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Tschechische Touristin von Prager Experten enttarnt

Das Schwanenmädchen, welches am Sonntag in einem Lauterbacher Vorgarten landete, stammt aus Nordböhmen. Und der Ring an ihrem Bein verrät noch mehr.

Das Schwanenmädchen landete im Garten von Randi Friese. Die beherzte Lauterbacherin wusste sich zu helfen und verhalf ihr, in das natürliche Domizil zurückzukehren. Allerdings: Woher kam das Tier?
Das Schwanenmädchen landete im Garten von Randi Friese. Die beherzte Lauterbacherin wusste sich zu helfen und verhalf ihr, in das natürliche Domizil zurückzukehren. Allerdings: Woher kam das Tier? © privat

Lauterbach/Prag. Manchmal fangen Geschichten erst dann richtig an, wenn sie eigentlich zu Ende sind. Als beispielsweise das Lauterbacher Schwanenmädchen, welches am vergangenen Sonntag in den Vorgarten von Randi Friese flatterte, tags darauf von ihrer beherzten Pensionswirtin zum nahegelegenen Schlossteich gebracht wird und geruhsam ins Wasser tippelt, scheint letztlich alles gut ausgegangen zu sein. Und - das ist es ja auch tatsächlich. Das noch junge Tier, welches einen Ring mit der Aufschrift N. Muzeum Praha LA 4326 trägt, hatte bei Randi Friese eine liebevolle Aufnahme gefunden und war wohlbehalten wieder in sein natürliches Umfeld zurückgekehrt.

Allerdings: Was hat die junge Dame überhaupt in sächsische Gefilde verschlagen? Weshalb hat sie sich für die kommenden Wintermonate nicht ein beschauliches Plätzchen in ihrer bisherigen Umgebung gesucht? Geradewegs so, wie es doch auch ihre gefiederten Freunde in Zabeltitz oder Moritzburg tun?

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Offene Fragen, die bei allem Bemühen in der Großenhainer Redaktion nicht allein beantwortet werden konnten - und das müssen sie auch gar nicht. Wichtiger ist es ja in Fällen wie diesen, jemanden in petto zu haben, der es erstens wissen könnte und zweitens sogar tut - mit etwas Glück sogar viel besser als alle anderen.

Wenn es um Tschechien im weitesten und erst recht im speziellen Sinne geht, hat die Sächsische Zeitung großes Glück. Immerhin weiß sie mit Hans-Jörg Schmidt seit Jahren nicht nur einen profunden Kenner des Nachbarlandes am journalistischen Start. Der auch gern als dienstältester deutscher Korrespondent in Prag bezeichnete Kollege, verfügt noch immer über eine ausgeprägte Portion Neugier, ein überaus sympathisches Maß an kollegialer Hilfsbereitschaft und - vor allem spricht er fließend Tschechisch.

Ein kurzer Kontakt in Sachen Schwanenmädchen aus Lauterbach zu Wochenbeginn reichte aus, und Hans-Jörg Schmidt ließ die Seinen an der Moldau spielen. Nachdem Randi Friese in der Abkürzung "N. Muzeum Praha" im Hinblick auf ihren tierischen Findling logischerweise ein Naturmuseum vermutet hatte, sollte doch wohl ein Anruf dort genügen. Wenn es denn in der goldenen Stadt ein solches geben würde! Denn zwar, so erklärte der Fachmann vor Ort, habe Prag eine Vielzahl von Museen, aber ein Naturmuseum sei leider keines dabei. Für lebende Tiere wäre nach menschlichem Ermessen maximal der Zoologische Garten zuständig.

Gewissermaßen über Ländergrenzen hinweg wurde weiter gefachsimpelt. Sollte die lebenslustige Schwänin wirklich aus dem hauptstädtischen Zoo getürmt sein? Immerhin, auch Randi Friese hatte vermutet, dass sie zumindest an Menschen gewöhnt sei. Aber wieso sollte sie das ausgerechnet jetzt getan haben? Hans-Jörg Schmidt wäre nicht seit Jahrzehnten erfolgreich für die Sächsische Zeitung tätig, würde er es dabei bewenden lassen. Schon wenig später sollte feststehen, dass das "N" für "národní" steht. Und natürlich gibt es in Prag ein "Národní muzeum"! Das Nationalmuseum nämlich, welches zu den wichtigsten Museen in Tschechien gehört und als prächtiges Bauwerk oberhalb des weltbekannten Wenzelsplatzes thront.

