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"Durch Lockdown mehr Betrug im Internet"

Corona, Reichsbürger, Onlinehandel und ein spektakulärer Mordfall: Großenhains Revierleiterin Sandra Geithner spricht über das Jahr 2020 - ein besonderes.

Die Leiterin des Großenhainer Polizeireviers Sandra Geithner ließ im Gespräch mit der SZ das vergangene Jahr Revue passieren. Herausragend seien die Anforderungen durch Corona und der Mord gewesen.
Die Leiterin des Großenhainer Polizeireviers Sandra Geithner ließ im Gespräch mit der SZ das vergangene Jahr Revue passieren. Herausragend seien die Anforderungen durch Corona und der Mord gewesen. © Foto: Norbert Millauer

Großenhain. Am Montagabend war sie wieder selbst im Einsatz. Wenn es darum geht, ihr Team zu unterstützen, lässt sich Sandra Geithner erfahrungsgemäß nicht lange bitten. Seit vier Jahren leitet die erfahrene Polizeibeamtin nun schon das Großenhainer Revier, hinter und vor dem Schreibtisch. Eine Aufgabe, die ihr nach eigenem Bekunden immer noch großen Spaß bereitet. Einerseits, weil sie längst ein fester Bestandteil der Röderstadt sei, gut vernetzt wäre und inzwischen von den Einwohnern selbst in ziviler Bekleidung freundlich gegrüßt werde. Und andererseits, weil ihr das Glück vergönnt sei, mit einer hochmotivierten Mannschaft arbeiten zu dürfen. Eine, für die das vergangene Jahr in jeder Hinsicht etwas Besonderes gewesen sei.

Frau Geithner, wie hat die Pandemie Einfluss auf die Arbeit der Großenhainer Polizei genommen?

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Wir hatten einen rapiden Anstieg der Einsatzmaßnahmen! Zu einem Großteil der Einsätze konnten wir auf die Unterstützung der sächsischen Bereitschaftspolizei zurückgreifen. Ohne die Kollegen aus Dresden wäre es bei den Teilnehmerzahlen an manchem Montagabend in Großenhain schwierig geworden. Gemeinsam konnten wir aber unser Einsatzkonzept sehr gut umsetzen, stellten durch ständige Kommunikation die notwendigen Abstände her und setzten auch die Maskenpflicht weitestgehend durch.

Sie meinen die Versammlungen von Menschen auf dem Großenhainer Hauptmarkt, welche augenscheinlich gegen die bestehenden Beschränkungen protestieren?

Ja. Bereits im Mai und Juni vergangenen Jahres wurden ja die sogenannten Montagsspaziergänge veranstaltet. Wir befanden uns damals bereits am Ende der ersten Welle und trotzdem hatten wir zu Spitzenzeiten gut 300 Menschen auf der Straße, die ihre Enttäuschung gegen die Politik zum Ausdruck brachten. Seine Meinung zu äußern, ist ja auch gar kein Problem, ganz im Gegenteil, es ist ein wesentliches Merkmal unserer Demokratie. Im Großen und Ganzen blieben die Proteste friedlich. Was sich im Übrigen auch für dieses Jahr so einschätzen lässt. Das Interesse ist zudem merklich gesunken. Momentan trifft sich nur noch ein harter Kern am Hauptmarkt.

Wie in jedem anderen Unternehmen wird die Pandemie doch aber auch direkt in Ihre Arbeitsabläufe eingegriffen haben, oder?

