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88 Jahre, frisch geimpft und guter Dinge

Seit Monaten leben die Bewohner der Seniorenresidenz Pro Civitate Großenhain zurückgezogen. Die SZ begleitet einen von ihnen durch die Coronakrise: Willi Stelzig.

Der ehemalige Dresdner Willi Stelzig lebt nach einem Schlaganfall in der Seniorenresidenz Pro Civitate Großenhain. Seit dem ersten Lockdown begleitet die SZ den 88-Jährigen.
Der ehemalige Dresdner Willi Stelzig lebt nach einem Schlaganfall in der Seniorenresidenz Pro Civitate Großenhain. Seit dem ersten Lockdown begleitet die SZ den 88-Jährigen. © Foto: Kristin Richter

Großenhain. Er ist der Mann aus der Statistik. Ein Senior, welcher in einem der sogenannten vollstationären Pflegeeinrichtungen lebt und mindestens die erste Corona-Schutzimpfung erhalten hat. Der tatsächlich berechtigt sein darf, vor dem geistigen Auge von Petra Köpping aufzutauchen, wenn sie wie erst jüngst am Montag gegenüber der Sächsischen Zeitung verkündet, gut 95 Prozent der Heimbewohner im Freistaat seien inzwischen auf dem Weg der Immunisierung.

Was die sächsische Gesundheitsministerin indes nicht wissen kann: Willi Stelzig ist schon weit mehr. Der 88-Jährige, welcher in der Seniorenresidenz Pro Civitate Großenhain zu Hause ist, wurde am vergangenen Sonntag bereits das zweite Mal geimpft. Ganz ohne Nebenwirkungen, wie er betont, und dankbar, dass es schon möglich gewesen ist. "Ich verfolge täglich die aktuelle Nachrichtenlage und weiß daher, dass viele ältere Menschen in ganz Deutschland große Schwierigkeiten haben, überhaupt erst einmal einen Termin dafür zu vereinbaren. Wir in unserer Großenhainer Residenz sind hingegen in der komfortablen Situation, dass auch solche Angelegenheiten für uns professionell durch die Heimleitung geregelt werden, was natürlich eine große Erleichterung bedeutet", sagt Willi Stelzig und strahlt übers ganze Gesicht.

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Dass sich das Dasein des gebürtigen Dresdners seit fast einem Jahr grundlegend verändert hat, merkt man dem zweifachen Vater nicht an. Er ist ausgeglichen, schlagfertig und hat auch an diesem Februartag 2021 die eine oder andere freundlich erzählte Anekdote auf Lager. Nichts ist zu spüren von seinem Schlaganfall und den Auswirkungen der Coronapandemie, die auch in der Röderstadt nicht unbedingt für ein geselliges Miteinander im Seniorenalltag sorgen kann. Immerhin - seit dem ersten Lockdown im März 2020 hat sich der Aktionsradius des vitalen Rentners massiv verkleinert. Konnte er bis dahin einen kleinen Bummel durch die Stadt unternehmen oder mal die Mozartallee auf und ab laufen, beschränken sich seine Ausflüge nunmehr auf den Innenhof, einen Spaziergang durch den Garten hinterm Haus oder einen Schritt auf den Balkon.

Am vergangenen Sonntag war es soweit: Willi Stellzig, wohnhaft in der Seniorenresidenz Pro Civitate Großenhain, wurde von Dr. Melanie Mattheus geimpft. Zum zweiten Mal und er habe alles gut vertragen.
Am vergangenen Sonntag war es soweit: Willi Stellzig, wohnhaft in der Seniorenresidenz Pro Civitate Großenhain, wurde von Dr. Melanie Mattheus geimpft. Zum zweiten Mal und er habe alles gut vertragen. © Foto: privat

Einschränkungen, über die sich Willi Stelzig jedoch nicht beklagen möchte. Gut, nein, sehr gut, erginge es ihm und den übrigen 67 Bewohnern. Oft unterhalte man sich mit jenen, die gemeinsam am Tisch die Mahlzeiten einnehmen würden, über die Lage. Eine, die ihn als frisch gewählten Vorsitzenden des Heimbeirates sowieso beschäftige, und erst recht die Stimmung, die sich in den vier Wänden daraus ergebe. Über Wochen nur mit den Angehörigen per Telefon zu kommunizieren, keinen Besuch der geliebten Kinder empfangen zu können und sie selbst an den Feiertagen nicht bei sich haben zu dürfen, wäre für viele von ihnen natürlich eine große Herausforderung gewesen. "Auch ich war Weihnachten und Silvester in der Residenz, doch immerhin telefonisch mit meinen Kindern verbunden. Aber die Infektionszahlen sprachen zu diesem Zeitpunkt doch wirklich eine deutliche Sprache und ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich beispielsweise unwissend meine Tochter angesteckt hätte", bekennt Willi Stelzig.

Dass sie jeden Abend mit ihm spreche, sei schon ein kleines Glück. Denn allein die Nachfrage, wie es ginge, tue einfach gut. Und die Aussicht, irgendwann doch wieder einmal mit ihr und dem Schwiegersohn im Garten in Würschnitz beisammen sitzen zu dürfen, wäre ein ebenso herrliches Ziel wie das Wiedersehen mit der älteren Tochter aus Potsdam. Doch noch sei es eben nicht soweit.

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Der ehemalige Verwaltungsdirektor eines Dresdner Krankenhauses ist sich sicher, dass es auch Ostern für derlei Herzenspläne zu früh wäre. Nicht etwa, weil er da für Sachsens gescholtenen Ministerpräsident Michael Kretschmer argumentativ in die Bresche springen wolle. Nein! Aber nicht zuletzt aus seiner beruflichen Erfahrung bräuchte gut Ding eben nun mal Weile. Und ein wenig Demut angesichts der noch nicht voll umfänglich erforschten Krankheit und ihrer jetzt auftretenden Mutationen könne sicherlich nicht schaden. "Wissen Sie, mir wäre es auch lieber, heute noch durch die Großenhainer Geschäfte gehen zu können! Keine Frage! Und mir tun alle Menschen aufrichtig leid, die unter dieser Krise leiden! Wir Rentner haben dabei das Geringste auszustehen, und in der Residenz herrscht ohnehin heile Welt. Aber ich glaube trotzdem, wir brauchen alle noch etwas Geduld", ist sich Willi Stelzig sicher.

Geduld, bis nicht mehr er allein der Mann aus der Statistik ist. Geimpft und guter Dinge.

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