Wohl jeder Tourist, der schon einmal Prag besuchte, hat schon einmal davor gestanden: Vor dem tschechischen Nationalmuseum, das zum Lauterbacher Schwanenmädchen führt.
Wohl jeder Tourist, der schon einmal Prag besuchte, hat schon einmal davor gestanden: Vor dem tschechischen Nationalmuseum, das zum Lauterbacher Schwanenmädchen führt. © imago stock&people

Doch: was hat nun wieder das Nationalmuseum mit freilebenden Tieren in der Natur zu tun? Schließlich können in einem Museum doch eher all jene bestaunt werden, deren letztes Stündchen schon geschlagen hat und die es nun gut präpariert hinter Glas zu bewundern gilt. Weshalb sollte eine renommierte Einrichtung wie diese putzmunteres Federvieh registrieren?

Immer noch reichlich ungläubig, ließ sich unser Korrespondent dennoch nicht beirren und stieß auf den Namen Jan Koukal. Ein tschechischer Naturwissenschaftler, der im Jahr 1930 in einem Prager Außenbezirk ein sogenanntes Arboretum geschaffen hat. Eine umfangreiche Sammlung verschiedenartiger, zuweilen auch exotischer Gehölze - ähnlich eines botanischen Gartens - die er vier Jahre später dem Prager Nationalmuseum schenken sollte, das dort wiederum eine zentrale Beringungsstation einrichtete.

Eine Einrichtung, die Krieg und verschiedene Gesellschaftsordnungen bis heute überdauerte. Unterstützt von ausgebildeten Freiwilligen, sorgen sich inzwischen drei Mitarbeiter um die landesweite Beringung von Vögeln verschiedener Arten sowie die Erhebung beziehungsweise Verarbeitung von Daten. Darüber hinaus ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, ist die Kommunikation innerhalb der internationalen Organisation "The European Union for Bird Ringing" (EURING), die im Dienst von Wissenschaft und Naturschutz Erhebungen etwa über den Vogelzug oder die Demografie von Vögeln durch Beringungen vornimmt. Durch die Arbeit von vielen, zumeist ehrenamtlichen Ornithologen weltweit, verfüge die Organisation mittlerweile über 3,5 Millionen Datensätze und 300.000 Rückmeldungen in einer speziellen Datenbank. Weitere zwei Millionen Akten sollen nach und nach digitalisiert werden.

Für den Chef der Einrichtung, Jaroslav Cepák, war es trotz der Datenfülle leicht, die in Lauterbach gelandete Touristin zu identifizieren: "Der Schwan La4326 wurde als Jungtier am 17. August 2020 in Česká Lípa/Böhmisch Leipa beringt. Und zwar konkret von unserer Mitarbeiterin Daniela Jahoda. Zuletzt beobachtet wurde er am 1. Dezember 2020 in Děčín/Tetschen-Bodenbach", verrät Jaroslav Cepák. Nun werde man ordnungsgemäß den aktuellen Aufenthalt der Schwänin hinzufügen und danke herzlich für die Meldung.

Wenig verwundert zeigte sich der Fachmann hingegen über den Besuch der jungen Dame im Freistaat. Ein Teil der Schwäne aus Nordböhmen überwintert traditionell in Sachsen, vor allem im Raum Dresden, da es dort eine viel größere Teichlandschaft als in der tschechischen Heimat gebe. Eine wohl für vogelkundliche Laien durchaus interessante Erklärung, seien doch viele Leute der unerschütterlichen Meinung, dass Schwäne generell an ihrem Standort bleiben, auch dann, wenn es kräftig friere.

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Ob nun das reiselustige Schwanenmädchen ihr Winterquartier wirklich im beschaulichen Lauterbacher Schlosspark aufschlagen wird, bleibt noch abzuwarten. Ihre Herbergsmutter Randi Friese tut aber sicher gut daran, hin und wieder mal vorbei zu schauen. Denn nicht nur den beiden Autoren der Sächsischen Zeitung - gleich nun, ob in Großenhain oder Prag am Schreibtisch sitzend - dürfte inzwischen klargeworden sein: Manchmal fangen Geschichten erst dann richtig an, wenn sie eigentlich zu Ende sind. (mit Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag)

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