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„Gute Angebote sind wichtiger als der Fahrpreis“

Kostenlose Busse und Bahnen sieht Landrat Michael Harig skeptisch, seine Vision geht in eine andere Richtung.

© Uwe Schulz

Herr Harig, weniger Luftverschmutzung durch kostenlosen Nahverkehr. Diese Idee hat die künftige Bundesregierung ins Gespräch gebracht. Was halten Sie als Chef der großen Verkehrsverbünde in Ostsachsen von der Idee?

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Bautzens Landrat Micheal Harig (CDU) © Uwe Soeder

Ich will ein Sprichwort vorneweg schicken: „Wer was will, findet Wege. Wer nichts will, findet Gründe“. Gegenwärtig sind viele unterwegs, die Wege suchen, und gleichzeitig sind genauso viele unterwegs, die Gründe formulieren, warum es nicht geht. Der Gedanke ist gut, aber wenn man es sich durchdenkt, gibt es eine Reihe von Argumenten, die dagegensprechen. Ich sehe kostenlosen ÖPNV skeptisch und würde lieber mehr Geld für eine Angebotsverbesserung einsetzen.

Wie tief müsste denn der Bund in die Tasche greifen, um kostenlosen Nahverkehr hier in der Region zu finanzieren?

Die beiden Verkehrsverbünde Zvon und VVO erhalten zusammen 170 Millionen Euro Regionalisierungsmittel, um den Schienennahverkehr zu bestellen. Alle sächsischen Landkreise bekommen zusammen Förderungen von rund 60 Millionen für den Ausbildungsverkehr. Die Fahrgeldeinnahmen von VVO und Zvon betragen rund 235 Millionen Euro, sodass man mit den Eigenanteilen der Landkreise knapp 400 Millionen Euro bräuchte, um das Verkehrssystem auf Grundlage der gegenwärtigen Angebotsstruktur kostenfrei anzubieten. In dieser Rechnung fehlen aber noch die Eigenanteile der Landkreise Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und der Stadt Dresden.

Also geht die Rechnung nicht auf?

Wenn man den kritischen Stimmen folgt, wird darauf hingewiesen, dass wir zwei Welten haben. Wir haben die Ballungsgebiete mit Straßenbahnen, mit dicht getakteten Verkehrsangeboten und wir haben die ländlichen Räume. Wenn wir heute in Dresden zum Beispiel kostenlosen ÖPNV einführen würden, müssten wir Ordner an die Haltestellen stellen, um das Gedränge zu sortieren. Dazu bräuchte es mehr Fahrer und Bahnen.

Solcher Andrang ist auf den Dörfern wohl nicht zu befürchten?

Genau. Selbst wenn wir im ländlichen Raum die Buslinien verstärken, würden wir nie die Qualität und Dichte hinbekommen wie in Städten. Stadt und Land würden weiter auseinanderdriften, weil der ländliche Steuerzahler mit seinen Steuergroschen die Verkehre in der Stadt mitfinanzieren müsste. Kostenloser ÖPNV ist ein Thema der Ballungsgebiete.

Welche Gefahren sehen Sie noch?

Ich sehe eine Gefahr, dass das Angebot sowie die Qualität des ÖPNV von der Kassenlage abhängig werden. Wenn also kein Geld da ist, weil zum Beispiel andere Investitionen notwendig sind, muss ein Bus mit 12 oder 15 Jahren weiterfahren. Ich kann mir bei einem 100 Prozent subventioniertem System nicht vorstellen, dass sich Qualitätsstandards, auf die wir heute bei den Ausschreibungen achten, halten lassen.

Was präferieren Sie stattdessen?

Ich bin überzeugt, dass nicht Kosten pro Fahrt, sondern das Angebot ausschlagend ist. Wir würden es begrüßen, wenn Bund und Länder den Verbünden und Landkreisen mehr Geld geben würden, um mehr Linien, auch an den Tagesrand- und Nachtzeiten, zu einem vernünftigen Preis fahren zu lassen. Ich glaube auch, dass die Menschen bereit sind, ein Entgelt zu bezahlen.

