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So fiel eine Sächsin (fast) auf einen Liebesbetrüger herein

Er nennt sich Allan, Architekt aus Zürich. Er spricht von Liebe. Doch er ist ein Betrüger. Wie konnte sie auf diese Masche reinfallen? Eine Großenhainerin erzählt.

Man nennt sie Romance- oder Love-Scammer - Liebesbetrüger, die im Internet die große Liebe vorgaukeln, um an Geld zu kommen.
Man nennt sie Romance- oder Love-Scammer - Liebesbetrüger, die im Internet die große Liebe vorgaukeln, um an Geld zu kommen. ©  Pixabay (Symbolfoto)

Sie hat das Büchlein der Liebe zu Ende gebracht. Mit einer roten Schleife zusammengebunden, enthält es ihre Fotos des Skype-Chats mit Allan. Und die Gedichte, die sie ihm schrieb. Lyrik, die ihn angeblich anmachte. Fein säuberlich hatte sie alles für ihn vorbereitet – es sollte sein Weihnachtsgeschenk werden, wenn er kommt. Das Büchlein sollte für immer den Beginn einer großen Liebe bezeugen können. Aber was wirklich kam, war der Absturz.

Die Geschichte beginnt damit, dass die 56-jährige Bürokauffrau aus Großenhain auf Facebook eine Freundschaftsanfrage bekommt. Allan, geschieden, aus Zürich. Sie kennt ihn nicht, aber es klingt interessant. Sie denkt sich nichts dabei und nimmt die Freundschaftsanfrage an. Dann passiert erst mal gar nichts. Bis im Facebook-Messenger eine Nachricht kommt:

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„Hi. Wie geht es dir?“

Und sie zurück: „Hallo, warum willst du mit mir auf Facebook befreundet sein?“

Er: „Ich wollte nur plaudern, wenn das für dich in Ordnung ist.“

Und Allan fängt an zu plaudern. Dass er derzeit in Neapel arbeite. Und schon mal in München gewesen sei. Die abendliche Konversation dreht sich um Freizeitinteressen und den Beruf – Allan sagt, er sei Architekt, arbeite an einem großen Projekt, einem Vier-Sterne-Hotel.

Klingt alles ganz passabel. Sie fragt ihn: „Hast du Familie?“

Er antwortet: „Ich bin nicht mehr verheiratet, ich habe mich vor ein paar Jahren scheiden lassen.“

Na prima! Sie lebt selbst getrennt, das hat sie bei Facebook im Beziehungsstatus so angegeben.

Am nächsten Morgen dann ein Gruß auf Englisch: „Good morning, how was your night?“ (Guten Morgen, wie war deine Nacht?) Es sollte an eine andere Person gesendet werden, entschuldigt sich Allan. Sie wird nicht stutzig, ahnt nicht, dass der Möchtegern-Casanova vielleicht gerade noch andere Frauen anbaggert. Dafür wird die Unterhaltung viel zu interessant. Er sei in Australien aufgewachsen, sein Deutsch sei mangelhaft, entschuldigt er sich. Und er sei katholisch, gehe jeden Sonntag in die Kirche. Dann schickt er ein Foto, das ihn noch besser darstellt als das Facebook-Profilbild.

Was für ein toller Mann, werden alle sagen, denen sie später das Foto zeigen wird. Sie fühlt sich geehrt, dass er gerade ihr sein Interesse schenkt. Er sei Mitte 40, also in den besten Jahren, und tanze gern. Er interessiert sich genau für all das, was sie auf Facebook als ihre Freizeitaktivitäten genannt hat. Wie sehr sehnt sie sich doch nach einem Tanzpartner. Kinder habe er keine. Es sei für ihn aber kein Problem, dass sie welche hat. Er würde sie als die seinen annehmen. Und dann erzählt er von seinen Eltern und Geschwistern.

So was wird mir nie passieren

Sie findet ihn immer anziehender. Auf seinem Facebook-Profil teilt er schöne Liebessprüche. Das gefällt ihr sehr. Sie fragt ihn direkt, ob er ein Romantiker sei und auf der Suche nach Liebe. „Meine Lebensziele sind es, mit einer Frau alt zu werden, die mich liebt und akzeptiert und für immer in Liebe zusammenlebt und Glück.“

Ab diesem Punkt, wird sie später feststellen, hatte er sie an der Angel. Wieder und wieder wird sie sich fragen, wie dieser Mann es schaffen konnte, ihr Herz in kurzer Zeit im Sturm zu erobern. Dabei war sie anfangs zurückhaltend. Sie kannte ja die Geschichten von Internetbekanntschaften, in denen Männer einsame Frauen erst um den Finger wickeln und dann um ihre Ersparnisse bringen. Oder Frauen Männer. Sie war sich sicher, dass ihr so etwas nie passieren kann.

