merken
PLUS Großenhain

Fingerabdrücke und DNA reichen nicht

Ein junger Großenhainer soll einen Zigarettenautomaten gesprengt und ausgeräumt haben – verurteilt wird er wegen versuchten Diebstahls.

Dieser Zigarettenautomat wurde in der Nacht zum ersten Januar 2020 gesprengt. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, für die Zerstörung auf der Bahnhofstraße in Großenhain verantwortlich zu sein.
Dieser Zigarettenautomat wurde in der Nacht zum ersten Januar 2020 gesprengt. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, für die Zerstörung auf der Bahnhofstraße in Großenhain verantwortlich zu sein. ©  Foto: Kristin Richter

Großenhain. Da wird in einer Silvesternacht auf der Großenhainer Bahnhofstraße ein Polen-Böller in den Ausgabeschacht eines Zigarettenautomaten geworfen. Es gibt einen mordsmäßigen Knall, der Automat wird aufgesprengt, und der oder die Täter stehlen die Kippen und das Geld. Am nächsten Tag findet die Polizei an dem Wrack die Fingerabdrücke und sogar Blutspuren von einem ihr einschlägig bekannten 19-Jährigen. Beweise erdrückend, Täter verurteilt, Akte geschlossen? So einfach ist es leider nicht.

Klinik Bavaria Kreischa
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Klar sei er an dem Automaten gewesen und habe ihn auch angefasst, sagt Ben-Luca M. vor Gericht. Irgendwann in der Neujahrsnacht auf dem Rückweg von der Schützenhaus-Silvesterparty. Aber zu dieser Zeit sei der Automat schon aufgesprengt gewesen. Er habe sich den Schaden nur mal näher ansehen wollen. Besonders glaubwürdig klingt das nicht, zumal auch ein Blutstropfen des jungen Mannes im Inneren des Zigarettenautomaten gefunden wurde. Wo das Blut herkommt? Er habe sich im Schützenhaus an einer Getränkedose geschnitten, erklärt der junge Mann. Widerlegen lassen sich seine Aussagen nicht, zumal es keine Augenzeugen für die Sprengung gibt und Ben-Luca M. einen Kumpel für sich aussagen lässt, der an diesem Abend mit ihm zusammen gewesen sein soll.

Man muss die Sache im Kontext betrachten. In der Silvesternacht 2019/20 hatte eine Gruppe von Randalierern eine Schneise der Verwüstung durch Großenhain gezogen. Schaltkästen, Papierkörbe, Briefkästen und sogar Hundetoiletten wurden mit illegalen polnischen Böllern von erheblicher Sprengkraft zerstört. Am Cottbuser Bahnhof brannte ein Altkleider-Container, auf dem Vorplatz wurden die Scheiben einer Bushaltestelle in Mitleidenschaft gezogen, und sogar der Eingangsbereich des Polizeireviers bekam eine Böllerladung ab.

Ben-Luca M. hatte in vergangenen Jahren wegen ähnlicher mutwilliger Zerstörungen bereits Bekanntschaft mit Polizei und Justiz gemacht. Zu Buche stehen außerdem Diebstahl und der tätliche Angriff auf einen Angehörigen der Sicherheitswacht. Aber man sei nicht an ihn herangekommen, sagt die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. Aus einem sozialen Trainingskurs flog der Delinquent schon nach kurzer Zeit wegen permanenter Unzuverlässigkeit wieder raus. Und auch vor Gericht macht der junge Großenhainer nicht den besten Eindruck. Er grient fast die ganze Zeit in sich hinein, als wolle er sagen „Ihr könnt mir doch sowieso nix!“

Und tatsächlich: Allein die Tatsache, dass er am Tatort war, reicht letztlich nicht, um ihn für die Automatensprengung zu verurteilen. Der Staatsanwalt zieht den entsprechenden Vorwurf zurück und beantragt eine Strafe wegen versuchten Diebstahls. Selbst bei dieser minimalen Forderung läuft Verteidiger Kai-Uwe Schwokowski zu großer Form auf. Sein Mandant habe überhaupt keine Straftat begangen, dafür müsste man ihm erst einmal nachweisen, dass er sich etwas aus dem Automaten mitnehmen wollte. Ergo sei er freizusprechen. Dem folgten Richter Herbert Zapf und seine beiden Schöffen nicht. Sie sind der Meinung, der junge Mann habe zugegeben, etwas aus dem kaputten Zigarettenautomaten mitnehmen zu wollen. Offenbar will das Gericht dem arbeits- und antriebslosen jungen Mann einen Anstoß geben und verurteilte ihn zu vier Wochen Arrest und einer verpflichtenden Betreuung durch ein Stabilisierungs- und Beschäftigungsprojekt. Anwalt Schwokowski will dagegen auf jeden Fall in Berufung gehen. Ein reines Erziehungsurteil, sagt er. Aber mit Mitteln der Justiz sei der junge Mann nicht auf den rechten Weg zu bringen.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Großenhain