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Guter Zug, schlechter Zug

Von Pirna aus fahren jetzt mehr S-Bahnen nach Dresden. Doch in Richtung Bad Schandau klemmt es derzeit im Nahverkehr.

© Norbert Millauer

Von Thomas Möckel

Pirna. Der Wind treibt am Dienstagmorgen Nieselregen über die Bahnsteige des Pirnaer Bahnhofes. Eigentlich war besseres Wetter vorhergesagt worden, vor allem wärmer. Christian Schlemper, Sprecher des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO) fröstelt in seiner dünnen Jacke etwas auf der zugigen Plattform, ist aber ansonsten gut drauf. Auch Mobilius, das VVO-Maskottchen, springt und hüpft über den Bahnsteig, es winkt und begrüßt die Fahrgäste. Seit halb sechs am Morgen sind Schlemper und seine Mitstreiter entlang der Bahnstrecke von Pirna nach Dresden-Neustadt im Einsatz. Sie haben eine besondere Mission.

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Zum Start eines neues Angebotes verteilen sie kleine Beutel an die Bahnfahrer, 1 400 Stück werden es am Ende sein, drinnen ruht ein kleines Frühstück für die Fahrt: ein belegtes Brötchen, eine Süßigkeit, Orangensaft und ein Apfel. Die Reisenden greifen dankbar zu, winken zurück und verschwinden eilig in den S-Bahnen, von denen zeitweise vier Stück gleichzeitig im Bahnhof stehen. Man habe, sagt Schlemper, wegen der Ferien gar nicht mit so vielen Fahrgästen gerechnet, doch sie kommen reichlich, in Heidenau sind die Verpflegungsbeutel zuerst alle. In Pirna haben die Helfer extra welche aufgehoben, weil Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke später am Morgen mitverteilen will. Auch er freut sich über das neuerdings geballte S-Bahn-Aufkommen, weil es seiner Ansicht nach den Nahverkehr für die Pirnaer noch attraktiver macht.

13 Zugpaare lässt der VVO seit Dienstag täglich montags bis freitags zusätzlich zwischen Pirna und Dresden-Neustadt pendeln, von Pirna aus sechs am Morgen zwischen 5.30 und 8.30 Uhr und sieben zusätzliche Paare zwischen 14.30 und 18 Uhr, die Züge fahren nun quasi aller zehn Minuten. Das erweiterte Angebot kostet den VVO rund 1,5 Millionen Euro zusätzlich im Jahr, doch er will damit auch Einnahmen generieren. Eine aktuelle Fahrgastprognose geht davon aus, dass mindestens 5 400 Reisende zusätzlich pro Tag die aufgestockte Zug-Offerte nutzen werden. Und der S-Bahn-Zuwachs hat noch einen anderen Grund.

Das Problem bislang sei vor allem gewesen, sagt Schlemper, dass hauptsächlich Züge der Linie S2 (Pirna – Flughafen Dresden) am Morgen derart ausgelastet waren, dass nicht jeder Mitfahrer einen Sitzplatz bekam. Der nun vor allem auf der Linie S1 (Schöna – Meißen-Triebischtal) verdichtete Takt soll den allzu starken Zustrom von Fahrgästen auf die Züge etwas abfedern. Das kommt bei den meisten gut an.

Viele Fahrgäste loben die zusätzlichen S-Bahnen als einen guten Zug des VVO. „Ich finde das Angebot total klasse. Vor allem ist es tröstlich, dass schnell der nächste Zug kommt, wenn man mal einen verpasst“, sagt Thomas Pilz, der mit der Bahn zwischen Wohnort Pirna und Arbeitsort Dresden pendelt. Auch ein junger Mann aus Struppen freut sich über die zusätzlichen Züge. Er fährt häufig per Bus nach Pirna, hat aber schon oft den Anschlusszug verpasst, weil sich der Bus auf seiner Tour verspätete. „Nun muss ich zum Glück nicht mehr so lange warten, ehe der nächste Zug kommt“, sagt er. Doch was des einen Freud, ist des anderen Leid.

Der Bahnverkehr in die andere Richtung erweist sich derzeit eher als schlechter Zug, ist aber notgedrungen: Von Pirna nach Bad Schandau und umgekehrt fahren die Züge momentan nur im Stundentakt.

Weil die Bahn an mehreren Stellen die Gleise erneuern lässt, die Strecke ist teilweise nur eingleisig. Um den Ausfall abzufedern, fahren vom Busbahnhof Pirna Ersatzbusse, die aber überwiegend nur in Königstein und Bad Schandau halten, sie brauchen bis Schandau etwa eine Viertelstunde länger als der Zug. Bei Ausflüglern kommt das nicht gut an. „Mit dem Bus kommt man gar nicht nach Wehlen und Rathen, und beim Zug muss man jetzt so lange warten“, sagt Iris Werner aus Dresden, die zum Wanderausflug ins Elbsandsteingebirge unterwegs ist. Kleiner Trost: Ein Zugbegleiter pendelt ständig hin und her und führt die Leute vom Ersatzverkehr zum Zug. Laut VVO gilt der ausgedünnte Zug-Takt zunächst bis Himmelfahrt, an dem Feiertag sowie zu Pfingsten sollen die Bahnen auf alle Fälle im Halbstunden-Takt von Pirna nach Schandau fahren.

Die meisten Pendler aus der Sächsischen Schweiz empfanden die Frühstückspakete des VVO am Dienstag zumindest als Trost dafür, dass sie vorübergehend mühseliger und aufwendiger nach Pirna gelangen. Überdies schienen sich viele Fahrgäste rasch mit der Überraschung zu arrangieren. Die Frage, die Schlemper und seine Mitstreiter beim Tütenverteilen am meisten hörte, war: „Kommen Sie jetzt täglich?“