Doch Allan ist schlau. Er macht sich ein bisschen rar, redet sich damit heraus, dass er arbeiten müsse. Bei Kerzenschein schickt sie ihm ihr erstes Foto und das Video eines Liebesliedes. Seine Frage überrascht sie nicht: „Sind deine Gefühle für mich echt?“ Sie möchte, dass er darüber spricht. Sie mag es, wenn Männer über ihre Emotionen reden. Sie schreibt ihm zurück, dass er ihre Sehnsucht geweckt habe. „Ich kenne dich nur wenig, aber trotzdem machst du mich schon glücklich.“ Sie möchte in diese Illusion hineinfallen, sich ihr Glück nicht vermiesen lassen, wenn Bekannte und Kolleginnen, denen sie davon erzählt, warnen. Warum soll Eheanbahnung nicht übers Internet funktionieren?

Love Scamming

Immer wieder fallen in Deutschland Menschen auf Betrüger wie Allan herein, ist aus Polizeistatistiken herauszulesen. Das Landeskriminalamt Sachsen erfasst pro Jahr etwa 200 derartige Fälle, bei denen rund 1,6 Millionen Euro ergaunert wurden. Nach Schätzungen deutscher Partnerbörsen ereignen sich jährlich 8.000 Fälle, weltweit soll der materielle Schaden etwa 750 Millionen Dollar betragen. Die Dunkelziffer könnte sehr viel höher sein, weil viele Fälle aus Scham nicht bekannt werden. 60 Prozent der Geschädigten sind Frauen über 40.

Die Vorgehensweise beim Spiel mit den Gefühlen ist meist höchst raffiniert. Die Betrüger gewinnen auf schmeichelnde Art das Vertrauen und bitten dann um große Summen, wenn sie ihr Opfer an der Angel haben. Laut Polizeiangaben handelt es sich meist um organisiertes Verbrechen im großen Stil. Gezielt werden Männer und Frauen aus dem Ausland angeschrieben. Love Scamming nennt sich das. Steffen Schmieder, Leiter des Betrugsdezernates der Polizeidirektion Dresden, sagt: „Die Mehrzahl der Täter sitzt in Nigeria, auch in Ghana. Nachahmer gibt es mittlerweile in Russland.“ Am besten eigneten sich für Frauen der Typ US-Soldat oder auch der gut ausgebildete Ingenieur aus Nordeuropa. Für Männer zum Beispiel eine Militärärztin. Passende Fotos werden von irgendwelchen Facebookprofilen gestohlen. Es trifft laut Schmieder vorwiegend Menschen um die 50, zumeist gebildet, aber einsam.

Auch in diesem Fall hat es der angebliche Architekt Allan mit einer zwar intelligenten, aber bedürftigen Frau zu tun. Unentwegt hört sie in dieser Phase Liebeslieder und singt laut mit. Sich als romantischen, einfühlsamen, liebevollen Mann darzustellen, der von seiner ersten Frau betrogen wurde, damit trifft dieser Allan bei ihr genau ins Schwarze. Wie kann man einen solch gut aussehenden Menschen einsam bleiben lassen?

Geldüberweisung statt persönliches Treffen

Allan registriert gewiss, wie ihre Chats immer gefühlvoller werden. Wie sie ihre Verliebtheit genießt. Anfangs hält er sich damit zurück, aber bald gesteht auch er seinerseits Gefühle. Zum allgemeinen Gespräch über den Alltag des jeweils anderen kommen Fragen zu Stärken und Schwächen. Das war ihre Idee. Nie hätte sie gedacht, dass wohl gar nicht stimmt, was er ihr dazu schreibt. Als sie etwa erzählt, keine große Fee in der Küche zu sein, entgegnet er, dass er sehr gut kochen könne und zählt Beispiele auf. Als sie fragt, was seine größte Schwäche sei, gibt er zu, dass er wegen seiner Gefühle manchmal weinen müsse. Und sie zurück: „Dann werde ich dir alle Tränen von den Wangen küssen.“ Ab da weiß Allan wohl, dass es klappen könnte.

Verlieben via Internet ist heutzutage nicht ungewöhnlich. Doch wie erkennen potenzielle Opfer, dass sie von Betrügern schamlos ausgenutzt werden? „Im Internet ist es leichter, zu blenden“, sagt Polizeipsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule der Polizei in Baden-Württemberg. Schnell entstehe der Eindruck, man kenne sein Gegenüber sehr gut. „Menschen suchen nach einem vertrauensvollen Bezug, da schlägt die Hoffnung rasch die Sicherheitsbedenken“, sagt Gallwitz. Wenn aber ein erstes persönliches Treffen von einer Geldüberweisung abhängig gemacht wird, könne man davon ausgehen, dass es sich um sogenanntes Romance- oder Love-Scamming handelt. Es werde Geld für ein Visum oder für den Kauf eines Flugtickets erbeten. Oder es gibt plötzlich eine Notlage und der Betreffende will sich nur etwas leihen.

