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"Diese Straße wird so nicht gebaut werden"

Die öffentliche Abschlussveranstaltung zum Großenhainer Verkehrskonzept sorgte für ein gefülltes Kulturschloss. Die B-101-Verlegung war ein Hauptthema.

Wo führt künftig die B 101 entlang? Bei einer gut besuchten Informationsveranstaltung am Mittwoch gab es darauf keine Antwort, wohl aber deutliche Aussagen.
Wo führt künftig die B 101 entlang? Bei einer gut besuchten Informationsveranstaltung am Mittwoch gab es darauf keine Antwort, wohl aber deutliche Aussagen. © Kristin Richter

Großenhain. Die meisten waren wohl wegen der B 101 gekommen. Als am Mittwochabend im Kulturschloss zum zweiten Mal das künftige städtische Verkehrskonzept öffentlich vorgestellt wurde, waren alle rund 80 Plätze besetzt. Zur umstrittenen Osttangente bei einer Verlegung der Bundesstraße 101 raus aus der Stadt wollten sich viele Betroffene schlaumachen, wie die Diskussion belegte. Das Verkehrsentwicklungskonzept 2030 (VEK) wurde vom Ingenieurbüro für Verkehrsanlagen und -systeme Dresden erarbeitet und von Diplomingenieur Sandro Marche vorgestellt.

Kommt die B-101-Ostumfahrung oder nicht?

Bereits beim Flächennutzungsplan im August waren die möglichen Pläne einer Neutrassierung der B 101 südlich vom Kupferberg und durch das Hopfenbachtal diskutiert worden. Schon damals hieß es aus dem Rathaus: Die Variante ist noch meilenweit entfernt von konkreten Planungen. Allerdings habe der Stadtrat eine Westtangente abgelehnt, weil sie noch mehr Probleme verursache. Durch die Stadt soll die neue B 101 künftig auch nicht mehr verlaufen.

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Jetzt wurde gesagt: Dieser Vorschlag im VEK ist erstens sowieso nur realistisch, wenn eine Großansiedlung am Flugplatz kommt. Und viel, viel höhere Verkehrsströme als jetzt aus der Innenstadt gebracht werden müssen. Zweitens muss die Stadt rechtzeitig vorsorgen und mit einem plausiblen Grund die Notwendigkeit beim Bund als Baulastträger anzeigen. Drittens werde erst dann, wenn Geld dafür bereitgestellt wird, eine genaue Variantenuntersuchung durchgeführt. Oberbürgermeister Sven Mißbach und sein Stellvertreter Tilo Hönicke bemühten sich sehr, zu bekräftigen, dass diese Trasse so auf keinen Fall gebaut werde. Weil sie auch keine Lösung darstelle. Es sei viel zu zeitig für eine konkrete Bewertung der Machbarkeit. Doch im Landesverkehrswegeplan ist die Neutrassierung grundsätzlich schon geplant.

Die Skeptiker bleiben trotzdem. Hans-Jürgen Kriegler vom Kreisverband der Gartenfreunde Großenhain sprach in der Diskussion von Ängsten in den Kleingärten Ostende und Rödertal an der Radeburger Straße. Dort befürchtet man, liquidiert zu werden. Spartenvorsitzender Michael Lippert vom "Ostende" machte darauf aufmerksam, dass sich hier ältere Menschen etwas aufgebaut haben und junge Kleingärtner eine Perspektive brauchen. 110 Gärten liegen in den zwei Anlagen, es betreffe etwa 330 Menschen. "Sie können sich nicht vorstellen, was bei uns gerade los ist", so Lippert.

Andrew Taupitz, der am Umspannwerk wohnt, wo die B-101-Variante die Öhringer Straße queren würde, zeigte sich nach den Ausführungen beruhigt. "Eigentlich schreibt man aber nichts auf, was nicht passiert", sagte er trotzdem. Laut Tilo Hönicke könnte der Zeithorizont für einen möglichen Bau der neuen Trasse bei einem Vierteljahrhundert, also 25 Jahren, liegen. Welcher Korridor am Ende praktikabel sein könnte, bleibt noch immer ein Rätsel. Tilo Hönicke: "Vielleicht gibt's noch eine Variante hinter Folbern."

Stein des Anstoßes: Die Vorlage für die - eher unwahrscheinliche - neue Führung der B101 östlich von Großenhain.
Stein des Anstoßes: Die Vorlage für die - eher unwahrscheinliche - neue Führung der B101 östlich von Großenhain. © IVAS

Welche Maßnahmen gibt es in der Innenstadt?

