist dafür ein trauriges Beispiel. Früher war ein Naturschutzgebiet nahezu unantastbar. Heute wird mal eben schnell eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

Was ist Ihre größte Hoffnung für 2021?

Dass der Schaden für das Ökosystem des Zabeltitzer Auwaldes minimiert werden kann. Dort wurden eine Glasfaserleitung durchs Naturschutzgebiet gelegt und dabei der natürliche Wasserhaushalt beeinträchtigt. Der Nabu-Landesverband klagt dagegen, und wir tragen vor Ort die Fakten zusammen. Aber vor Gericht und auf hoher See …

Was sind die Themen der Zukunft für Naturschutzarbeit in der Region?

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Wir müssen bei der Erhaltung der Artenvielfalt die Kurve kriegen – sowohl bei Tieren als auch bei Pflanzen. Das funktioniert nur durch die Vernetzung von Biotopen. Langfristig betrachtet, helfen uns Natur-Inseln nicht weiter.

Gespräch: Manfred Müller

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