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Gutachten zum Baupfusch am Bad

16 Jahre hat es gedauert, bis die Gutachter soweit waren. Die Stadt sucht jetzt aber nach einer einvernehmlichen Lösung.

© Klaus-Dieter Brühl

Von Birgit Ulbricht

Großenhain. Das Beweissicherungs-Verfahren zum Baupfusch im Großenhainer Naturbad ist abgeschlossen – das Gutachten liegt vor. Das klingt banal, hat aber 16 Jahre gedauert. Stadtbaudirektor Tilo Hönicke war sich zuletzt nicht einmal mehr sicher, ob er diese Nachricht noch in seiner Amtszeit verkünden kann. Nun ist er wie alle anderen auch gespannt, was in dem Gutachten steht. Bislang liegt es lediglich bei Gericht. Es gibt weder einen Termin, noch konnten sich Vertreter der Stadt bislang in die Dokumente einlesen. „Wenn das Gutachten freigegeben ist, werden wir uns mit der Gegenseite an einen Tisch setzen und schauen, ob wir eine einvernehmliche Lösung finden“, kündigte Hönicke aber schon den Großenhainer Stadträten an. Denn eines ist allen Beteiligten klar: Wer jetzt vor Gericht den Klageweg einschlägt, braucht wieder Jahre Geduld und muss dazu ordentlich in Vorkasse gehen. Auf beides haben die Stadtväter eigentlich keine Lust, falls es einen akzeptablen Weg aus der verfahrenen Situation gibt.

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Die Gutachter haben die Stadt Großenhain bereits 200 000 Euro gekostet. Eingefordert hat sie zudem 1,8 Millionen Euro als Schadensersatz. Denn die Stadt wirft Planer Rainer Grafinger unter anderem vor, die technischen Anlagen nicht richtig dimensioniert zu haben. Doch das zu beweisen ist juristisch eine vertrackte Geschichte. Daher ist der Ausgang eines Gerichtsverfahrens alles andere als sicher.

Klage wäre unsichere Sache

Denn alles war damals kurz vor der dritten sächsischen Landesgartenschau 2002 neuartig und großartig an diesem Großenhainer Bau. Noch nie war im Osten der Republik ein kommunales Naturbad mit einer so großen Wasserfläche gebaut worden. Ja, es gab zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein bürokratisches Regelwerk für Naturbäder dieser Art und Größe. Schon das lässt erahnen, wie weit man seiner Zeit voraus war – und vor Gericht im Niemandsland. Nicht vor dieser Landesgartenschau 2002 und nie danach hat es je wieder ein solches Vorzeigeprojekt gegeben. Selbst die Künstlerin zur Eröffnung engagierte man jenseits des großen Teiches: Die Amerikanerin Jackie Brookner präsentierte da im Regenerationsteich mit offenen Händen aus Gewebebeton die „Gabe des Wassers“ – eine Skulptur, die sie eigens für Großenhain entworfen und angefertigt hat. Der Gewebebeton war natürlich nicht irgendein herkömmlicher, denn in dieser Größe und Körperlichkeit hatte zuvor kein Künstler solches Material verarbeitet. Es wurde daher eigens zu diesem Anlass in der TU Dresden entwickelt.

2003 schließlich zeichnete sogar Sachsens damaliger Ministerpräsident Georg Milbradt das Naturerlebnisbad mit dem 1. sächsischen Staatspreis für Baukultur aus. Damit setzte sich das Großenhainer Bad gegen Konkurrenten, wie die drei Dresdner Neubauten Landesbibliothek, Universitätsklinikum und Justizvollzugsanstalt durch. Selbst die umgestaltete Innenstadt Frankenbergs, das neu gebaute Staatsfilialarchiv Bautzen und der neu gestaltete Leipziger Simsonplatz vor dem Bundesverwaltungsgericht konnte – so die Jury damals – architektonisch nicht mit dem Großenhainer Beitrag mithalten. Selten wurde um ein Projekt so viel Tamtam gemacht. Zu Recht. Denn der Traum gesunden, naturnahen Badens hat den Großenhainern von Anfang an gefallen und blieb selbst dann noch in der Stadt verwurzelt, als das Vorzeigeprojekt ein Fall für den Abriss zu werden begann und die Stadt schon den Rückbau zum Chlorbad favorisierte. Auch der jetzt begonnene Umbau zu einem neuen Naturbad gleicht einem Abriss des Vorzeigeprojektes. Denn nichts anderes ist es, wenn der Regenerationsteich komplett verfüllt und zur Liegewiese wird und ein Reinigungsbecken zwischen den drei neu angelegten 50-Meter-Bahnen und einer 25-Meter-Bahn entsteht. Der Nichtschwimmerbereich bleibt noch weitgehend erhalten, der Sprungfelsen stehen. Über die Kinderrutsche werden sich viele freuen und die großzügige Liegewiese mit Spielfläche. Die Wasserfläche reduziert sich dagegen nochmals – nun auf 1 800 Quadratmeter. Von einst 10 000 Quadratmetern kurz nach der Wende und 3000 Quadratmeter zur Landesgartenschau 2002. Die „Gabe des Wassers“ natürlich am Laufen zu halten, soll dann endlich gelingen. 2,5 Millionen kostet der Umbau. Das wäre eine Million weniger, als das jetzige Naturbad einmal gekostet hat. Die Stadt will nur noch kostengünstig aus dem Schlamassel herauskommen.