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Bilder von Wohlfühlorten und Barrieren

Klienten der sozialtherapeutischen Wohnstätte ließen bei einem Foto-Workshop in ihre Gefühlswelt blicken. Die Ausstellung wurde jetzt eröffnet.

Von Thomas Riemer
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"Räume und Orte abzulichten, an denen positive oder negative Assoziationen hervorgerufen werden." So formulierte Fotograf Ralf Menzel "fly" das Anliegen eines Workshops.
"Räume und Orte abzulichten, an denen positive oder negative Assoziationen hervorgerufen werden." So formulierte Fotograf Ralf Menzel "fly" das Anliegen eines Workshops. © Foto: Ralf Menzel

Großenhain. "Die Welt ist bereit, dass man sich sieht." Ein Satz, der sicherlich so viele Facetten hat wie auch Vermutungen, was im speziellen Fall dahintersteckt. Hier ist es der Titel einer ganz besonderen Ausstellung. 40 Bilder sind in ihr zu sehen. Die Fotografien sind Resultat eines Workshops mit sieben Bewohnerinnen und Bewohnern der sozialtherapeutischen Wohnstätte der Diakonie Meißen in Großenhain. Sie hatten sich mit dem Thema Inklusion und Barrieren beschäftigt.

"Wir waren froh, dass wir den renommierten Fotografen Ralf Menzel ,fly' dafür gewinnen konnten", sagt Melanie Wolf, Mitarbeiterin in der Wohnstätte und Leiterin des Workshops. Er habe großartige Arbeit geleistet, was angesichts der Krankheitsbilder und auch Befindlichkeiten der Teilnehmer eine große Herausforderung war. An drei Tagen war "fly" dann mit den Teilnehmern des Workshops, Melanie Wolf und einer weiteren Mitarbeiterin der Wohnstätte unterwegs. Das Konzept: "Räume und Orte abzulichten, an denen positive oder negative Assoziationen hervorgerufen werden. Die Protagonisten wurden dann an ,ihren' Orten so inszeniert, dass man visuell in einen kleinen Teil ihrer Gefühlswelt eintauchen kann", beschreibt der Fotograf sein Herangehen.

Herausgekommen sind 40 faszinierende Aufnahmen, die die Gefühlswelt der teilnehmenden Bewohner ausdrücken - zwischen Wohlfühlorten, aber auch Plätzen, die sie mit persönlichen Barrieren verbinden. Ein Teilnehmer hatte als "seinen" Ort zum Beispiel das gleich neben der Wohnstätte befindliche Großenhainer Naturerlebnisbad auserkoren. "Das Sich-bewegen-Können, beschwerdelos zu sein", sei wohl dafür ausschlaggebend gewesen, sagt Melanie Wolf. Aus ihrer Sicht sei im Verlauf der drei Tage wichtig gewesen, dass man neben dem Entstehen der Fotos mit- und voneinander gelernt habe, auch viele Gespräche stattfanden. "Es war kein Kurs, sondern ausdrücklich ein Workshop", macht sie klar.

Das Spektrum der ausgesuchten Wohlfühlorte ist beachtenswert. Es reicht von der Marienkirche über den eigenen Arbeitsbereich in der Werkstatt der Diakonie in der Auenstraße bis hin zum Streetwear-Geschäft "Selectorz" auf dem Frauenmarkt oder das Landesgartenschaugelände. Doch auch symbolische Barrieren werden dargestellt - etwa das Warten vor der am Wochenende verschlossenen öffentlichen Toilette am Schloss oder die Angst vor Dunkelheit und Abgeschiedenheit in einer Großenhainer Gasse. "Beim Thema Inklusion muss man letztlich alle Facetten des Lebens einbeziehen", so Melanie Wolf.

Für sie und auch die anderen Mitarbeiter der Wohnstätte ist es gleichermaßen interessant, was der Workshop mit den Bewohnern "gemacht" hat. Nachzuvollziehen ist das in der unheimlich aussagekräftigen Rubrik der Ausstellung "Prolog und Epilog". Dazu durften sich die Teilnehmer in einem "Selfie-Raum" fotografieren. "Es ging darum, Scheu zu überwinden - und das auf Tuchfühlung mit der Kamera", so Melanie Wolf. Zutage getreten ist Erstaunliches. War es am ersten Tag noch ein junger Mann, der verschämt sein Basecap vors Gesicht gezogen hat, erscheint derselbe junge Mann drei Tage danach verschmitzt lächelnd und freundlich. "Das ging bei manchem recht schnell. Andere waren lange verhalten", beschreibt Melanie Wolf ihre Beobachtung.

Vor ein paar Tagen wurde die Ausstellung in der 2. Etage des Hauses auf der Bobersbergstraße eröffnet. Aus Corona-Gründen leider weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Geht es nach den Initiatoren, sollen die beeindruckenden Fotos aber irgendwann auch anderen Interessenten vorgestellt werden. Ideen für mögliche Orte gibt es, aber derzeit ist das aus Pandemiegründen Zukunftsmusik.

So oder so: Verdient hätten es die Ergebnisse des Workshops. Denn sie geben auch diesem oder jenem Verantwortungsträger in Großenhain einen Fingerzeig.

Die sozialtherapeutische Wohnstätte bietet Menschen ab ihrem 18. Lebensjahr mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen, Störungen und seelischen Behinderungen ein Wohnangebot, in dem sie sich angenommen und wohlfühlen können. Die verschiedenen pädagogisch-therapeutischen Hilfsangebote orientieren sich an den individuellen Bedarfen und Ressourcen der Klienten. Insgesamt leben hier 32 Menschen.