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Haben Sie nur ein Thema, Herr Hilse?

© Gernot Menzel

Wenn sich der AfD-Abgeordnete des Landkreises Bautzen öffentlich äußert, geht es fast immer um kriminelle Ausländer. Die SZ fragte nach.

Bautzen / Hoyerswerda. Aus dem Streifenwagen in den Bundestag: Im September hatte der 53-jährige Polizist Karsten Hilse von der AfD das Direktmandat im Landkreis Bautzen gewonnen, den favorisierten Bewerber der CDU knapp hinter sich gelassen. Seit nunmehr fast drei Monaten sitzt der Hoyerswerdaer im Parlament, vertritt die Region in Berlin. Im Interview mit der SZ zieht er jetzt eine erste Bilanz – und äußert sich auch zu den Rassismusvorwürfen, die gegen seinen Parteikollegen Jens Maier erhoben werden.

Im Wahlkampf waren sie omnipräsent, überall im Landkreis unterwegs. Jetzt hört man wenig von Ihnen. Herr Hilse, ist Ihnen schon die Luft ausgegangen?

Nein, die Luft ist nicht raus. Es sind einfach ein paar andere Aufgaben dazugekommen. Wir bauen in Berlin gerade unsere Fraktion auf, das kostet viel Zeit. In der Zwischenzeit habe ich aber auch schon wieder sechs Veranstaltungen in der Region gemacht, das Interesse war stets sehr groß. Ich bekomme viele E-Mails und Briefe mit Anfragen und Anliegen. Wenn alles eingespielt ist, werden wir auch wieder regelmäßig Veranstaltungen machen. Sobald es warm wird, stehen wir wieder mit den Ständen draußen.

Zur Person

Geboren wurde Karsten Hilse 1964 in Hoyerswerda. Er wuchs in der Stadt auf und lebt heute in Lohsa.

Gelernt hat er zunächst Elektromonteur, seit 1986 ist er Polizist. Bis zur Wahl war er als Streifenpolizist tätig.

Bei der Bundestagswahl hat Karsten Hilse 33,2 Prozent der Erststimmen und damit das Direktmandat vor dem CDU-Bewerber Roland Ermer geholt.

Im Bundestag beschäftigt er sich mit Umwelt- und Klimapolitik und strebt einen Sitz im Umweltausschuss an.

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Vor der Wahl hatten Sie gesagt, Sie seien Patriot, kein Nationalist. Aus Ihrer Fraktion hört sich das zuweilen anders an. Da wird in einem Tweet Ihres Fraktionskollegen Jens Maier aus Dresden ein Mensch als „Halbneger“ beschimpft ...

Ich habe mich mit ihm unterhalten und er hat mir versichert, dass er den Tweet nicht selber geschrieben hat. Es ist auch richtig, dass es deshalb jetzt gegen den Mitarbeiter von Jens Maier Konsequenzen gegeben hat. Das ist nicht die AfD. Gelegentlich ist es leider so, dass sich Mitarbeiter bewerben, die ein falsches Bild von uns haben und denken, wir sind Nationalisten. Da passiert es eben, dass Leute, die ihre nationalistische Haltung nicht sofort und unmittelbar zeigen, eingestellt werden. Die sind inzwischen allerdings auch wieder gegangen.

Wenn die AfD solche Leute anlockt, müssen Sie sich doch aber auch mal die Fragen stellen, ob Ihre Partei nicht doch bei der Abgrenzung ein Problem hat ...

Ich habe damit kein Problem ...

Andere offenbar schon. Herr Maier fällt nicht das erste Mal auf ...

Natürlich ist es ärgerlich, wenn so ein Tweet kommt. Aber ich bin überzeugt, dass Herr Maier den nicht geschrieben hat. Es gibt Leute, die denken, dass er so ist. Er ist aber nicht so. Da stürzen sich die Medien drauf. Dabei machen wir als AfD im Parlament eine sehr sachliche Politik. Ich glaube, die anderen Abgeordneten waren auch erstaunt, dass da jetzt keine Hooligans einmarschieren, sondern Leute, die Sachwissen haben und fachlich argumentieren.

Auf Ihrer Facebookseite arbeiten Sie sich vor allem an kriminellen Ausländern und offenen Grenzen ab. Haben Sie kein anderes Thema?

Das ist nicht mein einziges Thema. Bei meiner ersten Rede im Bundestag habe ich die Klimapolitik kritisiert ...

