merken
PLUS Großenhain

Modehändler will gegen Schließung klagen

Dem Großenhainer Ronny Rühle reicht es: Nachdem er sich mehrmals öffentlich für die Öffnung der Geschäfte stark gemacht hat, will er nicht länger untätig abwarten.

Da hatte Ronny Rühle noch gut lachen: Genau vor einem Jahr renovierte der Großenhainer Unternehmer sein neues Geschäft in Riesa. Nun steht der 52-Jährige wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand.
Da hatte Ronny Rühle noch gut lachen: Genau vor einem Jahr renovierte der Großenhainer Unternehmer sein neues Geschäft in Riesa. Nun steht der 52-Jährige wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. © Foto: KDB

Großenhain. Frau Holle ist der Branche gewogen. Dicke Pullover, schicke Mäntel und wärmende Daunenjacken sind dieser Tage gefragt wie nie. Wer bis jetzt noch nicht im Kleiderschrank aufgerüstet hat oder sich für frostige minus zehn Grad modisch gerüstet hat, könnte durchaus zuschlagen. Die flockige Produktion würde ausreichen, so manchem winterlichen Teil noch über die Ladentheke zu verhelfen.

Was sich indes noch nicht bis zur fleißigen alten Dame herumgesprochen hat: sie kann die Betten aufschütteln, so viel sie möchte. Den Einzelhändlern zumindest im Freistaat Sachsen hilft die weiße Pracht absolut gar nichts. Zwar sind ihre Lager voll mit allem, was das Kundenherz begehrt und gewiss höher schlagen lassen würde. Aber die Ladeninhaber dürfen entsprechend der aktuellen Corona-Schutzverordnung nun mal lediglich über das Internet verkaufen. Wenigstens eine Möglichkeit, aber offenbar keine, die finanziell über die Runden hilft. "Dieser Bereich macht lediglich 20 Prozent vom Umsatz aus. Und da sind die Kosten und Aufwendungen für den Versand noch gar nicht mitgerechnet", verrät Ronny Rühle.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Der Großenhainer Unternehmer macht bereits seit Wochen wortgewaltig auf die Situation des sorgengeplagten Einzelhandels aufmerksam. Selbst 30 Jahre im Geschäft und mit renommierten Läden in der Röderstadt, Meißen und Riesa eigentlich kampferprobt, wollte der 52-Jährige nach eigenem Bekunden nicht tatenlos zusehen, wie das Ergebnis von Engagement und Arbeit gleichermaßen durch die Corona-Krise den Bach runtergeht. Was den erfahrenen Geschäftsmann dabei besonders wütend macht, sei die momentane Rolle, in die er wie viele in seiner Branche ungewollt von der Politik gedrängt worden wäre. In seiner Eigenschaft als Unternehmer könne er seit Monaten nur noch reagieren und dürfe nicht so - wie es seine Tätigkeit eigentlich verlange - agieren.

Auch deshalb habe er sich dazu entschlossen, mit seinen Bedenken bereits im Dezember an die Öffentlichkeit zu gehen. In einem Brief an Meißens Landrat Ralf Hänsel prangerte er an, dass der Handel in den Innenstädten seit der Pandemie an einem nie so dagewesenen Frequenz-Verlust leide. "Weniger konsumiert wird nicht. Die Einkaufsfreude der Menschen hat sich nur massiv ins Internet verlagert und alle schauen dabei tatenlos zu", kritisierte Ronny Rühle damals.

Ein paar Wochen später nahmen er und seine 15 Angestellten an der Aktion "Wir machen auf-merksam" teil, welche dank des Welt-Fernsehens nicht nur die verheerende Situation der Händler beleuchtete, sondern Großenhain auch deutschlandweit in die Schlagzeilen brachte. Und damit nicht genug. Auf Einladung der Sächsischen Zeitung spricht Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig Ende Januar vor Ort mit Ronny Rühle, der wiederum sehr deutlich macht, dass seinen Branchenkollegen und ihm inzwischen das Wasser bis zum Hals steht.

Nun, fast drei Wochen später, scheint es schon inzwischen über ihn hinweg zu schwappen. Der wirtschaftliche Rettungsring sei trotz zahlreicher Absichtsbekundungen der Bundes- und Landespolitik nicht bei ihm angekommen. Ganz im Gegenteil! Knapp zwei Monate nach Beginn des zweiten Lockdowns sei es immer noch nicht möglich, staatliche Überbrückungshilfe zu beantragen. Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, würde es nun richtig eng. "Meine mir jahrzehntelang verbundene Hausbank hat mir vergangene Woche unmissverständlich klar gemacht, dass mir weitere Überziehungen nicht eingeräumt werden können", bekennt Ronny Rühle und atmet tief durch. Damit sei eine nächste Stufe erreicht, nachdem er bereits im Herbst gezwungen gewesen sei, seine Altersvorsorge aufzulösen.

