merken
PLUS Großenhain

Menschenkind trifft Storchenkind

Die traditionelle Beringungsaktion im Großenhainer Ortsteil Görzig fand diesmal fast ausschließlich vor jungem Publikum statt.

Naturschützer Peter Reuße (M.) beim Beringen der drei Jungstörche aus dem Görziger Horst.
Naturschützer Peter Reuße (M.) beim Beringen der drei Jungstörche aus dem Görziger Horst. © Manfred Müller

Görzig. Dreißig staunende Kinderaugenpaare verfolgten am späten Sonntagnachmittag die Storchenberingung auf dem Grundstück von Matthias Marth in Görzig. Nachdem die bei Familien aus der ganzen Region beliebte Veranstaltung voriges Jahr coronabedingt ausgefallen war, durften diesmal zumindest die Jüngsten wieder erleben, wie die Storchenkinder aus ihrem Nest geholt, begutachtet, gewogen und vermessen wurden. Ein regelrechtes Dorffest wie in den Vorjahren gab es zwar noch nicht, aber die Beringungsaktion brachte zumindest einen Hauch von Normalität zurück in den Großenhainer Ortsteil.

Anzeige
Wo aus Trauben Träume werden
Wo aus Trauben Träume werden

Eine der schönsten Weinregionen Deutschlands entdecken bei einer Wanderung durch die Weinberge von Schloss Wackerbarth.

Als Weißstorch-Betreuer Peter Reuße per Hebebühne zum Horst hinaufschwebt, fliegt die Storchenmutter erst im letzten Moment weg. Sie kennt die Prozedur bereits, denn sie zieht schon seit 2012 ihre Jungen in Görzig auf. Seit 2013 immer mit demselben Storchenmann. Und dieser ist – was relativ selten vorkommt – auch hier aus dem Ei geschlüpft. Die drei Jungstörche schmiegen sich flach ins Nest und verharren bewegungslos, als Reuße sie vorsichtig in eine Tragetasche packt. Unten werden sie in Reih und Glied auf eine Decke gelegt, die sofort von Kindern zwischen zwei und zwölf umlagert wird. Nun treten Messschieber, Federwaage und Ringzange in Aktion. „Um den Kleinsten haben wir uns vor zwei, drei Wochen noch Sorgen gemacht“, sagt Matthias Marth. Der sei deutlich schwächer gewesen und wurde von seinen Geschwistern beim Füttern immer weggedrängt. Marth befürchtete schon, den Mickerling irgendwann tot unterm Nest zu finden. Aber der zeigte offenbar Courage und holte sich doch noch aus den elterlichen Schnäbeln, was ihm zustand. Mit knapp 2,7 Kilogramm wiegt er jetzt nahezu so viel wie das zweite Junge. Das dritte scheint der Chef im Horst zu sein – es ist knapp ein Pfund schwerer als die anderen. Aber auch bei denen sei alles im grünen Bereich, konstatiert Peter Reuße.

In diesem Jahr hat der Storchenbetreuer eine Besonderheit zu vermelden. Zum ersten Mal bekommen die Jungstörche gelbe Kunststoffringe mit einer speziellen Antihaftbeschichtung ans Bein gezwackt. Mit der Neuentwicklung aus Finnland sollen Erkrankungen vermieden werden. Weißstörche spritzen sich zur Abkühlung gern ihren weißen Kot auf die Beine. Dieser haftete stark an den bisher verwendeten Ringen und führte oft zu Entzündungen. „Ein Storch kann bis zu 20 Jahre alt werden“, erklärt Peter Reuße. „Da ist das Risiko, dass er durch die Anhaftungen krank wird und stirbt, ziemlich hoch.“ Die Anti-Schmutz-Beschichtung sei in den vergangenen zwei Jahren von Ornithologen getestet und für gut befunden worden. Wie das Storchenjahr 2021 ausfallen wird, darüber mag der Naturschützer noch nicht orakeln. Es habe diesmal sehr viele Spätankömmlinge gegeben und dadurch eben auch spätere Bruten. Wie sich die Jungen nun entwickeln und wie viele überleben, hängt von mehreren Faktoren ab. Vom Nahrungsangebot etwa, vom Wetter, aber auch von der Konkurrenzsituation. Vagabundierende Störche versuchen oft noch, einen Horst und einen Partner zu erobern und werfen dabei die bereits geschlüpften Jungen aus dem Nest. Bei Matthias Marth zum Beispiel gab es im vorigen Jahr eine Viererbrut, aber nur zwei Storchenkinder überlebten.

Mittlerweile hat Storchenbetreuer Reuße seine Arbeit beendet. Jetzt kommt der Moment, auf den die Görziger Kinder sehnsüchtig gewartet haben: Sie dürfen den kleinen Störchen vorsichtig übers Gefieder streicheln. Nur kurz, und möglichst von hinten, denn Jungstörche können mit ihren Schnäbeln schon ziemlich schmerzhaft hacken oder zwicken. Aber alles geht gut – die Interaktion zwischen Storchenkindern und Menschenkindern läuft entspannt ab. Ein paar ganz Mutige dürfen die Jungstörche sogar mit der Hebebühne an ihrem Nest besuchen.

Die neuen, schmutzabweisenden Kunststoffringe sollen Entzündungen an den Storchenbeinen verhindern.
Die neuen, schmutzabweisenden Kunststoffringe sollen Entzündungen an den Storchenbeinen verhindern. © Manfred Müller

Mehr zum Thema Großenhain