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Güterwagen stürzten von der Brücke

Vor 40 Jahren in Löbau: Ein Achsschenkelbruch eines Waggons löste eine folgenreiche Bahnhavarie aus.

© SZ/Archiv

Von Bernd Dressler

Es ist eine ganz normale Bahnbrücke, die die B 6 in Löbau unweit des katholischen Friedhofes bzw. Werners Gartenbahn überquert. Vor 40 Jahren war an dieser Brücke jedoch nichts, überhaupt nichts normal. Sie wurde Schauplatz eines Eisenbahnunglückes, das spektakulärer kaum sein konnte.

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Die Nachrichtenagentur ADN veröffentlichte nur diese Information über das Unglück. Dabei blieb es.
Die Nachrichtenagentur ADN veröffentlichte nur diese Information über das Unglück. Dabei blieb es. © SZ/Archiv

Freitag, 2. Juni 1978. Der „Tag des Eisenbahners“ steht bevor. Bei einigen Löbauer Bahnmitarbeitern klingt die Woche mit Dienstunterricht aus. Es geht um Arbeits- und Brandschutz. Dann wird in der HO-Gaststätte Altlöbau gefeiert. Etliche Kollegen sind bereits auf dem Heimweg, als es gegen 19 Uhr passiert. Auf der Bahnbrücke an der Malzfabrik entgleist plötzlich ein Güterzug, Wagen stürzen mit ohrenbetäubendem Lärm in die Tiefe. Sollte etwa die Brücke Ursache des Unglücks sein, fragen sich sofort Insider, als sie davon erfahren.

Diese Brücke ist ein Behelf. Hier an der Fichtestraße soll Löbaus Umgehungsstraße, die gerade gebaut wird, die Eisenbahntrasse Dresden–Görlitz unterqueren. Die vorhandene schmale Bogenbrücke muss deshalb durch eine 15 Meter lange und acht Meter breite Eisenbahnüberquerung ersetzt werden, um die neue Straße zu überspannen. Sogenannte Einschubbrücken sichern während der Bauzeit, dass der Zugverkehr weiterrollen kann.

Aber das Brückenprovisorium hat den Zug, der vom Güterbahnhof Dresden-Friedrichstadt nach Görlitz-Schlauroth unterwegs ist, nicht aus den Schienen springen lassen, wie Sachverständige bald herausfinden. Vielmehr ist ein Achsschenkelbruch an einem Wagen die Unglücksursache. Wäre auf der Baustelle gearbeitet worden, hätte das verheerende Folgen gehabt, sind sich gestandene Eisenbahner wie Christian Lindner von der Reichsbahn-Brückenmeisterei Löbau, sicher. Fünf Waggons aus der Mitte des Zuges entgleisen, drei davon stürzen auf die Straßenbaustelle in die Tiefe, darunter ein mit Zement beladener Kesselwagen. Wie durch ein Wunder gibt es keinen Personenschaden.

Die Bahntrasse muss sofort gesperrt werden. Zur Beräumung der Unfallstelle wird der Zug auseinandergezogen, die Lok und ein Wagen des vorderen Zugteils Richtung Löbau, der hintere Zugteil Richtung Breitendorf. Dazu werden von der nahen NVA-Offiziershochschule der Landstreitkräfte Bergepanzer angefordert. Wolfgang Dittrich, vor 40 Jahren seitens der Invest-Bauleitung der Reichsbahndirektion Cottbus für das Brückenprojekt zuständig, erinnerte 2017 gegenüber der SZ an den komplizierten Austausch der beschädigten Behelfsbrücke. Das war nur mit zwei schweren Spezialkränen vom Typ EDK 1 000 möglich. Der eine kam von der Reichsbahn-Brückenmeisterei Halle, der andere war noch schwieriger zu beschaffen. Er befand sich gerade in Tempelhof, also in Westberlin. Das gehörte zu DDR-Zeiten mit zum Reichsbahn-Gebiet.

Insgesamt ist die Bahnstrecke wegen dieses Unglücks von Freitagabend bis Montagabend nicht befahrbar. Züge werden umgeleitet, es gibt Schienenersatzverkehr. Hinzu kommt die Entwirrung des Trümmerknäuels der abgestürzten Wagen im aufgewühlten Erdreich unter der Brücke. In den Medien spielt der Löbauer Brückenabsturz des Güterzuges allerdings so gut wie keine Rolle. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN gibt am 5. Juni eine kurze Meldung heraus, die am Tag darauf auf Seite 2 der SZ erscheint (siehe Ausriss). Weitere Veröffentlichungen bleiben aus.

Der Neubau des Brückenprojektes über die künftige Umgehungsstraße geht indes ohne große Verzögerungen weiter. Arbeiter vom Verkehrs- und Tiefbaukombinat Dresden, Betrieb Neustadt, montieren die vorgefertigten Bauteile. Am 13. Oktober 1978 rollt der erste Zug darüber. Die Umgehungsstraße dagegen wird mit erheblichen Verzögerungen erst zu Beginn der 1980er Jahre dem Verkehr übergeben. Seitdem müssen Motorisierte im Zuge der Bundesstraße 6 von der Görlitzer Straße bis zur Äußeren Bautzener Straße nicht mehr durch Löbaus Innenstadt. Das Brückenunglück vor 40 Jahren ist inzwischen in Vergessenheit geraten. Viele dürften noch nie etwas davon gehört haben.