Chatten wird erotischer

Auch Allan arbeitet mit emotionaler Erpressung. Die Chats verschieben sich immer mehr in die Nachtstunden. Video- oder Audioanrufe sind angeblich wegen schlechter Internetverbindung nicht möglich. Kein Problem für sein Opfer, denn das Chatten wird immer erotischer. Allan beherrscht das Wechselspiel von einfühlsamem Liebhaber und herausforderndem Partner. Die beiden schreiben aus Spaß jetzt auf Englisch. Sie ist stets aufs Neue überrascht, dass gerade er sie auf Facebook gefunden hat – zu einem Zeitpunkt, an dem sie es nicht erwartet hat. Wie im Liebesfilm.

Allan ist ein Volltreffer gelungen.

Dass bald erotische Fotos hin- und hergeschickt werden, die ihn mit durchtrainiertem Körper zeigen, ist nur noch das Sahnehäubchen. Allan hat sie mit einer raffinierten Geschichte davon überzeugt, bald tatsächlich bei ihr zu sein, wenn sein Projekt beendet ist. Vielleicht schon zu Weihnachten. Sie schwärmen von einer gemeinsamen Zukunft, er macht ihr Vorschläge für das erste Date.

Wer weiß, ob er sich seine Strategie vorher genau zurechtgelegt oder sie erst im Laufe der Beziehung entwickelt hat. Fakt ist: sie funktioniert. Jetzt muss nur noch ein emotionaler Höhepunkt her, bei dem er maximales Verständnis heuchelt, und der Köder kann platziert werden.

Schlag in die Magengrube

Er sei in einer finanziellen Notlage, schreibt Allan. Eine Maschine für sein Projekt sei defekt und er als Chef müsse Abhilfe schaffen. Er sei bei der Bank gewesen, um einen Kredit zu bekommen. „Alle meine Ersparnisse habe ich in dieses Projekt gesteckt“, sagt er und schickt per E-Mail sogar ein Zertifikat dafür.

Das soll wohl seriös wirken. Doch das Gegenteil ist der Fall. Als sie an diesem Morgen die Worte Bank und Kredit liest, ist das für sie wie ein Schlag in die Magengrube. Sollte sie etwa doch einem Schwindler aufgesessen sein? Sie hofft den ganzen Tag, dass es anders sein möge. Doch am Abend kommt seine entscheidende Bitte: Er müsse eine Steuer von 45.000 Euro nachzahlen und habe nur 35.000 Euro.

Weiter muss er gar nicht schreiben. Ihr ist klar, was jetzt kommen wird. Alle ihre Träume platzen wie Seifenblasen. Wie hat er nur so heucheln und Gefühle vortäuschen können? Es hat sich doch alles so gut und echt angefühlt. Und war nun doch nur ein großer Bluff.

Desillusioniert löscht sie den gesamten Chat samt Fotos, die sie sich Tage vorher noch ausgedruckt hat für das Buch der Liebe – sein Weihnachtsgeschenk. Dann fällt ihr ein, dass sie zur Polizei gehen und ihn anzeigen muss. Doch was hat sie in der Hand? Zum Schein geht sie auf seine Bitte ein, ihm das Geld zu schicken. Er nennt ihr ein italienisches Konto. Noch in der Nacht solle sie die 10.000 Euro überweisen. Allan macht sich schon gar nicht mehr die Mühe, ihr zu versichern, dass sie das Geld zurückbekommt. Er ist sich wohl sicher, dass sie zahlen wird.

Erst nett, dann plump

Am nächsten Morgen stellt sie Strafanzeige. Auch Allans Porträtfotos, das falsche Zertifikat und die Kontoverbindung übermittelt sie der Polizei. Trotz aller Bitterkeit ist sie jetzt zu cleverem Handeln fähig. Ihren Freunden sagt sie Bescheid, dass sich die Sache erledigt hat. Ausnahmslos alle meinen, das hätten sie erwartet.

Dann plötzlich hat Allan eine gute Internetverbindung und versucht, sie per Messenger und Skype zu erreichen. Er will sich nach der Überweisung erkundigen. Sie ist überrascht, wie plump er nun vorgeht. Die Gewissheit auf weitere sorglose Monate mit fremdem Geld haben den Gigolo wohl leichtsinnig gemacht. Doch sie verschweigt, dass sie ihn angezeigt hat. Jetzt lässt sie ihn hängen und spielt ihm was vor, wie er es mit ihr getan hat.

Das Buch der Liebe mit den Fotos und den Gedichten hat sie trotzdem fertiggestellt. Es bleibt ihr als Andenken an eine Enttäuschung, die sie schnell verkraftet hat.

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SZ-Serie Betrug Teil 4: Wie aus afrikanischen Internetcafés Sehnsucht bedient und abkassiert wird.

Sie hat in dieser kurzen Zeit der Verliebtheit wieder Lebensfreude verspürt, Fantasie und Ideen, wie sie mit einem Mann besser klarkommen würde, als es in ihren gescheiterten früheren Beziehungen der Fall gewesen war. Sie hat gesungen, gelacht, war fröhlich und zuversichtlich, viel mehr als sonst. Diese Lebensfreude will sie sich bewahren. Die hat ihr der Schwindler nicht rauben können.

https://www.facebook.com/verzweiflungpur2017

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