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Großer Bahnhof am Hauptbahnhof

© c by Matthias Rietschel

Der erste Bauabschnitt der Strecke Dresden–Berlin ist fertig – und der Vorkriegsstand bei der Fahrzeit erreicht.

Von Michael Rothe

Hella und Ulrich Pötzsch sind passionierte Bahnfahrer – und gleich doppelt Glückspilze. Als Gewinner einer Verlosung gehörten die Nossener zu zehn Auserwählten, die am Dienstag in Großenhain in einen Sonderzug steigen durften, um mit zahlreicher Prominenz die Wiederaufnahme der Bahnlinie Dresden–Berlin zu feiern. Und sie erlebten mit dem Halt eines neuen doppelstöckigen Intercity-2 in der Röderstadt, was Großenhainern weiter verwehrt bleibt. Wer von dort schnell in die Hauptstadt will, muss erst nach Elsterwerda.

Beim Ausbau jener Bahnlinie hat die Deutsche Bahn (DB) eine wichtige Etappe abgeschlossen. Mit dem Fahrplanwechsel können die Züge ab kommenden Sonntag wieder den direkten Weg über Großenhain, Elsterwerda, Blankenfelde nehmen – und das auf einem Großteil mit Tempo 160. Vorbei die teils einspurige Zuckelei über Falkenberg, bei der nur noch das Hinweisschild „Blumenpflücken während der Fahrt verboten“ gefehlt hat.

16 Monate war die eigentliche Strecke zwischen Wünsdorf-Waldstadt und Hohenleipisch voll gesperrt. In dieser Zeit wurden auf 73 Kilometern Gleise, Bahnsteige und Technik erneuert und 18 beschrankte Bahnübergänge durch Brücken und Tunnel ersetzt. Damit verkürzt sich die Fahrzeit zwischen den Hauptbahnhöfen zunächst um neun auf 107 Minuten. Wegen der Umrüstung auf das neue europäische Zugbeeinflussungssystem ETCS wird es erst in drei Jahren mit Tempo 200 noch mal fünf Minuten schneller gehen.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg gekappte Route über die „Dresdner Bahn“, einen 16 Kilometer langen Abschnitt in Berlins Süden, soll 2025 weitere zehn Minuten bringen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte im Sommer grünes Licht für die Trasse durch den Stadtteil Lichtenrade gegeben und Klagen von Anwohnern abgewiesen. Seit Oktober wird dort gearbeitet.

Jetzt feiert die Bahn die Fertigstellung des 1. Bauabschnitts mit 250 geladenen Gästen und viel Trara am Dresdner Hauptbahnhof – nicht nur von einer Jazzband. „390 Millionen Euro hat der Bund in den Abschnitt investiert – und jeder Cent davon ist gut angelegt“, sagt Enak Ferlemann (CDU), bis Ende Oktober parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Schließlich sei die Bahn, „das einzige Verkehrsmittel, das europäisch denkt“. Und Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) ergänzt: „Hier geht es nicht nur um die Verbindung Dresden–Berlin. Wir rücken Europa zueinander und verbinden die Häfen im Norden mit jenen im Süden.“

Bei solcher Tragweite wundern sich viele, warum der Ausbau der Hauptstadtlinie 20 Jahre in Verzug ist. Das 1995 beschlossene Vorhaben sollte eigentlich 2008 beendet sein. Seit über 20 Jahren wird geplant – anfangs sogar mit einer Zielfahrzeit von 59 Minuten. Doch verknappte Investitionsmittel führten zur Konzentration auf 66 Projekte, zu denen Dresden–Berlin nicht gehörte. Nach Expertenansicht fehlte die politische Unterstützung und in der Folge ein Planungsvorrat. Die letzte Verzögerung war 2016 bekanntgeworden. Demnach kostet die Umrüstung auf das elektronische Sicherheitssystem ETCS zwei weitere Jahre. Nun wird frühestens 2028 das Endziel von 80 Minuten erreicht und damit Konkurrenzfähigkeit zu Auto und Fernbus.

Mit den Geldern von EU, Deutscher Bahn, Ländern und Kommunen summiert sich die Investitionssumme für den 125 Kilometer langen ersten Abschnitt vom Berliner Außenring zu Sachsens Landesgrenze auf 575 Millionen Euro. Das Gesamtprojekt kostet das Doppelte. Noch unerledigt sind der Ausbau Blankenfelde–Wünsdorf, Großenhain–Elsterwerda, der Umbau des Bahnhofs Doberlug-Kirchhain und womöglich der geplante Kockelsbergtunnel zwischen Weinböhla und Böhla.

„Bei aller Freude über die Wiederinbetriebnahme muss klar sein: Es ist erst Halbzeit“, sagt der sächsische Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn (Bündnis 90/Grüne). Dem Ausbau müssten entsprechende Angebote folgen. Es könne nicht sein, dass man nach 19 Uhr nicht ohne Umstieg von Dresden nach Berlin kommt. „Wir brauchen den Stundentakt über den ganzen Tag“, fordert der Bahnexperte.

Eine Verbesserung bei Frequenz und Komfort wird es erst Ende 2019 geben, wenn so ein IC-2 von Dresden über Berlins Flughafen BER (sofern fertig) nach Rostock/Warnemünde rollt. Immerhin ist jetzt mit älterer DB-Technik und aufgehübschten tschechischen Wagen die Reisezeit von vor 80 Jahren erreicht. „Ich sehe heute nur glückliche Gesichter“, sagt Minister Dulig.

Und Pötzschs mit dem Gewinner-Schild am blauen Halsband? Das Ehepaar durfte sich bis zur Rückfahrt des Sonderzugs drei Stunden auf dem Dresdner Striezelmarkt vergnügen. Die Rentner haben nicht zum ersten Mal gewonnen. „Da gab’s schon einiges“, schmunzelt Hella: „Vom Rucksack mit Eiernudeln bis zum Reisegutschein“. Und Ehemann Ulrich ergänzt: „Aber dein Hauptgewinn bin ich.“ Glückspilze eben.