Zum Bereich Innenstadt schlagen die Planer im Konzept unter anderem eine durchgängige Einbahnstraße auf der Dresdner Straße zwischen B 101 und Frauenmarkt vor. Ein Verkehrsversuch könnte den oberen Frauenmarkt als autofrei testen. Am Parkplatz Topfmarkt könnten Aus- und Einfahrt getrennt werden und das Anhalten der Fahrzeuge an der ersten Grundschule mit einer sogenannten Kiss-and-ride-Zone verbessert werden. Nicht nur an der Kreuzung Meißner Straße (künftiges Polizeirevier), sondern auch an der Dresdner Kreuzung sollte ein Kreisverkehr eingerichtet werden. OB Mißbach bleibt skeptisch: "Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr ist eher kreisverkehrunfreundlich." Auch Jörg Heller und Michael Starke von der Bürgerinitiative Gemeinsam für Großenhain sprachen sich aber für diese Kreisverkehre aus. Bei den geplanten Zufahrten zum Industriegebiet Nord von beiden Bundesstraßen sowie von der B 98 zur Neutrassierung der B 101 seien künftig auch Kreisverkehre günstig. "Es sollte von der IVAS gefordert werden, auch hierfür einen Lösungsvorschlag zu unterbreiten."

Birt Reichelt von der Frauengasse und weitere Innenstadtanlieger finden die Anwohnerinteressen zu wenig berücksichtigt. "So eine Neuordnung der Dresdner Straße bringt kein Auto aus dem Stadtzentrum", denkt er. Der nächtliche Belieferungsverkehr für die Geschäfte sei enorm, die Lkws würden sich nicht an Tempo 30 halten. Auch interessiert Birt Reichelt, wie die Infrastruktur für Elektroautos in Zukunft in der Innenstadt erweitert werden soll. "Das wird noch ein ganz dickes Brett", gab Sven Mißbach dazu zu verstehen.

Was wird für einen besseren Radverkehr vorgeschlagen?

Die vielen Einbahnstraßen in der Stadt werden von Radfahrern oft missachtet. Nun wird vorgeschlagen, diese Straßen für den Radverkehr in beide Richtungen freizugeben. Denn der Alltagsradverkehr wird auch durch die demografische Entwicklung zunehmen. Auf dem Kopfsteinpflaster der Innenstadt könnte zudem die Befahrbarkeit für Räder durch einen Betonstreifen verbessert werden. Vor allem die Radeburger Straße sollte für Radfahrer attraktiver werden, links und rechts könnten Bedarfs-Radstreifen wie auf der Weßnitzer Straße angelegt werden. Die Fahrbahn hätte laut Sandro Marche dann immer noch eine Sieben-Meter-Breite. Mehr Bordsteinabsenkungen und sichere Querungen würden der allgemeinen Barrierefreiheit dienen.

Pfarrer Dietmar Pohl, der an der Radeburger Straße wohnt, schlug vor, mit Reglungen dafür zu sorgen, dass die vorhandenen Straßen stärker frequentiert werden. So die B-98-Ortsumfahrung. Die Holztransporter müssten durch Tonnage-Begrenzungen weg von der Radeburger Straße. Doch dafür ist die gezählte Belastung laut Obermeister immer noch nicht hoch genug. Georg Wolf und Werner Schmidt sprachen sich ebenfalls für Verbesserungen für Radfahrer aus. "Autofahrer müssen Opfer bringen", hieß es mit Verweis auf zahlreiche andere Städte. Tilo Hönicke sieht die Angebotsstreifen auf der Radeburger machbar. Auch an künftige Ladestationen für die vielen E-Bikes müsse man denken, appellierte Jens Hadisch.

Sollte eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet werden?

Zusätzlich zu den Bürgerhinweisen, die immer noch bei der Stadtverwaltung eingereicht werden können, fordert die BI eine eigene "Soko VEK 2030". Sie sollte den Stadträten rechenschaftspflichtig sein. Die BI würde auch gern weiter wie schon bisher in den Workshops mitarbeiten. "Ausgehend von der Maßnahmenübersicht ist ein konkreter, mit Prioritäten und Terminen versehener Arbeitsplan mit einer zuständigen, verantwortlichen Person zum Jahresbeginn zu erstellen. Damit muss umgehend begonnen werden, um zügig die anstehenden Maßnahmen in Angriff zu nehmen. Da manche Planungen und Durchführungen oft sehr lange dauern", fordert die BI. Jörg Heller und Michael Starke wundern sich zudem, dass die Kreisverkehrslösung am Radeburger Platz "aufgrund angeblich ungünstiger Platzverhältnisse bisher nicht gefunden wurde". Das IVAS sollte eine Lösung unbedingt vorlegen, denn das gehöre zur Aufgabenstellung.

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Ein weiterer wichtiger Punkt ist ihrer Meinung nach rausgefallen: der Vorschlag einer Rechtsabbiegespur an der Abfahrt Zentrum von der B 98. Hier staue sich der Verkehr an zu vielen Ampeln. Die BI: "Um noch etwas zu retten, sollte geprüft werden, ob der Bau von drei zusätzlichen Rampen mit Auf- und Abfahrtsschleifen und Eingliederungsspuren möglich ist." Damit könnte eine wesentliche Verbesserung des Verkehrsflusses erreicht werden.

Der Großenhainer Stadtrat wird das Verkehrskonzept voraussichtlich um den Jahreswechsel herum beschließen.

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