Wie muss Ihrer Meinung nach der ÖPNV in einem Landkreis wie Bautzen organisiert werden?

Wir brauchen eine vernünftige Alternative zum Individualverkehr, gut getaktete Bus- und Zugverkehre, damit das Arbeiten in der Stadt und das Wohnen auf dem Land zueinanderpassen. Um mehr Menschen in Bus und Bahn zu bringen, brauchen wir ein besseres Angebot.

Das heißt, aus Ihrer Sicht sind Bund und Länder in der Pflicht – vollkommen unabhängig von der Frage des kostenlosen Nahverkehrs?

Es braucht eine politische Entscheidung, wie wir ländliche Räume erreichen wollen. In einem Flächenland wie Sachsen müssen wir aufhören, Strecken nur zu berechnen. Es braucht Vertrauen darauf, dass sich mit einem guten Angebot die Nachfrage einstellt. Wir müssen auch mehr Marketing machen, um die Menschen darauf hinzuweisen, was mit Bus und Bahn möglich ist.

Sie sprechen von einem „guten Angebot“. Was heißt das konkret?

Im ländlichen Raum gibt es Zentren. Bei uns zum Beispiel Bautzen, Hoyerswerda, Kamenz, Radeberg und Bischofswerda. Dort sind die Schulen, der Handel, die Verwaltungen konzentriert und viele Menschen gehen dort arbeiten. Diese Städte sind alle mit leistungsfähigen Straßen erschlossen. Ich stelle mir auf diesen Busse im 20- oder 30-Minuten-Takt in beide Richtungen vor. Wir müssen uns also Gedanken machen, wie wir die Menschen von der Haustür zur nächstgelegenen Bushaltestelle an diesen „Kuchenstücken“ bekommen.

Wie könnte das gehen?

Ein Vorbild sind für mich die Mitfahrzentralen. Sie erfassen: wer fährt wann von A nach B? Sie bringen dann Autofahrer und Mitfahrer zusammen. Diese Denke brauchen wir auch. Jetzt fahren unsere Busse noch über alle Dörfer.

Und das wäre in Zukunft anders?

Ja, jeder hat inzwischen ein Smartphone. Über den gewöhnlichen Linienverkehr kann sich jeder direkt informieren. Wir müssen nun dafür sorgen, dass Fahrgäste per Anruf oder App vor ihrer Haustür abgeholt und zur nächstgelegenen Haltestelle gebracht werden. Hier können die örtlichen Taxiunternehmen oder Bürgerbusse mit einbezogen werden. Das stelle ich mir als Vision vor. Deshalb beteiligen wir uns gemeinsam mit dem Landkreis Görlitz am Pilotprojekt „Mobilität im ländlichen Raum“, wo solche Alternativen gedacht, simuliert und auf ihre Praxistauglichkeit überprüft werden sollen.

Und wie lange dauert es, bis aus der Vision Wirklichkeit wird?

Ich glaube, so lange gar nicht mehr, wenn auch schrittweise vorgegangen werden muss. Unsere Ausschreibung für die Busverkehre haben wir zum Beispiel drei Jahre geschoben, um solche Modelle zu denken. Auch wenn ich vom kostenlosen Verkehr nicht viel halte, so geht der Gedanke doch in die richtige Richtung: Wir müssen Emission reduzieren, gegen verstopfte Innenstädte mit intelligenten Systemen vorgehen und den Menschen zeigen, dass es vernünftige Alternativen zum Individualverkehr gibt. Und dieser Anspruch richtet sich nicht nur an die Unternehmen oder an den Staat, Land oder Kreis. Auch der Nutzer muss sein Verhalten ändern.

Gespräch: Miriam Schönbach