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Großer Schnitt bei Dr. Quendt

© Matthias Rietschel

Der Dresdner Stollenbäcker hat unter der Regie von Lambertz wieder eine Zukunft. Sein Inhaber ist nun erst mal satt.

Von Michael Rothe

Hermann Bühlbecker liebt Inszenierungen. Sei es bei der alljährlichen „Monday-Night“mit der legendären Schoko&Fashion-Show und Promis aus aller Welt oder für seinen Firmen-Kalender, für den Starfotografen Top-Models glamourös ablichten. Auch gestern fand der Inhaber der Lambertz-Gruppe, einem führenden deutschen Backkonzern, seine Rosinen: in einem 1,5 Meter langen Christstollen von Dr. Quendt.

„Der Schnitt, der die Saison eröffnet“, sollte es dann schon sein, um die Übernahme des Dresdner Stollen-Großbäckers auch offiziell zu verkünden. „Es war immer mein Traum, einmal in Dresden zu sein und dort eine große Backtradition fortzuführen“, sagt Bühlbecker vor der Presse.

Mitte Juni hatte Lambertz mit Sitz in Aachen mitgeteilt, den Dresdner Stollen-Großbäcker mit 96 Stamm- und rund 100 Saisonkräften mehrheitlich zu übernehmen. Dr. Quendt ist mit 1,6 Millionen Stück mit Abstand führender Hersteller von Dresdner Christstollen. Das Unternehmen macht damit etwa die Hälfte seines Geschäfts – auch für Lidl, Edeka, Kaufhof und exklusiv für Aldi. Fast jeder zweite vermarktete Dresdner Stollen kommt aus dem Familienbetrieb. Das 1991 gegründete Unternehmen ist auch bekannt durch Russisch Brot, Dinkelchen, Dominosteine und Bemmchen. 2013 war der Umsatz von 21,2 auf 19,6 Millionen Euro gesunken – bei 1,4 Millionen Euro Verlust.

Das Weihnachtspuzzle ist vollständig

Wegen einer Millionen-Lücke stand die Finanzierung der neuen Stollensaison lange infrage. Über Monate hatten Banken, Wirtschaftsprüfer, Privatinvestoren und die MBG, Beteiligungstochter des Freistaats, nach einer Lösung gesucht und Quendt auf einen strategischen Investor gedrängt. „Ich habe dann gemerkt, dass ich mit den Bankern und Finanzinvestoren auf keinen gemeinsamen Nenner komme“, blickt Ex-Chef Matthias Quendt zurück. Daher habe er sich mit Lambertz eingelassen.

Die Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz GmbH & Co. KG, so der offizielle Name, zählt zu den drei größten deutschen Gebäckherstellern und ist Weltmarktführer für Herbst- und Weihnachtsgebäck. Die Gruppe mit 20 Süßwarenfirmen umfasst auch die Marken Kinkartz, Haeberlein-Metzger, Weiß – und mit Lambertz den ältesten, weil 326 Jahre alten deutschen Markenartikel. 3.500 Mitarbeiter in nun sieben deutschen Fabriken und in Katowice (Polen) erwirtschaften gut 500 Millionen Euro Umsatz.

Inhaber Hermann Bühlbecker hatte schon lange ein Auge auf die Dresdner geworfen. Denn nach Aachener Printen und Nürnberger Lebkuchen fehlte ihm nur noch ein Teil im Puzzle der regionalen Weihnachtsprodukte: der Dresdner Christstollen. Da war der klamme Familienbetrieb ein gefundenes Fressen. Bühlbecker berichtet der SZ dennoch von Gesprächen „auf Augenhöhe“. „Quendt konnte sich schon jemanden aussuchen“, sagt er. Der Aufgekaufte selbst spricht von „insgesamt vier Alternativen“, die es seinerzeit gegeben habe: Lambertz, zwei weitere Interessenten – oder eine Insolvenz. Doch die wollte der 47-Jährige vermeiden.

