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"Machen Sie sich bewusst, was noch geht!"

Notfallseelsorgerin Gerlinde Franke weiß, dass für viele Menschen Corona eine psychische Belastung darstellt. Trotzdem ermutigt sie, die Zeit gut zu überstehen.

Gerlinde Franke arbeitet seit vielen Jahren als Notfallseelsorgerin. Die Corona-Krise stelle aus ihrer Sicht für viele Menschen eine große psychische Herausforderung dar.
Gerlinde Franke arbeitet seit vielen Jahren als Notfallseelsorgerin. Die Corona-Krise stelle aus ihrer Sicht für viele Menschen eine große psychische Herausforderung dar. © Kristin Richter

Großenhain. Sie ist eine Frau für alle Fälle. Hochwasser, Tornado, schwere Verkehrsunfälle oder die Flüchtlingskrise. Wenn es emotional eng wird, die Worte fehlen und die tägliche Ordnung droht, aus dem Ruder zu laufen, wird schon ganz gern mal ihre Nummer gewählt. Gerlinde Franke, seit über 20 Jahren tätig in der Notfallseelsorge des Landkreises Meißen und umfassend geschult in der Krisenintervention, weiß deshalb nur allzu gut, dass der gerade erst begonnene zweite Lockdown eine neuerliche Herausforderung für die Menschen darstellt. Weshalb und wie die kommenden Wochen dennoch psychisch unbeschadet überstanden werden können, verriet die 63-jährige Großenhainerin im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung.

Frau Franke, am Montag wurde das zweite Mal in diesem Jahr das gemeinschaftliche Leben heruntergefahren. Worin liegt die besondere Herausforderung?

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Einerseits darin, dass die Leute jetzt genau wissen, wie sich dieses Herunterfahren und Einschränken anfühlt. In den allermeisten Fällen dürften keine angenehmen Erinnerungen damit verbunden sein: Etwa das Ostern ohne die Familie kommt da in den Sinn, die Abende, an denen das Beisammensein mit Freunden fehlte, oder der Sportverein, der doch sonst mindestens einmal in der Woche ein fester Ankerplatz ist. 

Geschlossene Geschäfte und Restaurants und vor allem eine plötzlich auftretende Unbekannte, der man so einfach das Feld überlassen sollte. Und andererseits ist es nun nicht März, sondern November. Die dunkle Jahreszeit hat gerade begonnen. Jener Monat, der schon immer dafür bekannt gewesen ist, eher emotional nach unten zu ziehen. Beim ersten Mal lockte der Frühling nach draußen, alles war von jeher ohnehin positiv nach vorn gerichtet. Das ist jetzt vollkommen anders.

Sie meinen, das macht es schwerer erträglich, obgleich die Einschränkungen doch nicht komplett die gleichen sind?

Nicht für alle Menschen! Da müssen wir definitiv unterscheiden! Eltern von kleineren Kindern oder Mütter und Väter, die wochenlang mit ihrem Nachwuchs zu Hause nach der Arbeit gelernt haben, werden nun sicherlich froh sein, dass die Kindereinrichtungen und Schulen nicht geschlossen sind. 

Darüber hinaus haben tatsächlich alle Geschäfte offen und es ist noch möglich, sich mit einer anderen Familie oder Freunden zu treffen. Es geht also einiges, aber die Frage in so einem Fall wird sein, ist es für den Einzelnen genug. Ist der jeweilige Verzicht erträglich, und wenn nicht, aus welchen Gründen. 

Ich selbst vermisse beispielsweise auch das Reisen. Aber ich erfreue mich beispielsweise genauso daran, dass ich mir stattdessen jetzt mal mehr Zeit zum Lesen nehme, in meinem Garten gewerkelt habe oder spazieren gehe. Ganz abgesehen davon, tut es mir selbstverständlich für viele Berufsgruppen sehr leid, dass sie nun wieder neuerlich in ihrem Tätigkeitsfeld massiv eingeschränkt sind und wirtschaftliche Verluste erleiden müssen.

