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Eine ganze Branche hofft auf Urlaub

Corona hat das Geschäft mit der Ferne zum Erliegen gebracht. Und Reisebüros wie das von Evi Klotzsche-Bieler an ihre wirtschaftliche Grenze.

Die Hoffnungen schwinden immer mehr: Evi Klotzsche-Bieler vom gleichnamigen Großenhainer Reisebüro im September vor ihrem Geschäft. Auch damals war die Lage alles andere als rosig.
Die Hoffnungen schwinden immer mehr: Evi Klotzsche-Bieler vom gleichnamigen Großenhainer Reisebüro im September vor ihrem Geschäft. Auch damals war die Lage alles andere als rosig. © Archivfoto: Kristin Richter

Großenhain. Die Überraschung kommt nach dem zweiten Klingeln. Statt dem Anrufbeantworter ist die freundliche Stimme von Evi Klotzsche-Bieler zu hören. Natürlich sei sie wie gewohnt im Geschäft. Vielleicht nicht jede Minute des zurzeit nicht unbedingt angefüllten Geschäftstages. Aber Arbeit gebe es immer, viel Schriftkram zu erledigen sowieso und hin und wieder riefen auch ein paar Kunden an. Nicht etwa, um einen Urlaub zu buchen. Nein, um einfach mal wieder miteinander zu reden, sich das Herz zu erleichtern, was momentan doch allseits schwer beladen sei.

Evi Klotzsche-Bieler macht keinen Hehl daraus, dass auch ihres voller Sorgen ist. Seit gut einem Jahr kämpfen sie und ihre Mitarbeiter einen unsichtbaren Kampf, der dem gegen die Windmühlen gleiche. Reisebüros, wie es auch einige in Großenhain gebe, seien schließlich die ersten gewesen, welche die Auswirkungen des Corona-Virus zu spüren bekamen. Damals noch völlig neuartig daher gekommen, habe man nicht erahnen können, wie groß die Auswirkungen auf die Branche und das Leben der Menschen insgesamt sein würden. "Im Februar haben wir lediglich ein paar Reisen nach Asien stornieren oder umbuchen müssen. Und es gab damals erste Anfragen wegen bereits gebuchter Klassenfahrten von Schülern nach Italien, immer unter der Maßgabe, was wäre wenn", erinnert sich Evi Klotzsche-Bieler.

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Im März, kurz vorm ersten Lockdown, habe sich dann schon angebahnt, was inzwischen schlaflose Nächte bereite. Dennoch wären die Kunden auch damals noch guter Dinge gewesen und seien keineswegs in Panik gefallen, alle Reisen sofort stornieren zu wollen. Es gebe keinen Grund, so die 63-Jährige damals im SZ-Gespräch, die Träume von Sonne, Bergen oder Meer angesichts der plötzlichen Meldungen um Covid-19 willkürlich alle platzen zu lassen.

Bereits acht Wochen später war dann nicht nur bei den Urlaubshungrigen geplatzt, was der Hochglanzkatalog in lockenden Bildern hergegeben hat. Im Gleichklang mit den weltweiten Stornierungen für die Monate März, April, Mai und Juni kam auch der große finanzielle Knall für die Inhaber von Reisebüros. Die pro Buchung gezahlten Provisionen mussten entweder zurückgezahlt werden oder landeten erst gar nicht auf den Konten derer, die potenziell für schöne Ferien ihrer Kunden gesorgt hatten. Das bedeutet praktisch: Seit Anfang des vergangenen Jahres ist größtenteils Ebbe in den Kassen. "Ich musste für meine Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen und habe diese glücklicherweise auch bewilligt bekommen. Einnahmen gibt es inzwischen so gut wie keine mehr, die Kasse ist leer", bekennt Evi Klotzsche-Bieler.

Im Frühsommer sei die Ostsee als erster Hoffnungsschimmer am Buchungshorizont aufgetaucht. Aber die Kunden hätten sich zunächst schwergetan, Vertrauen zu fassen und sich definitiv für eine Reise zu entscheiden. Wer in den Sommermonaten Juli und August Urlaub gemacht habe, hätte sich dann aber tatsächlich zumeist kurzfristig für eine Fahrt an die heimischen Küsten entschieden. Nichtsahnend, wie sich der Herbst wirklich gestalten würde, wäre dann mutig für den Monat Oktober gebucht worden. Viele Familie wählten die Türkei als Ziel ihrer Wahl, seien dann jedoch teilweise erschrocken darüber gewesen, dass vor der Abreise im Urlaubsland ein Corona-Test absolviert werden müsse, der bei positivem Ausgang eine ungewollte Verlängerung des Aufenthalts im fremden Land nach sich ziehe. Die polnische Ostsee avancierte zum Renner, geistige Bilder vom Sommerurlaub oder dem beliebten Skiurlaub im Februar 2021 flackerten auf - um im Spätherbst restlos ausradiert zu werden.

Der neuerliche Anstieg der Infektionszahlen und schließlich der zweite Lockdown habe eine nächste Runde von schmerzhaften Stornierungen eingeläutet. Schmerzhaft für Kunden als auch das Reisebüros gleichermaßen. "Wir fühlen einerseits natürlich mit den Betroffenen! Andererseits ist der bürokratische Aufwand der Rückabwicklung für uns hoch. Ganz zu schweigen von den finanziellen Einbußen", gibt Evi Klotzsche-Bieler zu bedenken.

Der Verkauf einer Reise sei nun schon wieder ein Weilchen her. Ein auch sonst sehr umtriebiges Ehepaar habe sich Anfang Januar entschlossen, dem deutschen Corona-Einerlei zu entfliehen und wäre nach Kuba entschwunden. Eines der wenigen Ziele, das bis zu diesem Zeitpunkt ohne größere Aus- und Einreiseprobleme möglich wäre. Etwas, das sich mittlerweile schon wieder geändert habe. Abgesehen davon, gebe es nur vereinzelte zaghafte Anfragen für den Sommer, nur wenige Kataloge, die zum Entfliehen verführten - die ganze Branche warte einfach ab.

Klagelieder möchte Evi Klotzsche-Bieler dennoch nicht anstimmen. Die Lage sei für sie und ihr Team selbstverständlich wirtschaftlich und psychisch belastend. Aber dennoch: Mit Gänsehaut verfolge sie die Lage der Textileinzelhändler, welche in ihren Lagern Ware für tausende von Euro hätten und den Erlös eigentlich schon wieder für den Neuankauf benötigten. "Da geht es mir vergleichsweise noch gut. Auch wenn wir keine Einnahmen haben, gibt es immer noch den Glauben daran, diese Zeit zu überleben." Wirtschaftlich durchzuhalten bis zu dem Tag, an welchem es endlich wieder aufwärts geht - und Urlaub wieder möglich ist.

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