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Mordkomplott: Blick in menschliche Abgründe

Seit Mai läuft der Mordprozess gegen vier Großenhainer am Landgericht Dresden. Was dort alles zur Sprache kommt, ist nur schwer zu ertragen.

Seit Mai läuft am Landgericht Dresden die Hauptverhandlung gegen vier Angeklagte aus Großenhain. Stefanie W., damalige Ehefrau des im Juni 2020 getöteten Opfers, wurde schwer belastet
Seit Mai läuft am Landgericht Dresden die Hauptverhandlung gegen vier Angeklagte aus Großenhain. Stefanie W., damalige Ehefrau des im Juni 2020 getöteten Opfers, wurde schwer belastet © Archivfoto: Kristin Richter

Großenhain/Dresden. Drei der vier Angeklagten schweigen eisern seit dem Prozessauftakt am 19. Mai, doch nach acht Sitzungstagen im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Dresden reagieren einige oder senden Botschaften aus. Die mutmaßliche Haupttäterin Stefanie W. (32) etwa schien Tränen in den Augen zu haben, als ihre Schwester am Mittwoch als Zeugin vernommen wurde. Andreas R. (52) zeigte die geballte Faust, als ihm seine Ex-Ehefrau gegenüber saß. Zuvor hatte er der Zeugin, Mutter seiner beiden Kinder, demonstrativ den Rücken gezeigt und mit Wachtmeistern gescherzt.

Einmal in den vergangenen Verhandlungstagen trug R. ein T-Shirt, auf dem er seine Liebe zu „Anke“ gestand – damit dürfte er wohl die Mitangeklagte Anke F. (51) gemeint haben, die neben ihm sitzt. Bislang hat sich nur Stefan B. (29) zu den massiven Vorwürfen geäußert. Mit seinem Geständnis hat er alle schwer belastet, wie nach seiner Verhaftung im Juni 2020.Ansonsten geht es abgründig zu in der Hauptverhandlung. Es werden immer mehr Zeugen bekannt, denen gegenüber Stefanie W. ihre Mordabsichten noch vor der Tat angekündigt oder auch nach der Tat offenbart hatte. Eines hat das bislang jedoch nicht bewirkt: diese brutale Tat überhaupt verstehen zu können, sollte sich das Geschehen tatsächlich so zugetragen haben, wie es Staatsanwalt Til von Borries in seiner Anklage dargestellt hat.

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Es geht um die geplante Ermordung Dirk W.s, dem Ehemann von Stefanie W. Laut Anklage hat sie den 38-Jährigen am Sonnabend, 13. Juni, mit der Aussicht, seinen Sohn sehen zu können, zum Rahmenplatz in Großenhain gelockt. Doch als der Mann dort abends eintraf, sollen ihn die Mitangeklagten R. und Stefan B. (29) geschlagen und in Stefanie W.s Auto gezwungen haben. Dort saß auch die „nur“ wegen Beihilfe Mitangeklagte Anke F. (51) und ihr geistig behinderter Sohn. Stefanie W. sei in ein wenige Kilometer entferntes Waldstück nahe Zottewitz gefahren. Dort hätten die Männer versucht, Dirk W. zu erschlagen. In den nächsten drei Tagen sei Stefanie mit B. und R. mehrfach zum Tatort zurückgekehrt, wo die Männer W. erneut geschlagen hätten, einmal sogar mehrere, zum Teil 50 Kilogramm schwere Steine auf ihn geworfen haben. Am Dienstag, 16. Juni, sei Stefanie W. erneut dort gewesen und habe ihrem Mann in den Hals gestochen. Unklar ist, ob Dirk W. selbst zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war. Laut Anklage sei er trotz der erheblichen Gewalteinwirkungen zwischen dem 15. und 16. Juni verstorben, nach einem wohl dreitägigen Todeskampf. Als Mordmotiv nennt die Staatsanwaltschaft den Sorgerechtsstreit um das gemeinsame Kind und die Aussicht auf eine Sterbegeldversicherung von 17.000 Euro.

Das Beziehungsgeflecht der Angeklagten untereinander und zu anderen Menschen ihres Umfelds ist nur schwer zu überblicken. Klar wurde bislang, dass Stefanie W. sich im April 2020 mit einem 31-jährigen Großenhainer, Daniel S., verlobt hatte, bald zu ihm zog – und angeblich von ihm schwanger war. Ende Dezember brachte sie Zwillinge auf die Welt. Sie soll behauptet haben, immer wieder Opfer körperlicher Gewalt von Dirk W. geworden zu sein. Schon Ende Mai jedoch hatte sie mindestens eine Affäre mit Stefan B. angefangen, wie B. in seiner Einlassung sagte.

Daniel S. sieht sich als Vater der Zwillinge und sagte vor Gericht, er liebe Stefanie W., wolle sie heiraten. Er verweigerte seine Zeugenaussage mit Verweis auf sein Verlöbnis. Das Gericht bezweifelt die Gültigkeit des Eheversprechens, da Stefanie W. zum Zeitpunkt der Verlobung noch mit Dirk W., dem Mordopfer, verheiratet war.

Die Vernehmung von S. eskalierte im Blick auf dessen Beziehung zur Hauptangeklagten – und der Tatsache, dass Stefan B. ebenfalls berichtet hatte, mit der 32-Jährigen zusammen zu sein, weshalb übrigens auch die Einlassung B.s am Ende eines langen Sitzungstages in eine lautstarke Auseinandersetzung mit dem Gericht gemündet war. Stefanie W., so scheint es, verdreht auch in der Untersuchungshaft noch immer einigen Männern den Kopf. Das muss auch vor der Tat schon so gewesen sein. Der Mann, der vor Dirk W. mit Stefanie zusammen war, berichtete, er habe die 32-Jährige zweimal in flagranti erwischt, als er unerwartet früh nach Hause gekommen sei. Beim zweiten Mal habe Dirk W. in seinem Bett gelegen.

Die Mutter (47) von Daniel S. räumte am Mittwoch am Ende einer mehrstündigen Vernehmung ein, dass Stefanie W. auch ihr gegenüber wenige Tage vor der Tat von der Sterbegeldversicherung gesprochen und mit Blick auf ihren Ehemann „Der muss weg“ gesagt habe. Bei diesem Gespräch sei auch Daniel S. anwesend gewesen, der sich danach übergeben habe.

Am Freitag, 19. Juni, noch vor dem Fund von Dirk W.s Leiche, habe Stefanie W. zur Mutter von Daniel S. gesagt, sie habe Dirk umgebracht und habe Angst vor dem Gefängnis. Die Frage, warum die Zeugin das nicht den Beamten berichtete, die noch an jenem Abend die Wohnung durchsuchten, beantwortet die Frau nicht.

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Eine andere interessante Zeugin war Stefanie W.s Schwester. Die 40-Jährige berichtete, Daniel S. habe ihr schon am Montag, 15. Juni, spätabends gesagt, Stefanie habe ihren Mann erschlagen. Dass ihre Schwester schon da mit S. verlobt gewesen sei, erfuhr die 40-Jährige nun im Gerichtssaal und war bestürzt.

Der zunächst bis Ende Juli geplante Prozess wird wohl frühestens im Herbst enden. Das Schwurgericht ist in Verzug.

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