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Was passiert am Großenhainer Spitalteich?

Ornithologen äußern ihr Unverständnis über die Entschlammungsarbeiten während der Vogel-Brutzeit.

Was passiert ausgerechnet jetzt um diese Jahreszeit am Spitalteich? Aufmerksame Leser machen sich Gedanken über das Geschehen nahe des Flugplatzes - schließlich sei Brutzeit.
Was passiert ausgerechnet jetzt um diese Jahreszeit am Spitalteich? Aufmerksame Leser machen sich Gedanken über das Geschehen nahe des Flugplatzes - schließlich sei Brutzeit. © Foto: Norbert Millauer

Großenhain. „Wer genehmigt so etwas“, fragt SZ-Leser Sascha Sirch. Der Hobby-Ornithologe war am Kleinen Spitalteich nahe dem Großenhainer Flugplatz unterwegs und hatte festgestellt, dass dort seit Mitte April Entschlammungsarbeiten stattfinden. Warum muss das mitten in der Brutzeit gemacht werden? Konnte man die Arbeiten nicht auf den Spätsommer legen? Sirch macht darauf aufmerksam, dass im Schilfgürtel Blaukehlchen brüten. Diese galten in den 1970er Jahren als Inbegriff einer bedrohten Vogelart, weil die Feuchtgebiete, die von den Tieren als Lebensraum bevorzugt werden, durch großflächige Meliorationsmaßnahmen verschwanden. Auch Kiebitz, Kranich und verschiedene Wasserläuferarten haben die Vogelkundler am Spitalteich registriert. „Alle reden von Umweltschutz und Artenvielfalt“, sagt Sascha Sirch. „Aber in der Realität ist das alles ein Witz.“

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Dass das Gewässer entschlammt werden soll, ist zunächst einmal keine schlechte Sache. Als der benachbarte Militärflugplatz noch von den Sowjets genutzt wurde, flossen über den Spitalbach jahrzehntelang unkontrolliert kerosinhaltige Abwässer in den Teich. Dessen Sohle ist meterdick mit mineralölhaltigem Schlamm bedeckt. Dieser wird nun im Auftrag des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) entfernt. Insgesamt sollen etwa 8.000 Kubikmeter Dünnschlamm abgesaugt und 5.000 Kubikmeter Dickschlamm abgebaggert werden. Dadurch kann das ursprüngliche Gewässerprofil des Kleinen Spitalteichs wiederhergestellt werden. Die Sanierung steht im Zusammenhang mit den Entwicklungsplänen des Freistaates Sachsen für das Flugplatzgelände. Sollte es dort zu einer Großansiedlung von Industrie und Gewerbe kommen, wird der Teich als Puffer für die Regenwasserableitung gebraucht. Der geförderte Schlamm soll in eine Bodenbehandlungsanlage auf dem Flugplatz gebracht und dort zwischen April und August behandelt werden. Wegen der großen Mengen wird die Entgiftung zwei Jahre dauern – der Sanierungsabschluss ist für Oktober 2022 geplant.

„Der Schilfgürtel am Spitalteich wird hauptsächlich belassen“, erklärt SIB-Sprecher Alwin-Rainer Zipfl. Dort, wo Eingriffe notwendig waren – etwa für die Bauzufahrten – sei das vor Beginn der Brutzeit erfolgt. Die Förderung des Schlammes müsse aber bedingt durch das anschließende Behandlungsverfahren im Frühjahr und Sommer erfolgen. „Baumaßnahmen in ökologisch sensiblen Bereichen unterliegen grundsätzlich dem Eingriffsminimierungsgebot“, sagt Zipfl. Während der Bauphase solle überdies sichergestellt werden, dass das Schilfröhricht im nördlichen Bereich des Spitalteichs über einen Graben dauerhaft mit Wasser benetzt bleibt. Der Staatsbetrieb verweist darauf, dass die Teichsanierung im Vorfeld mit dem Kreisumweltamt abgestimmt wurde.

Das Amt wiederum reagierte auf eine SZ-Anfrage ziemlich schmallippig. Die aktuellen Arbeiten fänden unter ökologischer Bauüberwachung statt und ließen sich – ausgehend von technologischen Verkettungen mit den Sanierungsarbeiten auf den Flugplatzgelände – zu keiner anderen Zeit ausführen. Im Klartext heißt das: Die Störungen der Vogelbrut müssen in Kauf genommen werden.

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Auf längere Sicht könnte die Entschlammung des Kleinen Spitalteichs sogar einen ökologischen Mehrwert mit sich bringen. Nicht nur deshalb, weil der Kerosinschlamm entfernt wird, sondern auch dadurch, dass sich verlandete Bereiche wieder mit Wasser füllen. Ob dann im Röhricht noch Blaukehlchen ihren Nachwuchs großziehen, vermag allerdings niemand zu sagen. „Während der Brutzeit Bäume zu fällen, ist schon seit Langem verboten“, erklärt der Großenhainer Naturschützer Horst Köppler. „Denselben Schutz sollten auch im Schilf brütende Arten genießen.“

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