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Was Corona mit der Jugend macht

Clubs und Treffs sind seit einem Jahr nur mit Auflagen geöffnet. Raimo Siegert von der Mobilen Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz sieht dennoch Ansätze.

Junge Leute brauchen Visionen. Am Rande des Rostiger Sportplatzes haben sie einige davon aufgesprüht.
Junge Leute brauchen Visionen. Am Rande des Rostiger Sportplatzes haben sie einige davon aufgesprüht. © Foto: Thomas Riemer

Großenhain. Rostig ist ein Erfolgserlebnis in Corona-Zeiten. Junge Leute aus dem Großenhainer Ortsteil und der Umgebung sind zu Jahresanfang auf Ortschaftsrat und Stadt zugekommen und haben gesagt: Wir brauchen, wir wollen einen Jugendtreff. Raimo Sieger von der Mobilen Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz freut sich. Im SZ-Gespräch erzählt er, warum junge Leute in Pandemie-Zeiten Zuspruch suchen und was Corona mit ihnen macht.

Herr Siegert, warum ist das Rostiger Beispiel für Sie so wichtig?

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Weil es hier eine Jugendgruppe gibt, die aus eigenem Antrieb ein Anliegen hat. Das ist doch wunderbar!

Warum?

Weil der Wunsch nach einem Jugendtreff von den jungen Leuten selbst kommt. Wir als Mobile Jugendarbeit sind darüber froh und können unserem Job nachgehen: Auf die Wünsche und die Bedürfnisse junger Menschen mit unseren Möglichkeiten und Angeboten eingehen.

Ist das jetzt coronaspezifisch?

Nein, nicht ausschließlich. Es ist zu jeder Zeit so, dass man die jungen Leute ernst nehmen muss. Denn zu welcher Zeit auch immer: Wer selber eine "gute" Jugendzeit in seinem Ort hatte, durch Mitsprachemöglichkeiten, Beteiligung und das Erleben einer Selbstwirksamkeit, wird dann - auch wenn er oder sie zwischenzeitlich zur Ausbildung oder dem Studium fortgegangen sein sollte - wenn später einmal überlegt wird, wo denn der beste Platz wäre, um die eigenen Kinder aufwachsen zu lassen – eher den eigenen Ort auswählen oder zumindest eher in Betracht ziehen.

Sie sprechen vom Jugendbeteiligungsprojekt, das es seit 2017 gibt ...

Ja. Und da müssen wir natürlich wissen, welche Themen den Mädchen und Jungs wichtig sind. Wir möchten die Jugendbeteiligung weiterführen mit Leuten, die auch wirklich beteiligt werden wollen. Da ist für uns zum Beispiel die Themensuche in Schulen sehr wichtig - denn die Themen junger Menschen bekommen wir nur, wenn wir sie fragen, und die jungen Menschen kommen nur, wenn ihre Themen behandelt werden - was wir derzeit alles wegen Corona nicht dürfen. Das ist traurig und schade.

Raimo Siegert ist seit 15 Jahren für die Mobile Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz zuständig.
Raimo Siegert ist seit 15 Jahren für die Mobile Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz zuständig. ©  Foto: Kristin Richter

Es gab im März eine digitale Umfrage unter jungen Leuten in Großenhain?

Richtig. Wir, das sind die Mitglieder der Planungsraumrunde Großenhain-Gröditz, wollten wissen, was die Jugendlichen in Corona-Zeiten bewegt. Die Resonanz war groß. Wir hatten 240 Rückläufe, die jetzt auf rund 60 Seiten Papier zusammengefasst werden. Bei den Antworten haben sich viele Befragte zu ihren aktuellen Befindlichkeiten geäußert.

... die da sind?

Den meisten fehlt es, sich mit Gleichaltrigen treffen zu können. Oft dringen Gefühle wie Einsamkeit und Anonymität durch. Die digitale Kommunikation ist wichtig, kann Kontakte aber nicht ersetzen. Junge Leute sind zurzeit eigentlich nur auf den Begriff "Schüler" reduziert. Andere Bedürfnisse fallen hinten runter. Sie können mir aus der Erfahrung der letzten Monate glauben: So etwas geht an jungen Menschen nicht spurlos vorbei!

Was heißt das für Ihre Arbeit?

Ich bin seit 15 Jahren in diesem Job aktiv. Das Wichtigste: Die jungen Menschen sollen wissen, dass es mich gibt und mich kennenlernen. Und wissen, dass es neben der Mobilen Jugendarbeit ein Netzwerk gibt, zu dem wir bei speziellen Fragen auch vermitteln können. Das heißt, dass es Leute gibt, wo sie sich mit ihren Sorgen und Herausforderungen hinwenden können. Zum Beispiel kooperieren wir sehr eng mit den Schulsozialarbeitern. Die wissen aus täglichem Erleben, dass die jungen Leute "Experten in ihrer eigenen Welt" sind. Das braucht Akzeptanz, Toleranz - und einen langen Atem auf beiden Seiten.

Wir groß ist Ihr Einzugs- und Einflussbereich?

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Wir begleiten in Großenhain und Priestewitz neun Einrichtungen - die übrigens alle selbstverwaltet sind, was ziemlich einmalig im Landkreis ist. Die Eigenverantwortlichkeit der Jugend - das ist etwas, was wir brauchen. Natürlich ist es eine Herausforderung, in 41 Ortsteilen unter rund 3.000 Jugendlichen Bedürfnisse zu bündeln. Gerade jetzt, wo vieles so anonym und distanziert ablaufen muss. Aber nach wie vor sage ich für mich: Es ist ein schönes Arbeiten.

Auf www.röder-navi.de können junge Menschen die passenden Unterstützungsangebote für ihre Themen finden.

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