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Verstärkt Corona Selbstmord bei Jugendlichen?

Aktuelle Fälle aus dem Raum Großenhain werfen Fragen auf. Das Kreisjugendamt hält sich zurück. Sozialarbeiter kennen Ursachen.

Verzweiflung schlägt in Krisenzeiten wie derzeit manchmal in Lebensmüdigkeit um.
Verzweiflung schlägt in Krisenzeiten wie derzeit manchmal in Lebensmüdigkeit um. © dpa

Großenhain. Eine 18-jährige Schülerin hat sich kürzlich kurz vor ihren Abschlussprüfungen das Leben genommen. In Frauenhain warf sich vor einigen Wochen eine 15-Jährige aus dem Schradenland vor einen Zug. Ob beide Fälle mit Corona zu tun haben, ist offen. Doch im Großenhainer Stadtrat spielte das Thema im Zusammenhang mit der Pandemie in nichtöffentlicher Sitzung eine Rolle. Die Frage stellten sich nicht nur AfD-Stadträte: Müssen wir hier eingreifen? Was macht die Krise mit dem Seelenleben von Kindern und Jugendlichen?

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Das zuständige Kreisjugendamt bestätigt auf SZ-Nachfrage, dass "die Corona-Krise zweifellos für viele Menschen – darunter auch Jugendliche – mit psychischen Beeinträchtigungen einhergeht." Dabei sei nicht auszuschließen, dass Gedanken an den Freitod eine Rolle spielen. Dem Kreisjugendamt lägen jedoch keine Erkenntnisse zu steigenden Selbstmordraten vor. Ein Zusammenhang zu Auswirkungen der Corona-Pandemie wäre nicht zweifelsfrei herstellbar. "Das Kreisjugendamt wird sich nicht an Mutmaßungen und Spekulationen beteiligen", heißt es aus der Behörde.

Der Jugendhilfeausschuss des Kreistages befasst sich mit allgemeinen Themen der Jugendhilfe, auch im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Jedoch werde dort nicht im Detail mit eventuellen Selbstmorden operiert, heißt es von Kreissprecherin Anja Schmiedgen-Pietsch. Denn es gäbe im Landkreis Meißen eine Vielzahl an Hilfen, Anlaufstellen und Ansprechpartnern für Kinder und Jugendliche in schwierigen Situationen sowie für Eltern und Familien.

Ein Banner in Schönfeld am Ortsausgang Richtung Thiendorf.
Ein Banner in Schönfeld am Ortsausgang Richtung Thiendorf. © Kristin Richter

Aktuelle Statistiken für die Region Großenhain sind in der Polizeidirektion schwer zu bekommen. Doch die Wissenschaft wird deutlich: "Jedes sechste Kind denkt an Selbstmord" heißt es in einer alarmierenden Studie der Donau-Universität Krems in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien. Weitere Studien bestätigen diese Ergebnisse, je länger die Pandemie dauert. Demnach haben durch die Covid-19-Krise 16 Prozent aller Schüler suizidale Gedanken. Zusätzlich leiden mehr als die Hälfte unter depressiven Symptomen. Allgemein gilt Suizid nach Verkehrsunfällen als die zweithäufigste Todesursache bei Menschen bis 20 Jahren.

Jugendliche und sogar Kinder denken an Selbstmord, um Isolation, Überforderung, Existenzangst oder häuslichen Gewalt zu entfliehen, schreiben die Autoren. Schulen, Jugendämter und Familien können das Kindeswohl unter den aktuellen Rahmenbedingungen gegebenenfalls nicht mehr ausreichend schützen. "Meldungen zu Kindswohlgefährdung haben deutlich zugenommen", bestätigt Stephan Liebegall von der Outlaw gGmbH, die u. a. in Riesa und Großenhain im Auftrag des Jugendamtes tätig ist. Von der Gefahr, dass sich depressive Züge verstärken, sind jetzt vor allem Heranwachsende betroffen, die vor der Pandemie schon psychisch labil waren, so Outlaw-Familientherapeutin Anett Scharnagel. Rund 100 Familien mit häuslichen Konflikten werden derzeit im Landkreis ambulant von Outlaw pädagogisch-therapeutisch unterstützt.

Warum entwickeln Kinder und Jugendliche Selbstmordgedanken? Renommierte Psychologen wie Hans-Joachim Maaz verweisen auf das, was die Einschränkungen den Jugendlichen nehmen, was für eine gesunde Entwicklung unverzichtbar ist: Nähe, Neugier, Gemeinschaft, den direkten Austausch, die Unbeschwertheit und das Recht auf Übermut. "Die Zerstreuung ist weg, manche Kinder können sich da nur schwer orientieren", so Stephan Liebegall. Der Übergang von depressiven Tendenzen zum Selbstmordwunsch sei fließend und könne schnell kippen. Einige Fachleute wie der Neurowissenschaftler Gerald Hüther sagen, dass die staatlichen Maßnahmen den Kindern mehr schaden als Corona.

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Hinweis: Wir berichten nur in Ausnahmefällen über Suizide, um keinen Anreiz für Nachahmung zu geben. Wenn Sie selbst depressiv sind, wenn Sie Suizid-Gedanken plagen, dann kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge im Internet oder über die kostenlose Hotline 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123. Die Deutsche Depressionshilfe ist in der Woche tagsüber unter 0800 33 44 533 zu erreichen. Hilfe gibt es auch beim sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises: 03521 7253402.

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