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Waldbesetzer sind gekommen, um zu bleiben

Die Umweltaktivisten am Kiestagebau Würschnitz I wollen ihr Camp nicht freiwillig aufgeben.

Nachhaltigkeit vorleben: die Umweltaktivistinnen Frieder (l.) und Frieda im Würschnitzer Heibo-Camp.
Nachhaltigkeit vorleben: die Umweltaktivistinnen Frieder (l.) und Frieda im Würschnitzer Heibo-Camp. © Kristin Richter

Würschnitz. Die Mücken geben auch morgens um halb zehn noch keine Ruhe. Sobald man stillsteht, lassen sie sich auf Handrücken, Stirn und Nacken nieder. „Mit der Zeit spürt man die Stiche nicht mehr“, sagt Frieda, die wie fast alle Würschnitzer Waldbesetzer einen Decknamen benutzt. „Aber wenn Sie wollen – wir haben auch Autan.“ Sie zeigt auf ein provisorisches Regal, das die Umweltaktivisten am Waldweg aufgebaut haben. Es mögen 25 junge Leute sein, die an diesem Freitagmorgen östlich der Kiesgrube Würschnitz I zugange sind. Sie haben auf hölzernen Plattformen Baumhäuser errichtet und Hängematten zwischen die Kiefern gespannt. Ihr Protest richtet sich gegen die geplante Erweiterung der Kiesgruben in der Laußnitzer Heide und gegen die damit verbundene Waldabholzung.

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Es geht den Aktivisten, die vor allem aus Dresden und Umgebung kommen, nicht nur darum, Umweltschäden zu verhindern. Sie wollen in ihrem Wald-Camp, das sie nach dem Dresdner Heidenbogen „Heibo“ getauft haben, auch Nachhaltigkeit vorleben. Das heißt zum Beispiel, die Plattformen aus bereits gebrauchten Materialien zu errichten, zur Befestigung keine Nägel oder Schrauben zu verwenden, sondern ausschließlich Seile. Transporte erfolge, wenn möglich, mit dem Lastenfahrrad, und die Lebensmittel werden größtenteils über Food-sharing-Organisationen und Spender bezogen. „Wir achten auch darauf, nicht die Blaubeeren zu zertrampeln und die Lebewesen ringsum nicht mit lauter Musik zu stören“, erklärt Frieda.

Man dürfe Nachhaltigkeit nicht zu eng definieren, ergänzt ihre Mitstreiterin, die sich Frieder nennt. Der Begriff beinhalte auch den achtsamen Umgang miteinander und mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten. „Alle sollen sich wohlfühlen und wenn nötig auch einen Schutzraum haben.“ So gebe es beispielsweise ein Baumhaus nur für Menschen, die sich nicht als männlich verstehen. Dennoch dürfe keine Ungleichheit bei der Kommunikation zugelassen werden. „Wenn eine Entscheidung getroffen wird“, sagt Frieder, „müssen alle damit einverstanden sein.“

Die Heibo-Aktivisten sind schon seit fast zwei Wochen im Forst bei Würschnitz zugange. Zunächst verlief der Aufbau ihres Camps im Geheimen, vor drei Tagen gingen sie schließlich an die Öffentlichkeit. Der Sachsenforst, dem das Waldstück gehört, schickte zu Wochenbeginn Mitarbeiter vorbei, die die jungen Leute aufforderten, das Areal zu verlassen. „Die drohten auch mit der Polizei“, sagt Campbewohner Markus. Da habe wohl jemand aus der Gruppe einen Schreck bekommen und den Abzug bis Donnerstag zugesagt.

Sachsenforst Sprecher Renke Coordes bestreitet, dass den Waldbesetzern ein Ultimatum gestellt wurde. Die Mitarbeiter hätten sie einfach für wilde Camper gehalten. Eine Räumung, so Coordes, sei gegenwärtig nicht geplant. Wie lange dieses „gegenwärtig“ gilt, ließ Sachsenforst offen. Die Protestierer scheinen entschlossen, das Feld nicht freiwillig zu räumen. „Wir sind gekommen, um hier zu bleiben“, erklärt Frieda. Auch die Winterkälte werde sie nicht abschrecken, die Nächte im Baumhaus zu verbringen.

Keinen Corona-Vorwand zur Räumung liefern: Waldbesetzer Markus (r.) und Mitstreiter an der improvisierten Wegsperre.
Keinen Corona-Vorwand zur Räumung liefern: Waldbesetzer Markus (r.) und Mitstreiter an der improvisierten Wegsperre. © Kristin Richter

Einige der Heibo-Leute haben bereits an Waldbesetzungen in anderen Bundesländern teilgenommen und gewaltsame Räumungen durch die Polizei miterlebt. Deshalb wollen sie vorbereitet sein, falls Sachsenforst etwas Ähnliches planen sollte. Die Plattformen befinden sich in luftiger Höhe und sind nur über schnell einziehbare Strickleitern erreichbar. Außerdem haben die jungen Leute den Waldweg, der zu ihrem Camp führt, mit Ästen verbarrikadiert.

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Um den Behörden keinen Vorwand zum Einschreiten zu liefern, wurde sogar ein Corona-Konzept erstellt. Gutwillige Besucher aber sind im Heibo-Camp jederzeit willkommen. „Wir denken darüber nach, hier Workshops über eine nachhaltige Lebensweise durchzuführen“, erklärt Frieda. Es habe in den ersten Tagen auch schon Unterstützung durch supernette Leute aus den umliegenden Dörfern gegeben, die den Umweltaktivisten, Baumaterialien, Werkzeug und Lebensmittel vorbeibrachten.

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