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Tierschützer rund um die Uhr am Telefon

Andere Vereine haben irgendwann Feierabend, doch nicht in Großenhain. Der Tierschützer bekommt deshalb Anrufe aus ganz Europa und von der Polizei.

Armin Krake engagiert sich seit zehn Jahren im Tierschutzverein Großenhain.
Armin Krake engagiert sich seit zehn Jahren im Tierschutzverein Großenhain. © Kristin Richter

Großenhain. In den Regalen stapeln sich Zeitungsausschnitte, Dankesbriefe hängen neben Spendenurkunden und Tierschutz-Postern - solche mit glücklichen Welpen statt eingepferchten Masthähnchen. Dazwischen sitzt Armin Krake und wartet auf den nächsten Anruf. Für den Großenhainer Tierschutzverein ist der Rentner rund um die Uhr auf dem Notfall-Telefon zu erreichen und meistens klingelt es zu den unpassendsten Zeiten: "Vor allem am Wochenende, wenn bei der Stadt niemand erreichbar ist."

Oft geht es nur um eine Beratung: Sollte man Igeln nun Milch geben, wer kümmert sich um entlaufene Waschbärenwelpen? Die Antworten gibt's nicht nur für Großenhainer. Der Tierschützer erhält Anrufe aus Lommatzsch, Torgau und sogar aus dem brandenburgischen Raum. "Wahrscheinlich ist kein anderer so doof und geht rund um die Uhr ans Telefon - andere Tierschutzvereine haben schließlich irgendwann Feierabend." Hinzukommt, dass die Nummer des Großenhainer Notfalls-Telefon lange zu den ersten Treffern auf Google zählte. "Ich habe sogar schon einen Anruf aus Rumänien erhalten. Bei so einer Entfernung waren auch mir die Hände gebunden - die richtige Telefonnummer hatte ich trotzdem parat", erzählt der Tierschützer mit triumphierendem Lächeln. Denn über die zehn Jahre im Großenhainer Tierschutzverein ist ein dickes Notizbuch gewachsen, mit einem Ansprechpartner aus fast jeder Region. Obwohl Krake selbst in vielen Bereichen zum Spezialisten geworden ist: "Mit Katzen kenn ich mich zum Beispiel so gut aus, da weiß ich immer was zu tun ist."

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Doch es gibt auch Fälle, die lassen sich nicht vom Großenhainer Büro aus lösen: Wenn Sonntag-Abend ein verletztes Tier gefunden wird, findet sich nämlich kaum ein Tierarzt. "Das verlangt schon einiges an Improvisation, aber meistens gibt es ein Mitglied, wo das verletzte Tier unterkommen kann, solange bis der Tierarzt wieder aufmacht." Einen Notdienst in Anspruch zu nehmen, wäre viel zu teuer. Einmal hat sogar ein Polizist angerufen, der nicht mehr weiter wusste.

Jedes Mal ist Krake an der Strippe. Das ganze Jahr - außer im Urlaub. "Aber seit 2019 hab ich das Telefon - außer zum Aufladen - permanent bei mir." Manchmal würde er es doch gerne abgeben, doch letztlich überwiegt das Bedürfnis die Fäden in der Hand zu halten. Und selbst wenn er sein Telefon abgeben würde, die Rolle als Vorsitzender des Tierschutzvereins lässt sich nicht abschütteln. Auf der Straße wird er von Menschen gegrüßt, die er gar nicht kennt, beim Friseur dreht sich alles um die richtige Katzenpflege.

Tierschutz kennt keine Grenzen

Durchgehend im Einsatz? Krake nimmt es gelassen: "Ich kenne das gar nicht anders: Ich bin DDR-sozialisiert, für mich gehört es einfach dazu, für andere da zu sein. Natürlich bin ich manchmal müde, aber sobald ich ans Telefon gehe und von einem ernsthaften Anliegen höre, versuche ich das irgendwie zu managen." Allerdings sei heutzutage fast jeder zweite Anrufer ein "Knallkopf". "Manchmal merkt man direkt, dass der Anrufer zwei Bier zu viel hatte und mit einer Erwartungshaltung anruft, dass man vorbeikommen müsste, anstatt erstmal selbst etwas auszuprobieren."

Bei einem ernsthaften Anliegen spielt dann selbst die Entfernung des Anrufers keine Rolle mehr: "Ich bin der Auffassung, dass Tierschutz keine Grenzen kennt: Selbst wenn jemand aus Brandenburg anruft, versuche ich, eine Lösung zu finden, Ratschläge zu geben und Nummern zu den Kollegen aus Brandenburg zu vermitteln", sagt Krake, der dann aber auch wissen möchte, ob das verletzte Tier gerettet werden konnte. "Das ist manchmal sehr frustrierend, wenn sich das einfach nicht mehr herausfinden lässt." Denn was an einem Sonntagabend unwahrscheinlich dringend ist, spiele, sobald Krake noch anruft - um zu erfahren, was aus der verletzten Katze geworden ist - oft gar keine Rolle mehr.

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Dabei sollte Krake eigentlich nur eine Webseite für den Verein bauen, für den frisch berenteten Informatiker kam die Anfrage genau zum richtigen Zeitpunkt. "Irgendwann zog sich die damalige Vorsitzende zurück, da hab ich nicht lange überlegt, weil ich schon immer etwas bewegen wollte." Armin Krake ist ganz ohne Haustiere ins Ehrenamt gestartet. Mittlerweile sind fünf Katzen bei ihm hängengeblieben, die sich anders nicht vermitteln ließen. Denn Katzenelend einzudämmen hat sich der Verein ganz oben auf die Fahne geschrieben: "Das ist nur möglich, wenn man Streunerkatzen kastriert. Weil hochgerechnet, kann eine einzige Katze in mehreren Jahren für mehrere Millionen Kitten verantwortlich sein." Von der Stadt Großenhain gibt's dafür Fördermittel, auch vom Land Sachsen, außerdem spenden viele Privatpersonen. Ansonsten sieht es mit der Unterstützung, die zum Beispiel Sportvereinen zugutekommt, mau aus, schließlich hätte der Tierschutzverein keine Trikots, auf die sich Logos drucken ließen. "Ich kann keine Katze mit einem Logo von der Sparkasse versehen. Ich glaube, wenn es um die Anerkennung des Ehrenamts geht, steht der Tierschutz an letzter Stelle." Fußball sei da deutlich interessanter. "Da kommen Glücksgefühle auf und die Hormone schießen hoch. Das ist nichts, was sich mit Fotos von gequälten Tieren erreichen lässt. Ich glaube, die Menschen machen die Augen lieber zu, als auf. Deshalb zeigen wir lieber Bilder von frisch vermittelten Katzen."

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