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„Hände weg von unserer Rente“

Trillerpfeifen, Rasseln, Klappern – Zehntausende Lehrer und andere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes demonstrieren in Leipzig.

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© dpa

Von Birgit Zimmermann

Leipzig. Martina Schröter steht mit zwei Kolleginnen in neongelben Westen des Sächsischen Lehrerverbandes auf dem Augustusplatz in Leipzig. „Wir sind mit Leib und Seele Lehrerinnen, deshalb gehen wir ja auf die Straße“, sagt die 55 Jahre alte Grundschullehrerin aus Zittau. Viel zu viel laufe schief im Bildungssystem, und zwar schon seit Jahren. Schröter ist eine von 27 000 Lehrerinnen und anderen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die sich gestern zu der Protestkundgebung versammelt haben.

Die Gewerkschaften GEW, Verdi und dbb haben ihre Mitglieder zu einem ganztägigen Warnstreik und zur Demonstration in Leipzig aufgerufen. Vielerorts gab es deswegen Unterrichtsausfall an den Schulen. Die Gewerkschaften wollen Druck machen auf die Tarifverhandlungen des öffentlichen Dienstes. Die sind bislang in drei Verhandlungsrunden ohne Ergebnis geblieben. Die Warnstreiks in den Südost-Ländern bilden den Auftakt zu einer bundesweiten Welle von Arbeitsniederlegungen in dieser Woche.

Ein Großteil der Demonstranten in Leipzig sind Lehrer. Sie stört vor allem, dass ihre betriebliche Altersvorsorge angetastet werden soll. „Das ist eine Sauerei“, schimpft Uli Riecker (51), Gymnasiallehrer aus Magdeburg für Sport und Geschichte. Viele Kundgebungsteilnehmer auf dem Augustusplatz recken Stopp-Schilder in die Höhe. „Hände weg von unserer Rente“, ist darauf zu lesen.

Laut GEW haben die Arbeitgeber erklärt, dass sie erst dann ein Lohnangebot vorlegen wollen, wenn die Gewerkschaften bei der betrieblichen Altersvorsorge Entgegenkommen signalisieren. Für Manuela Jäger, Gymnasiallehrerin aus Zeitz in Sachsen-Anhalt, ein Unding. Dass ein Lohnangebot in Zusammenhang mit der Betriebsrente gestellt werde, sei Erpressung.

Dagegen hatte der Vorsitzende der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD), nach der vergangenen Verhandlungsrunde erklärt: „Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Gewerkschaften die Betriebsrenten des öffentlichen Dienstes dazu benutzen, die Leute auf die Straße zu bringen.“ Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter seien sich einig gewesen, dass bei den Betriebsrenten etwas getan werden müsse. Die Menschen würden älter, die Zinsen sinken – das treffe die Betriebsrentenkassen.

Die Lehrer auf dem Augustusplatz treiben noch andere Fragen um. „Gerechtigkeit“ ist das Wort, das immer wieder fällt. Es sei ungerecht, dass angestellte Lehrer – von denen es in Ostdeutschland besonders viele gibt – anders bezahlt werden als ihre verbeamteten Kollegen. Martina Schröter aus Zittau macht sich zudem Sorgen um die Zukunft. Es müssten viel mehr junge Lehrer eingestellt werden, sagt sie. Dass Sachsen inzwischen mehr Lehrer ausbilde, sei schön und gut. „Aber die bleiben alle nicht da. In die Provinz will niemand.“

Die Tarifverhandlungen sollen am Sonnabend in Potsdam fortgesetzt werden. Die Gewerkschaften fordern 5,5 Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 175 Euro mehr. Azubis sollen 100 Euro mehr und eine Übernahmegarantie bekommen. Die angestellten Lehrer sollen zudem tariflich eingruppiert werden. Die Gespräche betreffen bundesweit rund 800 000 Angestellte der Länder außer Hessen, das nicht mehr Mitglied der TdL ist. (dpa)