Selbstverständlich, und zwar massiv! Wir mussten nicht zuletzt aus personellen Gründen unsere Schwerpunkte verschieben. Wir gehen beispielsweise noch immer einmal wöchentlich gemeinsam auf Streife mit dem städtischen Ordnungsamt. Unser Hauptaugenmerk galt 2020 und auch jetzt der Einhaltung der Corona-Regelungen. Da sich diese ständig ändern, war es für uns eine Herausforderung, immer auf dem aktuellen Stand der Dinge zu sein. Schließlich wird das ja von der Polizei erwartet. Außerdem wurden wir in der Anfangszeit der Pandemie mit unglaublich vielen Anrufen und Anfragen konfrontiert: darf ich zur Sparkasse fahren oder kann ich mein Kind von meiner getrennt lebenden Frau in Brandenburg abholen. Und nicht zuletzt ging auch an unserem Kollegenkreis die Erkrankung nicht spurlos vorüber. Rund um den Jahreswechsel hatten wir einige Infizierte und Kollegen, welche sich in Quarantäne befanden. Gerade in der Zeit um die Feiertage mussten wir unseren Dienstplan komplett umplanen. Eine Situation, die wiederum gezeigt hat, dass ich mich auf meine Mannschaft verlassen kann und wir als Team gut funktionieren. Aktuell hat sich die Lage im Revier aber entspannt, so dass es uns sogar möglich ist, die Kollegen der Soko Hauptallee und Epaulette in Dresden personell zu unterstützen.

Im Landkreis Meißen gab es 2020 eine leichte Zunahme der Kriminalität. Zeigt sich diese Entwicklung auch im Revierbereich Großenhain?

Ja, wenn auch nur gering. Wurden 2019 in der Stadt Großenhain und den Ortsteilen 872 Straftaten registriert, waren es im vergangenen Jahr 893 Fälle. Die Aufklärungsquote ist mit 66,3 Prozent ein sehr gutes Ergebnis und nahezu gleich geblieben. Von den 387 ermittelten Tatverdächtigen waren 36 nichtdeutscher Herkunft. Auch das ist ein geringer Wert. Nichtsdestotrotz wurde unser Revier im Juni mit einem Ereignis konfrontiert, das uns alle tief erschüttert hat.

Sie sprechen vom Tod eines 38-jährigen Großenhainers, für den sich gegenwärtig zwei Frauen und zwei Männer vor dem Landgericht Dresden verantworten müssen?

Richtig! Und ich mache keinen Hehl daraus, dass dieses außergewöhnliche Verbrechen auch meine langjährigen Ermittler schwer getroffen hat. Die Kollegen unseres Reviers waren beim ersten Einsatz in der Nähe eines Waldgebietes bei Zottewitz mit dabei und wohl die wenigsten haben geahnt, was sie dort Schlimmes vor Ort erwarten wird. Das Auffinden des zunächst als vermisst gemeldeten Mannes bis hin zur Absicherung des Tatortes war und ist aufgrund der Intensität des Verbrechens sehr nachhaltig für die betreffenden Mitarbeiter gewesen.

Welche Delikte schlugen darüber hinaus zu Buche?

Aus polizeilicher Sicht eigentlich wieder querbeet alles: etwa die Rettung von Tieren, aufmerksame Kinder, welche Diebesgut aus der Röder gefischt haben, Streitigkeiten unter Nachbarn oder Einbrecher, die wir ertappt haben. Auffällig ist allerdings, dass sich im gesamten Revierbereich die Betrugsstraftaten um 42 Prozent auf 230 Delikte erhöht haben.

Und wie erklären Sie sich das?

Ich führe die Zunahme auf den Lockdown zurück. Das Tatmittel ist in der Regel das Internet, da der Onlinehandel verständlicherweise im letzten Jahr stark angestiegen ist. Es gibt doch noch sehr viele schwarze Schafe und die Bürger sind auch manchmal zu leichtsinnig, wenn es um eine Prüfung einer Bestellung geht.

Frau Geithner, auf dem Land ist das Leben meist noch in Ordnung. Zumindest sagt man so. Wie schaut die Realität aus?

In unseren Zuständigkeitsbereich fallen Ebersbach, Lampertswalde, Schönfeld, Priestewitz und Thiendorf. In allen fünf Gemeinden bewegt sich die Kriminalität auf einem niedrigen Niveau. Im ländlichen Bereich etwas ausgeprägter ist aber die Reichsbürgerszene, welche uns durch ihr Verhalten hin und wieder Probleme bereitet und Ängste in der Nachbarschaft provoziert. Hier arbeiten wir jedoch eng mit den Gemeinden zusammen. Manche Verhaltensweisen muss eine Gesellschaft eben auch ertragen, wenn kein strafbares Verhalten dahintersteckt.

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