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Seit 16. Dezember ohne Einnahmen

Eine haarige Angelegenheit: Auch die Friseursalons von Anett Englowski müssen geschlossen bleiben. Die Großenhainerin zählt ebenso wie ihre Kunden die Tage.

Gähnende Leere: Anett Englowski, Betreiberin zweier Friseursalons in Großenhain, muss wie alle anderen Branchenkollegen seit Mitte Dezember Kamm und Schere ruhen lassen.
Gähnende Leere: Anett Englowski, Betreiberin zweier Friseursalons in Großenhain, muss wie alle anderen Branchenkollegen seit Mitte Dezember Kamm und Schere ruhen lassen. © Foto: Kristin Richter

Großenhain. Abends kommt die Probe aufs Exempel. Abends, wenn die Nachrichten über den Fernsehbildschirm flimmern, sich Prominente in Quizshows tummeln, Fußballmannschaften dem Ball hinterher rennen oder Politiker in diversen Talkshows Platz nehmen. Genau in diesen abendlichen Stunden ist Anett Englowski in ihrem Element. Der sympathische Fachfrau in Sachen Haare und Styling entgeht nichts. Kein akkurater Schnitt, keine frisch aufgetragene Farbe, nicht die klitzekleinste Kringellocke ist vor der Großenhainer Friseurmeisterin sicher. Denn unglaublich, aber ganz offensichtlich: "Während unsere Branche seit 16. Dezember Kamm und Schere stillhalten muss und wir keinerlei Einnahmen haben, präsentieren sich nicht nur die Fußballer mit perfekt frisierten Köpfen, von denen unsere Kundschaft momentan nur träumen kann", konstatiert Anett Englowski und schüttelt den Kopf.

Wie die 49-Jährige betont, seien die vergangenen Wochen emotional sehr anstrengend gewesen. Als Inhaberin zweier Salons, in welchem unter normalen Umständen elf Frauen dafür sorgten, dass Groß und Klein, Jung und Alt die Haare schön haben, falle zum einen das plötzliche Nichtstun dürfen unheimlich schwer. Zum anderen plagten natürlich so langsam aber sicher auch finanzielle Sorgen. Obgleich die sogenannte "Dezemberhilfe" ganz unproblematisch und unerwartet schnell auf dem Konto gelandet sei, mache sie sich Gedanken um ihre Mitstreiter. Fleißige Frauen, auf die stets Verlass sei und die in jeder Minute zum Erfolg des kleinen Unternehmens beitragen würden. Nun in Kurzarbeit zu Hause sitzend, bekämen sie je nach familiärer Situation lediglich nur 60 bis 68 Prozent ihres Verdienstes gezahlt. Wirtschaftliche Engpässe, die die eine oder andere keineswegs so leicht wegstecken könne. Immerhin liefen alle üblichen monatliche Kosten weiter und diese hätten nun mal nicht den geringsten Schimmer von einem Lockdown, welcher keinen Verdienst ermögliche.

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Umstände, die selbstverständlich auch für ihr Geschäft gelten würden. Die Miete müsse dafür ebenso bezahlt werden wie Abschläge für Wasser, Gas und Strom. Problematisch indes, wenn vielleicht noch weitere Monate Föhn und Haube nicht in Betrieb genommen werden dürfen. "Das wäre wirklich eine absolute Vollkatastrophe! Wir haben uns jetzt bis zum 14. Februar eingestellt. Aber wenn Frau Merkel mit ihren jüngsten Andeutungen recht behält und wir dann immer noch nicht öffnen dürfen, wird es wirtschaftlich wirklich eng", bekennt Anett Englowski.

Die Großenhainerin, die fast 25 Jahre selbständig tätig ist, macht keinen Hehl daraus, dass sie unzufrieden mit der Situation ist. Acht Monate habe die Branche schließlich bewiesen, dass die aufwendig ausgestalteten Hygienekonzepte nach dem ersten Lockdown funktionierten. Eine Alternative zum Besuch in einem Salon gebe es - im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen - nun mal nicht. "Homeoffice ist bei uns leider nicht drin", sagt Anett Englowski und zerstört damit auch die geringste Hoffnung auf den eigentlich ohnehin verbotenen Hausbesuch.

Dass viele Kunden, vor allem jene mit dem nachschneidebedürftigen Kurzhaarschnitt und dem grauen Ansatz unter sonst roter Pracht, dennoch einen verschämten Vorstoß gewagt haben, könne sie ihnen nicht verdenken. Ein paar Bedürftigen habe sie tatsächlich mit Farbe geholfen, aus dem Fenster des Geschäfts nach telefonischer Vorbestellung hinaus gereicht. Mehr Service sei jedoch bei allem Verständnis angesichts der nun mal rechtlich verbindlichen Beschränkungen nicht drin. So sehr es in den Fingern jucke.

Von verzweifelter Eigeninitiative rät Anett Englowski indes auch ab. Nicht immer sei die übers Internet erhältliche Haarschneidemaschine komplikationslos für jeden Mann zu handhaben. Und nicht jede Frau beherrsche trotz gut nachvollziehbarer Anleitung auf Youtube die Kunst einer Dauerwelle oder einer Blondierung. Nicht umsonst erlernten Friseure ihr Handwerk in einer dreijährigen Ausbildung - und zwar von der Pike auf. Das alles sich jetzt innerhalb eines Lockdowns anzueignen, sei auch für den talentiertesten unter den geplagten Kunden nicht möglich. "In der großen Hoffnung, dass wir dann wirklich wieder öffnen dürfen, kann ich alle nur ermuntern, noch drei Wochen auszuhalten", sagt Anett Englowski.

Wem angesichts der noch vor ihm liegenden Zeit die merklich längeren Haare zu Berge stehen, könne sich übrigens prominenter Leidensgemeinschaft sicher sein. Im Gegensatz zu seinen anderen Kabinettskollegen, bescheinigt die Röderstädterin ihm in ihrer abendlichen Beschau zumindest Durchhaltevermögen: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer habe Mut zu ausufernden Spitzen. Noch zumindest.

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