Draußen liegt dicker Schnee und drinnen gebe es all jene Bekleidung, die es für diese Witterung braucht. Aber das Modegeschäft von Ronny Rühle am Frauenmarkt ist natürlich geschlossen.
Draußen liegt dicker Schnee und drinnen gebe es all jene Bekleidung, die es für diese Witterung braucht. Aber das Modegeschäft von Ronny Rühle am Frauenmarkt ist natürlich geschlossen. © Foto: Norbert Millauer

Eine prekäre Lage, in der sich gegenwärtig viele Händlerkollegen in Großenhain, Meißen und Riesa befänden. Und dennoch bliebe bisher ein lokalpolitisches Aufbegehren aus. Lediglich Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach habe sich bei der sächsischen Staatsregierung für eine baldige Öffnung des Handels oder wenigstens der Einführung eines Abholservice, wie in allen anderen Bundesländern, stark gemacht. In einem am Montag versandten öffentlichen Brief an Landrat Ralf Hänsel sowie die Oberbürgermeister der Städte Meißen, Olaf Raschke, und Marco Müller in Riesa, bringt es Rühle selbst so auf den Punkt: "Nur durch ein Aussetzen der Insolvenzverordnung bis Ende April 2021 werden massenhaft Insolvenzen verschleppt. Mitarbeiter sind jetzt schon de facto arbeitslos. In der Statistik tauchen sie jedoch nicht auf, da sie sich in Kurzarbeit befinden. Viele Unternehmen stehen kurz vor der Zahlungsunfähigkeit, wenn sie es nicht schon sind."

Es sei wie bei einem Tsunami: Bevor die große, alles niederwalzende Welle käme, ziehe sich das Wasser zurück und alle wiegten sich in falscher Sicherheit. Aber es wäre eben nur eine Frage der Zeit, bis das Ungemach hereinbreche. Ungemach, das sich in schließenden Geschäften, weniger Steuereinnahmen und vernichtenden Existenzen widerspiegeln werde. "Verwunderlich ist, wie gelassen die hiesige Lokalpolitik dieser Entwicklung scheinbar zuschaut. Medienwirksame Weckrufe wie die des Rostocker oder Tübinger OBs sind Fehlanzeige. Kritische Video-Statements wie vom Heinsberger Landrat? Auf keinen Fall! Gespräche mit den Betroffenen? Zögerlich. Liegt es daran, dass sie sich als Verantwortliche nicht der Folgen für die Innenstädte und Menschen bewusst sind, oder ist es die Hoffnung darauf, dass die Landes- und Bundespolitik ein Füllhorn an Steuermitteln ausschüttet, um den Scherbenhaufen später wegzuräumen", gibt Ronny Rühle zu bedenken.

Weiterführende Artikel

Einzelhändlerin hat Teilerfolg vor Gericht

Einzelhändlerin hat Teilerfolg vor Gericht

Die Gewerbemiete für einen Laden ist bei einem staatlich verordneten Lockdown anzupassen. Das entschied das Oberlandesgericht Dresden.

"Amazon hat keine Schaufenster in der Altstadt"

"Amazon hat keine Schaufenster in der Altstadt"

Ab Montag startet in Sachsen Click-and-Collect. Auch Meißner Händler nehmen teil, sehen darin aber kein Heilsversprechen.

„Wir arbeiten am Fahrplan zur Öffnung“

„Wir arbeiten am Fahrplan zur Öffnung“

Wirtschaftsminister trifft auf Einzelhändler: Zwei Welten, die Corona und seine Auswirkungen zusammenführt.

"Regierung lässt Einzelhändler im Stich"

"Regierung lässt Einzelhändler im Stich"

Ein Team von Welt-Fernsehen berichtete am Montag live aus Großenhain von der Aktion "Wir machen auf-merksam". Auf eine Situation, die verheerend sei.

Auf eine Antwort will der sonst umtriebige Unternehmer nicht mehr warten. Das habe er in den vergangenen Monaten getan und sei enttäuscht worden. Stattdessen habe er sich nun einen profunden Anwalt genommen. Und wolle Klage einreichen - gegen die Sächsische Corona-Schutzverordnung. Für die Wiedereröffnung der kleineren Läden.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Großenhain