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Wiener Platz wird unterirdisch geflutet

Das sogenannte Wiener Loch in Dresden wird derzeit bebaut. Deshalb kann die Stadt nach über 17 Jahren das Grundwasser wieder auf sein natürliches Niveau ansteigen lassen. Fraglich ist, ob Tunnel und Keller dicht sind.

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© Sven Ellger

Von Peter Hilbert

Über 17 Jahre klaffte das Wiener Loch, verschandelte den Anblick des zentralen Platzes vorm Hauptbahnhof. Doch das ist jetzt Geschichte. Die Grube ist gefüllt, das Fundament eines Komplexes mit 241 Wohnungen und Läden steht. Für die Stadt und die Gebäudeeigentümer am Wiener Platz kommt eine besondere Herausforderung, erläutert Tiefbauamtschef Reinhard Koettnitz. Jetzt folgt der Härtetest. Heute werden die Pumpen abgeschaltet, die das Grundwasser niedrig hielten. Das wird jetzt steigen und Wände von Kellern, Tiefgaragen und Tunnelröhren umfluten.

Bald kann auch der provisorische Grundwasserschutz rings um die Baugrube mit den blauen Rohren beseitigt werden.
Bald kann auch der provisorische Grundwasserschutz rings um die Baugrube mit den blauen Rohren beseitigt werden. © Sven Ellger

Die Vorgeschichte: Stahlwände schotten die große Baugrube ab

1990 hatte der Bau am Wiener Platz mit dem Tunnel begonnen. Allerdings war nach 100 Metern Schluss. Denn die Stadt wollte das Areal zwischen Hauptbahnhof, Reitbahnstraße und dem Pullmann-Hotel Newa ordentlich gestalten. 1995 begannen die Planungen für die Tunnel, die zweigeschossige Tiefgarage und die unterirdischen Anschlüsse für Büro- und Geschäftshäuser. Das Gelände musste aber vor Grundwasser geschützt werden, das von den Coschützer Hängen zur Elbe strömt. Deshalb rammten gewaltige Baumaschinen rings um das Gelände auf 1 100 Quadratmetern stählerne Spundbohlen in die Felsen tief unter der Erde. Sie umschließen das Gebiet von 64 000 Quadratmetern.

Das Problem: Stahlrohre nach 17 Jahren an allen Ecken undicht

Seit 1998 wird nachdrückendes Grundwasser über blaue Hochleitungen zum Ferdinandplatz und zur Annenstraße geleitet, wo es in Brunnen versickert. Das nur für zehn Jahre konzipierte System ist jetzt völlig marode. Die stählernen Bohlen verrosten genauso wie die Rohre. Regelmäßig überfluten undichte Stellen Fußwege und Plätze. Kurz nach Weihnachten vergangenen Jahres war eine Leitung neben der Tunnelrampe Richtung Wiener Straße geborsten, nennt Koettnitz einen der jüngsten Fälle. Die Ausfahrt war total vereist, bis die Rohre mit Planen notdürftig gesichert werden konnten.

Die Flutung: Das Grundwasser steigt zuerst um einen knappen Meter

Da das Fundament im Wiener Loch steht, sind die vier Anschlüsse an die Nordröhre des Tunnelsystems, teils verbunden, teils druckdicht verschlossen. „So können wir damit beginnen, das Grundwasser ansteigen zu lassen“, sagt Koettnitz. Das neue Gebäudefundament stehe ganz nahe an der Tunnelwand. Dazwischen ist aber noch etwas Platz, sodass das Grundwasser steigen kann. Sein Spiegel liegt bei 104,8 Metern. Werden die Pumpen heute abgeschaltet, lassen die Überwacher es im ersten Schritt auf 105,5 Meter steigen. Das wird drei bis vier Tage dauern. Dann wird es mit Pumpen vorerst auf diesem Niveau gehalten.

Die Prüfung: Wasserdichte Wände müssen den Praxistest bestehen

Die unterirdischen Wände von Neubauten und Tunnel sind zwar aus wasserundurchlässigem Beton. Jetzt kommt aber die Stunde der Wahrheit. 15 Tage bleibt das Wasser auf diesem Niveau. „So können feuchte Stellen entdeckt werden“, nennt der Amtschef den Effekt. In den Tunnelfugen sind beispielsweise Schläuche eingebaut, mit denen solche Stellen mittels Kunstharz abgedichtet werden können. Sind Reparaturen an Kellerwänden nötig, müssen die Eigentümer für die Kosten aufkommen. Bis zu 30 Tage sind bei jedem Schritt für solche Abdichtungen erforderlich.

Dann wird der Grundwasserspiegel im gleichen Rhythmus in vier weiteren Schritten um jeweils einen halben Meter angehoben, bis er letztlich auf 107,5 Metern steht.

Das Finale: Alte Spundwände müssen vom Wiener Platz verschwinden

„Wenn alles klappt, sind wir im dritten oder vierten Quartal 2015 fertig und können die Rohrleitungen abbauen“, erläutert Koettnitz. Dann könnten die stählernen Spundwände mit Spezialgeräten aus der Erde gezogen werden. Dafür sind 1,4 Millionen Euro geplant. Allerdings müssten die asphaltierten Flächen rings um den Wiener Platz noch ordentlich befestigt werden. Er hofft auf das nötige Geld. „Wir können in Dresden nicht überall anfangen und nichts ordentlich zu Ende bringen“, drängt Koettnitz.