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Leipzig

Grüne Inseln 

In Leipzig gingen drei von sieben Direktmandaten an Grüne und Linke, die AfD ging leer aus. Ist die Stadt anders als der Rest von Sachsen?

Die Stadt Leipzig hebt sich bei den Wahlergebnissen etwas vom Rest Sachsens ab. Woran liegt's?
Die Stadt Leipzig hebt sich bei den Wahlergebnissen etwas vom Rest Sachsens ab. Woran liegt's? © Jan Woitas/dpa

Von Theresa Held und Birgit Zimmermann

Leipzig. Beim Blick auf die Karte der Landeswahlleitung zur Landtagswahl in Sachsen sieht man fast flächendeckend blau: dunkel für die CDU und hell für die AfD. Nur links oben schimmern zwei grüne Kleckse. Das sind die Wahlkreise Leipzig 4 und 5, dort gewannen die Grünen die meisten Stimmen. Die 24 und 26,7 Prozent liegen weit über dem Landesschnitt der Partei von 8,6 Prozent. Die beiden grünen Kandidatinnen holten auch die Direktmandate - ein Novum für die Partei in Sachsen. Dazu ging ein weiteres Direktmandat in Leipzig an die Linke. Nur in Dresden schaffte das noch ein Grünen-Bewerber. Tickt die Messestadt also anders als der Rest des Bundeslandes, ist Leipzig das andere Sachsen?

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Die eigenen vier Wände sind eines der größten Projekte im Leben. Am 16. November können Interessenten die vier entstehenden Doppelhäuser auf der Landheimstraße besichtigen.

Die Antworten auf die Frage fallen unterschiedlich aus. Leipzigs Einwohner seien offener und toleranter als der Rest von Sachsen, findet Sören Pellmann, der für die Linke im Bundestag sitzt. "Als wir damals Geflüchtete aufgenommen haben, war die Stadtgesellschaft hilfsbereit, hat gesagt wir schaffen das gemeinsam." Doch die Weltoffenheit strahle nicht sehr weit über die Grenzen der Stadt hinaus. "Wir sind hier eine Insel", sagt Adam Bednarsky, der für die Linke bei der Landtagswahl im Plattenbauviertel Grünau antrat. Er verlor jedoch gegen den CDU-Kandidaten, noch hinter der Anwärterin der AfD.

Sehr skeptisch ist Martin Neuhof. Der 34 Jahre alte Fotograf hat einst den Nolegida-Widerstand gegen den rassistischen Pegida-Ableger mitorganisiert. Zwei Jahre marschierten die Rechtsextremen durch Leipzig, immer begleitet von massiven Protesten. Inzwischen stellt Neuhof mit seinem Projekt "Herzkampf" Menschen vor, die sich für Toleranz einsetzen. "Leipzig wird immer so als die große linke Burg gesehen, was aber gar nicht stimmt. Wir sind keine Insel der Glückseligen", sagt er mit Blick auf die auch in der Messestadt zweistelligen AfD-Ergebnisse. Und dann formuliert er drastisch: "Es ist nur ein bisschen weniger beschissen als im Rest von Sachsen."

Mit seinem Fotoprojekt Herzkampf setzt sich Fotograf Martin Neuhof gegen Rassismus und Homophobie ein. 
Mit seinem Fotoprojekt Herzkampf setzt sich Fotograf Martin Neuhof gegen Rassismus und Homophobie ein.  © Hendrik Schmidt/dpa

Gefeit vor einem Rechtsruck ist auch Leipzig nicht. Die AfD spekuliert bei der nächsten Wahl auf ein Direktmandat. Dafür wolle die Partei auf kommunaler Ebene stärker als "gestaltende Kraft" in Erscheinung treten, sagt Siegbert Droese, Chef des AfD-Kreisverbandes und Bundestagsabgeordneter. Trotz der sozialdemokratischen Tradition Leipzigs hofft er mit einer verjüngten Partei auf Erfolge. Und sogar auf Stimmen aus dem studentischen Milieu.

Leipzigs SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung sieht die Entwicklung mit Sorge. "Das gibt einem zu denken, dieses Ergebnis", sagt er zum Wahlausgang. "Mein erster Gedanke war: Was für ein Rutsch nach rechts; aber es ist auch ein deutliches Zeichen der Unterschiede zwischen Stadt und Land." Da gehe ein "Riesenriss" durch die Gesellschaft.

Auch wenn Leipzig einen andersfarbigen Punkt auf der Sachsenkarte darstelle - er habe sich über das Ergebnis nicht freuen können, sagt Jung. "Ich kann mich nicht freuen über so viele Menschen, die sich offensichtlich in diesem Staat nicht wohlfühlen. Ich kann mich nicht darüber freuen, dass auch in einer pulsierenden großartigen Stadt wie Leipzig - fast wie eine Ansteckung - die AfD zunimmt. Ich kann mich nicht darüber freuen, dass meine eigene Partei so darnieder liegt." Immerhin gilt Leipzig als eine Wiege der Sozialdemokratie. Landesweit bekam die SPD den historischen Tiefstwert von 7,7 Prozent der Zweitstimmen.

Die Messe half beim Abbau von Vorurteilen

Dass die Leipziger offenbar etwas anders gestimmt sind als die Menschen im übrigen Freistaat, führt Soziologe Holger Lengfeld auf das Selbstbild der Stadt als weltoffen zurück. Dieses Image sei historisch gewachsen. Während der Messe kamen auch in der DDR Fremde bei Privatpersonen unter, es fand ein Austausch statt - ganz ohne Konkurrenzdenken. "Dadurch wurden Vorurteile abgebaut", vermutet der Wissenschaftler von der Universität Leipzig. Denn durch das gegenseitige Kennenlernen würde Fremdes weniger als Bedrohung angesehen, so Lengfeld.

Das tolerante Image ziehe wiederum Menschen an. Lengfeld vermutet, dass darum auch mehr linke Studenten und Migranten in der Messestadt leben als etwa in Chemnitz oder Dresden. Und während das Umland viele Jahre nur geschrumpft ist, wächst die Stadt: Binnen 15 Jahren kamen rund 100.000 Einwohner dazu. 2018 zählte das Statistische Landesamt knapp 587.900 Einwohner.

Für den Fotografen Neuhof lautet die Devise für die Zukunft in Sachsen: "Weiter wehrhaft bleiben". Vor allem auf dem Land müssten Strukturen gestärkt werden. Es gebe auch dort engagierte Leute, aber die seien oft am Ende ihrer Kraft angelangt.

Auch der Leipziger Oberbürgermeister nimmt den ländlichen Raum in den Blick. "Ich glaube, dass wir sehr wohl zur Kenntnis nehmen müssen, dass es eine starke konservative, rechtsnationale bis hin zur rassistischen Kraft in unserem Land gibt, allerdings unterschiedlich ausdifferenziert im Ländlichen und Städtischen. Und es gibt ein urbanes Milieu, was sich sehr unterscheidet von vielen ländlichen. Die Antwort der Politik muss sein, einen Ausgleich zu befördern", so Jung. "Dieser Ausgleich muss geschafft werden, sonst fliegt uns irgendwann der demokratische Zusammenhalt um die Ohren." (dpa)