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"Wer will, findet eine Beschäftigung"

Familienkompass: Neben dem Bereich Gesundheit ist die Arbeit das einzige Thema, das im Großenhainer Land schlechter als im Kreis bewertet wird.

Die Stema Metallleichtbau ist einer der größeren Arbeitgeber in Großenhain. Hier werden Autoanhänger montiert.
Die Stema Metallleichtbau ist einer der größeren Arbeitgeber in Großenhain. Hier werden Autoanhänger montiert. © Klaus-Dieter Brühl/Archiv

Großenhain. Mit nur durchschnittlicher Note werden von den Großenhainer Teilnehmern der Umfrage "Familienkompass Sachsen 2020" die Fragen zur Arbeit in der Region beantwortet. Wie sind die Ergebnisse einzuschätzen, welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Die SZ sprach dazu mit dem privaten Arbeitsvermittler Thomas Proschwitz von der Herrmannstraße. 

Herr Proschwitz, auf die Frage, ob sie in der Region leicht Arbeit finden, antworteten die Großenhainer Teilnehmer der großen SZ-Umfrage mit der Schulnote drei. Etwas besser wird das zwar allgemein im Großenhainer Land mit den Umlandgemeinden gesehen, doch immer noch schlechter als der Durchschnitt im Landkreis. Finden Sie das berechtigt?

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Ehrlich gesagt nicht. Aus meiner Erfahrung bekommt jeder, der jetzt Arbeit sucht, eine Beschäftigung. Man muss sich natürlich selbst bemühen, muss Suchmaschinen und Webseiten nach Angeboten durchforsten. Auch bei uns gibt es offene Stellen in rauen Mengen: von A bis Z der Berufe. Auf einem anderen Blatt steht allerdings die Bezahlung. Und der erforderliche Arbeitsweg.    

Sozialpädagoge Thomas Proschwitz von der Privaten Arbeitsvermittlung PAV Großenhain antwortete auf die SZ-Fragen.
Sozialpädagoge Thomas Proschwitz von der Privaten Arbeitsvermittlung PAV Großenhain antwortete auf die SZ-Fragen. © Klaus-Dieter Brühl

Da sind wir schon bei der zweiten Frage, ob Arbeit angemessen bezahlt wird. Hier schneiden die Großenhainer Ergebnisse noch schlechter ab.

Das ist nun wirklich berechtigt. Denn das Gehalt, das in und um Großenhain gezahlt wird, ist wesentlich schlechter, als zum Beispiel in den Leuchtturm-Regionen. Es gibt viele Jobs mit Mindestlohn. Und der wird oft auch an Facharbeiter gezahlt und damit aus meiner Sicht missbraucht. Dabei ist Lohn ein wesentlicher Faktor, um Arbeitskräfte zu binden. Ich denke nur an den Preiskampf, der gerade im Baugewerbe wieder losgeht. 

Schon merken Arbeitgeber, dass sie gute Leute verlieren, wenn sie nicht angemessen bezahlen. Zum Beispiel im Reinigungsgewerbe, wo deshalb nun Tariflohn bezahlt wird. Oder in der Sicherheitsbranche. Hier können Beschäftigte gut Geld verdienen, weil das Sicherheitsbedürfnis der Menschen zunimmt. Auch bei der Zeitarbeit ist ein Wandel in punkto Verdienst im Gange. Nach einem halben Jahr werden viele übernommen. 

Weil viele Menschen pendeln müssen, um ihren Beruf mit angemessenem Verdienst ausüben zu können, wird der Punkt kurzer Arbeitsweg (nicht in den Grafiken enthalten) ebenfalls kritisch gesehen. Die allgemeine Einschätzung im Familienkompass liegt bei 2,39. Die Note des Landkreises ist nur 3,09. 

Und da ist Großenhain noch gut dran. Von hier pendeln viele nach Dresden, das ist leichter als für Arbeitnehmer aus Riesa. Von der Röder an die Elbe braucht man nur 25 Minuten mit dem Auto oder Zug. Aber tatsächlich kommen viele Berufe hier in der Region unter. Laut Sozialgesetzbuch ist ab einem Sechs-Stunden-Job ein einfacher Fahrweg von 1,25 Stunden zumutbar - mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit einem Privatfahrzeug geht es natürlich schneller. Schwierig wird es allerdings für Alleinerziehende. Da stellt sich dann schon die Frage des Aufwandes und der Kinderbetreuung. 

So bewerten die Großenhainer die Fragen im Bereich Arbeit.
So bewerten die Großenhainer die Fragen im Bereich Arbeit. © SZ Grafik

Erfreulicherweise haben viele Teilnehmer eingeschätzt, dass ihr Arbeitsplatz sicher ist. Hier decken sich die Ergebnisse von Großenhain-Stadt und -Land beinahe mit dem Sachsen-Durchschnitt.

Zum Großteil hat das vielleicht mit dem öffentlichen Dienst zu tun, denn der ist in der Region der größte Arbeitgeber. Hier sind die Arbeitsplätze relativ sicher. Aber auch in den Pflegeberufen wird kaum entlassen, im Handwerk haben gute Leute ebenfalls ihre Chance. Das ist gut so. Ich frage mich allerdings, was wird, wenn in einigen Jahren die Großansiedlung am Flugplatz kommen sollte. Dann kann ein gut bezahlender Investor viele Arbeitskräfte aus kleinen Firmen abwerben. Ich plädiere schon immer dafür, am Flugplatz eher ein Mischgebiet zu etablieren. 

Nicht ganz so gut sind die Ergebnisse bei der Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit.     

Aber immer noch gut. Nach unserer Erfahrung sind mittlerweile viele Arbeitsstellen mit dem Privatleben gut vereinbar. Wie das Gehalt ist das schon eine zweite Säule, um Arbeitskräfte zu binden. Nur im Schichtdienst funktioniert das freilich so nicht. Es ist auch festzustellen, dass das klassische Modell des Dienstbeginns um sechs Uhr morgens ausläuft. Längst sind neue Arbeitszeitmodelle wirksam, und durch Corona hat das Homeoffice enormen Aufschwung genommen. Aus der Not heraus reagieren die Arbeitgeber, denn der Arbeitsmarkt gibt nicht mehr so viele Leute her. Die Überalterung wird ein Riesenproblem. Deshalb ist der Chef schlau, der rechtzeitig umdenkt. Und vielleicht auch Ältere noch einstellt, die die Kindererziehung hinter sich haben. 

Etwas besser schneidet in den meisten Fragen das gesamte Großenhainer Land ab.
Etwas besser schneidet in den meisten Fragen das gesamte Großenhainer Land ab. © SZ Grafik

Letzte Frage: Die Zukunftschancen für den Nachwuchs werden eher schlecht eingeschätzt, sowohl in Großenhain, im Großenhainer Land wie auch im Kreis. Teilen Sie diese Ansicht? 

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