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Großenhainer Kapitelle schmücken Berliner Stadtschloss

Nach fast anderthalb Jahren ist die Steinmetzarbeit fast beendet. In jedem Kapitell stecken rund 700 Arbeitsstunden.

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© Anne Hübschmann

Von Susanne Plecher

Großenhain. Jeder wird sie sehen. Alle, die dereinst das noch im Bau befindliche Berliner Humboldt-Forum mit seinen Museen und Veranstaltungsräumen besichtigen wollen, müssen an ihnen vorbei. Täglich werden das mehrere Tausend Besucher sein. Um die beiden Kapitelle, die in der Steinbildhauerwerkstatt von Hartmut Witschel entstehen, wird keiner von ihnen herum kommen. Denn die Säulen, auf denen sie angebracht werden, sollen den Haupteingang des Berliner Stadtschlosses flankieren.

Diese Aussicht macht Dennis Klingner stolz. Der Steinbildhauer aus Blattersleben arbeitet seit 23 Jahren in der Werkstatt von Hartmut Witschel. In Handarbeit hat er aus zwei massiven Blöcken aus Reinhardtsdorfer Sandstein eines von insgesamt acht Kapitellen geschlagen, die künftig das Westportal des riesigen Baus schmücken werden. Das Zweite, für das die Großenhainer Firma den Zuschlag bekam, fertigt André Östreicher an. Klingner sagt: „Die Größe und Form sind einmalig. Das haben wir noch nicht gehabt. Es ist ein großes Glück, diesen Auftrag machen zu dürfen.“

Immerhin sind die Kapitelle so riesig, dass sie jeweils in ein Ober- und ein Unterteil zerlegt werden mussten. Allein Letzteres maß als unbehauener Block zweimal zwei Meter in der Grundfläche, 85 Zentimeter in der Höhe und brachte acht Tonnen auf die Waage. Die unteren Teile des Kapitells konnten Klingner und sein Kollege im August 2015 beenden. Danach schufen sie kleine Adler, die als Schmuckelemente in das Akanthusblattwerk gesetzt werden.

Alte Tradition in reiner Handarbeit

Seit September behauen sie die Blöcke für die Oberteile. Mitte Juni müssen diese fertig sein. „Wenn ich die Arbeitsstunden überschlage, komme ich auf etwa 700 pro Kapitell“, sagt Klingner. Etwa die Hälfte davon hat er in Jahrhunderte alter Tradition in reiner Handarbeit mit Eisen und Knüpfel erbracht. Für die gröberen Arbeiten, bei denen die Steinbildhauer am Anfang die Umrisse aus dem Block schlagen, sind Drucklufthämmer zum Einsatz gekommen.

Die Oberteile der Kapitelle werden demnächst auf eine Europalette geladen und beim Auftraggeber, den Sächsischen Sandsteinwerken in Pirna, zwischengelagert, bis sie vor Ort verbaut werden. Dafür werden die einzelnen Säulentrommeln unsichtbar für alle auf einen Edelstahlstrang gefädelt. Die Steinbildhauer bohren dafür ein im Durchmesser acht Zentimeter großes Loch in die Mitte.

Klingner wird sein Kapitell, an dem er rund anderthalb Jahre seines Arbeitslebens verbracht haben wird, in Berlin auf jeden Fall besuchen. Die Möglichkeit dazu wird er voraussichtlich 2019 haben, wenn das Stadtschloss als Humboldt-Forum eingeweiht werden soll. Dann wird es ganz im aufklärerischen Sinn der berühmten Brüder als ein Weltort der Kulturen Interessierte aus allen Ländern zum Lernen, Bestaunen und Verstehen einladen. Alexander von Humboldt hatte einmal gesagt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derjenigen Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“ Einziehen werden beispielsweise die Kunstsammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ein Wissenschaftsmuseum der Berliner Humboldt-Uni sowie eine große Bibliothek.