Auch wenn wir Sozialarbeiter uns berechtigt darüber aufregen, dass wir trotz all unserer täglichen Kontakte - 40 in der Woche sind es mindestens - keinerlei Testmöglichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, möchte man gleichsam nicht in der Haut von Veranstaltungsbetrieben, Künstlern oder Gastronomen stecken. Da regt sich natürlich viel innerer Widerstand und produziert verständlichen Unmut.

Genau der ist es häufig wohl auch, der die Akzeptanz der Maßnahmen infrage stellt. Hätte die Politik dort feinfühliger oder deutlich erklärender mehr erreichen können?

Wissen Sie, ich habe ja schon viele solcher besonderen Situationen miterlebt. Gleich nun, ob der Großenhainer Pfingsttornado, das Jahrhunderthochwasser oder die Flüchtlingskrise, als von heute auf morgen Tausende fremde Menschen in unsere Städte gekommen sind. 

Das sind Ausnahmesituationen, für die es in aller Regel kein rundum ausgefeiltes Konzept im Schreibtisch gibt, und bei denen es letztlich nur wichtig ist, schnell und vor allem eindeutig zu handeln. Das hat die Politik meiner Meinung nach gemacht. Nicht fehlerfrei, aber sicherlich doch nach bestem Wissen und Gewissen. In Deutschland wahrscheinlich sogar noch transparenter und den Betroffenen überdies mehr wirtschaftlich unter die Arme greifend, als in anderen Ländern. 

Immerhin muss man sich ja auch klar machen, dass wir mit diesem Problem nicht allein dastehen! Weltweit sind die Menschen in unterschiedlicher Art und Weise davon betroffen. Eine Betrachtungsweise, die übrigens auch bei der Bewältigung der jetzigen Situation hilfreich sein kann.   

Gilt aber nicht auch in dieser, dass weniger manchmal mehr sein kann? 

Wenn Sie die Fülle an Informationen und Anordnungen meinen, die dann dazu führen, aus Angst vor Ansteckung nicht mehr das Haus verlassen zu können, dann haben Sie natürlich recht. Viele Menschen sind von der Flut an Nachrichten einfach überfordert und verunsichert. 

Andere hatten auch vorher schon psychische Probleme, die nun schlimmer werden, weil Strukturen wegfallen. Und wieder andere nutzen die Pandemie gewissermaßen unbewusst als ein Vehikel, um damit all ihre angehäuften eigentlichen Sorgen vor sich selbst zu erklären. Das war bei der Flüchtlingskrise auch schon so.

Frau Franke, wie kommen wir nun durch diesen November?

Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden! Ich kann nur empfehlen, es mit einer guten Portion Ruhe zu tun, die Angelegenheit sachlich, statt panisch zu betrachten und sich dabei immer bewusst zu machen, was alles noch möglich ist und welche Auswirkungen die Krise sowie ihre Einschränkungen tatsächlich für einen persönlich haben.

Es bringt einerseits nichts für die ohnehin schon belastete Psyche, sich jeden Tag vor Augen zu führen, was alles verboten ist. Lieber das Augenmerk darauf richten, was getan werden kann. Und nicht zu vergessen, dass das Wichtigste ist, nämlich gesund zu sein. Auch wenn an dieser Stelle jetzt einige Leute die Augen nach oben drehen werden. 

Ein unheilbar kranker Mensch wird jedoch wissen, was ich meine. Ihm ist die Hoffnung in die Zukunft zu denken, verwehrt. Uns Gesunden jedoch nicht! Wir müssen jetzt zwar an der einen oder anderen Stelle verzichten und teilweise auch große Einschnitte hinnehmen. Aber es gibt eine Aussicht auf morgen. Das sollten wir nicht vergessen.   

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