Mit Bühlbecker fand Quendt nicht nur einen Geldgeber, der ihm die Stollensaison vorfinanziert und die Existenz rettet, sondern auch jemanden, der ihm ein gutes Stück Familienbesitz lässt. „Wir sind nicht so hochmütig, dass wir alles wollen“, sagt Bühlbecker zur SZ. Matthias Quendt darf bleiben: als Mitinhaber, als Mitglied im dreiköpfigen Beirat und als Berater. Ehefrau Heike leitet die Produktentwicklung.

„Die Verlustentwicklung ist gestoppt, ein ausgeglichenes Ergebnis in Sichtweite“, sagt der Ex-Chef. Der Auftragsbestand sei „auf Rekordniveau“, die Stollenproduktion laufe rund um die Uhr, die Maßnahmen zur Effizienzsteigerung zeigten Wirkung. Vor einem Jahr hatte Quendt seinen Geschäftspartnern eine schwierige finanzielle Situation offenbart – hervorgerufen durch Preissteigerungen bei Rohstoffen und Energie. Heute gibt er sich auch selbstkritisch: „Unsere Eigenkapitaldecke war zu dünn, und ich hatte vernachlässigt, dass Wachstum Geld kostet.“

Zu schnell und mit vielen Artikeln gewachsen, wurde er zum Spielball im Preiskrieg der Discounter. Ein Gefangener des Systems mit gigantischen Stückzahlen, Preisdiktat, Lieferkontrakten bis zu einem halben Jahr vor Auslieferung – mit allen Unwägbarkeiten. Aldi hatte Quendt zuletzt bis in den April zappeln lassen, ehe es ihm den überlebenswichtigen Stollen-Auftrag antrug. Volumen: 3,6 Millionen Euro.

Mit Lambertz im Rücken hat Dr. Quendt, dessen Wurzeln bis 1876 zurückreichen, nun eine größere Verhandlungsmacht. Dass es gelingt, die Stollenpreise nach oben zu schrauben, sei „eher unwahrscheinlich“, sagt Bühlbecker. Schon seit Jahren gibt es Knatsch, weil „Echter Dresdner Christstollen“ Marke Dr. Quendt von Aldi und Netto für weniger als sechs Euro das Kilo verscherbelt wird. Bäckermeister im Großraum Dresden, insgesamt gibt es 130 Anbieter, kalkulieren im Schnitt mit elf Euro, um über die Runden zu kommen. Öffentlich will niemand den Lambertz-Einstieg schlechtreden. Ebenso wenig knallen Sektkorken. Aus der Innung heißt es nur: „Wir beobachten mit wachem Auge, was bei Quendt passiert.“

Keine Übernahme von Emil Reimann

Bühlbecker will die Dresdner zunächst ihr Ding machen lassen – also rund 50 Spezialitäten. Es gebe so gut wie keine Sortimentsüberschneidungen, sagt er. Und ob an der Elbe irgendwann auch Lambertz-Produkte hergestellt werden, sei Zukunftsmusik. Zunächst soll Dr. Quendt wieder auf die Beine kommen. Ziel: Auslastung über das Saisongeschäft hinaus und „Mitte 2015 ein ausgeglichenes Ergebnis“. In diesem Jahr sind 20 Millionen Euro Umsatz angepeilt, mittelfristig sogar 25 Millionen.

Nach Monaten der Unsicherheit schläft die Quendt-Belegschaft wieder ruhiger, bestätigt Bäckermeister und Produktentwickler Heiko Nieß. Sein neuer Oberchef Bühlbecker ist in Gedanken schon bei der nächsten Inszenierung: „Vorige Woche bei Elton John, nächste Woche bei Bill Clinton“, kokettiert der 64-Jährige mit akkurat nach hinten gekämmter grauer Mähne. Ob gegen Armut, Aids oder globale Erwärmung – oft haben Termine des promovierten Staats- und Wirtschaftswissenschaftlers bei den Reichen und Schönen einen gemeinnützigen Hintergrund. In Dresden rettet er einen Traditionsbetrieb. Fast ohne Glamour. Gerüchte, er könne auch den Dresdner Quendt-Konkurrenten Emil Reimann übernehmen, bestätigt Bühlbecker nicht. „Wir haben den Fuß jetzt drin, das reicht .“