Von der Klimapolitik ist nach außen hin von Ihnen aber wenig zu hören ...

Ich sage ja nicht, dass es nur kriminelle Ausländer gibt. Ich sage nur, dass sich aufgrund der Migration unsere Gesellschaft verändert hat.

Die Frage war, warum die Klimapolitik nicht so präsent ist ...

Darüber informiere ich regelmäßig. Aber letztlich ist es so, dass die täglichen Meldungen auch nicht immer vom Klima handeln. Da lesen Sie von Mord und Vergewaltigung. Das muss man thematisieren, weil es die Leitmedien unterlassen.

Im Bautzener Theater feierte am 3. Oktober das „Museum der Deutschen“ Premiere. Sie haben das Stück kritisiert – obwohl Sie es nicht gesehen hatten ...

Ich habe das Stück besucht, später.

Ja, später. Das ist doch so nicht seriös ...

Ich habe nicht das Stück kritisiert. Ich habe kritisiert, dass die Premiere eines Stücks, in dem es laut Beschreibung darum geht, dass die Deutschen verschwinden, auf den Tag der Deutschen Einheit gelegt wird. Ich habe das Stück später gesehen und mein Eindruck, der sich mir aufdrängte, als ich gelesen habe, um was es in dem Stück geht, hat sich bestätigt. Ich fand das unpassend.

Sie hatten eine Lösung angekündigt, um die Schließung der Geburtenstation in Bischofswerda zu vermeiden. Es kam bekanntlich anders. War das nur eine propagandistische Luftnummer?

Nein. Wir hatten uns da wirklich um eine Lösung bemüht. Die Klinikleitung hat öffentlich, aber auch mir im direkten Gespräch erklärt, da fehlt ein Arzt. Ich habe einen Bekannten gefunden, der sich bereiterklärt hätte, für ein Jahr in der Klinik zu arbeiten. Zudem hatte ich Personalagenturen angefragt, die gesagt haben, dass sie innerhalb des Jahres neue Ärzte finden.

Es ging aber nicht nur um einen Arzt. Klinikchef Reiner Rogowski hatte nach Ihrem Vorschlag auf generelle Personalprobleme verwiesen, bei den Ärzten und Hebammen ...

Herr Rogowski hatte es zuvor aber nicht so ausgedrückt. Ich selbst hatte ihm meinen Vorschlag erklärt. Ich habe zu ihm gesagt, dass ich gern die Zusage hätte, wenn das mit dem Arzt und der Agentur klappt, dass die Station dann nicht geschlossen wird. Er hat mir gesagt, in diesem Fall schließen wir die Station nicht. Und erst mit diesem Wissen habe ich dann zu einer Pressekonferenz eingeladen und die Idee verkündet. Inzwischen bin ich überzeugt, dass hinter der Schließung ein politischer Wille steckte. Das ist die Politik der letzten Jahre. Alles wird zentralisiert, von den Dörfern in die Städte geholt. Das ist nicht gesund.

Ein Thema, das im Landkreis derzeit die Gemüter erregt, ist der Wolf. Dessen Gegner fordern jetzt sogar eine Obergrenze. Ist das übertrieben?

Nein, das finde ich nicht. Ich habe mich mit Fachleuten unterhalten. Wir haben da verschiedene Probleme. Einerseits sind das keine richtigen Wölfe, sondern Hybriden ...

Experten halten das für eine völlig unsinnige These ...

Klar ist das strittig. Diejenigen, die den Wolf ungeregelt ansiedeln wollen, die werden das natürlich abstreiten. Aber Wölfe haben Verhaltensmuster. Dazu gehört, dass Wölfe eine bestimmte Fläche zum Leben brauchen. Steht die nicht zur Verfügung, dann werden weniger Wölfe geboren. Das passiert hier nicht. Und Wölfe meiden eigentlich den Menschen ...

Bislang ist noch kein Mensch angegriffen worden ...

Die Wölfe laufen aber durch Dörfer, kommen bis auf fünf, sechs Meter ran. Da ist doch klar, dass die Leute Angst haben. Ein paar Wölfe sind in Ordnung. Aber das Problem ist, dass die gar keinen Feind haben. Da wird die Population immer größer und die Tiere verlieren ihre Scheu. Kleine Kinder könnte er für Beute halten. Mit diesem Risiko zu spielen finde ich sträflich.

Gespräch: Sebastian Kositz