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Neues vom Brieftauben-Reiseverein

Aschenputtel hätte dieser Tage viel Freude an Johannes Engers Sporttieren. Doch sie können viel mehr als Erbsen aus der Asche picken.

Johannes Enger aus Skäßchen ist fast 60 Jahre Mitglied in der Deutschen Brieftauben-Reisevereinigung. Dieses Jahr war für ihn erfolgreich.
Johannes Enger aus Skäßchen ist fast 60 Jahre Mitglied in der Deutschen Brieftauben-Reisevereinigung. Dieses Jahr war für ihn erfolgreich. © Kristin Richter

Skäßchen. Bei Johannes Engers Pfeifen kommen sie raus: die Täubchen aus ihrem Stall. Sie fliegen in den überdachten Innenhof des Verschlages und warten darauf, die Erdnüsse zu picken, die der 75-Jährige in der Hand hält. Es ist eine Szene wie aus dem berühmten Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Nur dass wir es hier nicht mit einfachen Täubchen, sondern mit Sporttieren zu tun haben.

Johannes Enger ist seit fast 60 Jahren Mitglied in der Reisevereinigung Riesa, einem Verein für Brieftauben. Als er 1961 eintrat, nannte sich das noch Nationale Sporttauben-Züchtervereinigung und gehörte zur GST. Damals wie heute haben Züchter wie Enger das gleiche Ziel: mit den Sporttauben auf Freiflügen bestmögliche Ergebnisse zu erzielen.

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Brieftauben werden seit Alters her als Nachrichtenübermittler eingesetzt. Genutzt wird dabei ihre Fähigkeit, von jedem Punkt aus nach Hause zu fliegen. Im Krieg gab es Taubenschläge an der Front, aus denen die Tiere mit Meldungen an den Ausgangsort zurückgeschickt wurden. "Sporttauben fliegen etwa 100 Kilometer pro Stunde", sagt Johannes Enger. Sie können Strecken bis zu etwa 500 Kilometer am Stück zurücklegen. Auf Wertungsflügen geht es um die beste Zeit und Geschwindigkeit. Das sind die Wertungskriterien einer Sporttaube.

Johannes Enger war dieses Jahr bei zehn solchen Wertungsflügen mit seinen Tieren sehr erfolgreich. "Bei der Sachsenmeisterschaft hatte ich die erste Alttaube", sagt der frühere Landwirt stolz. "Sie flog 380 Kilometer." Bei der Jungtaubenmeisterschaft kam sein Tier auf den sechsten Platz von 24. Sie flog im August 176 Kilometer. Jungtauben sind dabei die Einjährigen, die Älteren sind demnach leistungsfähiger.

Mehr als 60 Brieftauben füttert der Skäßchener derzeit.
Mehr als 60 Brieftauben füttert der Skäßchener derzeit. © Kristin Richter
Hier wiegt Johannes Enger das Futter für seine Tiere und hat den Flugplan an der Wand hängen.
Hier wiegt Johannes Enger das Futter für seine Tiere und hat den Flugplan an der Wand hängen. © Kristin Richter
Das sind die Ringe der Tiere, die im Winter abgenommen werden.
Das sind die Ringe der Tiere, die im Winter abgenommen werden. © Kristin Richter
An der Mittelstraße in Großenhain-Naundorf haben die Brieftaubenzüchter ihren Sitz. Das Schild malte Wolfgang Effenberg.
An der Mittelstraße in Großenhain-Naundorf haben die Brieftaubenzüchter ihren Sitz. Das Schild malte Wolfgang Effenberg. © Kathrin Krüger-Mlaouhia

In Großenhain-Naundorf an der Mittelstraße hat Engers Verein mit Sitz in Riesa seine Einsatzstelle, sein Vereinshaus. Hier bringen die vier Züchter der Sektion Großenhain ihre Tauben zum Einkorben. So werden sie für den Lkw-Transport fertiggemacht. Mit etwa 2.000 Reisetauben an Bord geht es dann Richtung Osten, bis voriges Jahr noch Richtung Westen. "An der polnischen Grenze werden die Tiere freigelassen", sagt Johannes Enger. Dabei gehen am Lkw die Jalousien hoch, es geht die Klappe auf, und die Tauben fliegen im Wettflug zurück Richtung Großenhain. "Manchmal verfliegt sich auch eine Sporttaube", erklärt Johannes Enger. In vielen Fällen werden diese Tiere von anderen Züchtern gefunden und anhand der Telefonnummer auf ihrem Fußring identifiziert. Aus Richtung Westen werden Tiere übrigens nicht mehr ausgesetzt, weil sie dann über Gebirge fliegen müssten.

Und dort lauern mehre Feinde. Habichte, Falken oder Wanderfalken fangen die Tauben im Flug. Enger hat kürzlich auch ein Tier eingebüßt. Zwischen April und Oktober lässt er seine Tauben zum Flugtraining frei. Dann erhalten sie auch eine spezielle Flugmischung als Futter: Mais, Erbsen und Gerste.

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Johannes Enger war noch ein junger Mann, als er sein Hobby begann. "Mein Großvater hatte schon Tauben, ich bin damit großgeworden", so Enger. 1945 hatten Schmied Alfred Kummer und sein Geselle Gerhart Hartmann einen Verein mit damals rund 30 Mitstreitern gegründet. Doch das Interesse ließ immer mehr nach. Heute müssen sich die Großenhainer schon neben den Riesaern mit den Torgauern zusammentun.

Doch noch schlechter geht es den Tieren, die keine Leistung mehr bringen. Johannes Enger zeigt auf seine Flugerfolgspläne und erklärt: "Die nur einen Strich haben, kommen in die Nudeln."

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