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Härter als im Jugendgefängnis

Im Seehaus in Neukieritzsch werden junge Straftäter auf ein neues Leben vorbereitet. Ein Drittel scheitert an den strengen Regeln.

© Ronald Bonß

Von Karin Schlottmann

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Der Tag beginnt um 5.45 Uhr mit Frühsport. Dann folgen eine kurze Lesestunde, die Zeit der Stille, und das Frühstück mit Familie Steinert und der Wohngemeinschaft. Bis um 22 Uhr das Licht im Seehaus ausgeht, haben die Jugendlichen ein straffes, eng getaktetes Programm hinter sich. Schule, gemeinnützige Arbeit, Hausputz, soziales Training, Tagesauswertung, TV-Nachrichten, drei kurze Raucherpausen. In den ersten drei Wochen im Seehaus ist eine kurze Bibellektüre am frühen Morgen Pflicht.

Dennis (l.) und Mark während des Mittagessens. © Ronald Bonß
Michael Bartsch, einer der beiden Leiter des Seehauses, scherzt mit den Jugendlichen. © Ronald Bonß
Klare Regeln, klare Aufgaben: Marc wischt nach dem Essen den Tisch ab. © Ronald Bonß

Die Jungen, die sich dieser Rosskur unterziehen, sind einerseits freiwillig im Seehaus. Andererseits auch wieder nicht, denn die Alternative zu dem mit Pflichten, Regeln und Kontrollen gespickten Tag ist ein Leben in der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen hinter Mauern und Gittern. Sie sind Straftäter, die von einem Gericht zu einer Jugendstrafe verurteilt worden sind. Seehaus bietet ihnen die Chance, sich abseits von den negativen Einflüssen eines Jugendgefängnisses auf ein neues Leben vorzubereiten.

Sachsen bietet seit 2011 diese sogenannte freie Form des Jugendstrafvollzugs an. Das Justizministerium hat kürzlich eine Zwischenbilanz gezogen, die Minister Sebastian Gemkow (CDU) am Mittwoch in Dresden in der Landtagssitzung präsentiert. Seit Eröffnung des Seehauses haben 32 Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren ihre Jugendstrafe dort verbracht. Aber längst nicht alle haben durchgehalten. Elf von ihnen wurden vor Ende der Haftzeit in die Jugendstrafanstalt zurückverlegt. Sechs haben das Experiment auf eigenen Wunsch abgebrochen, fünf wurden wegen Regelverstößen zurück nach Regis-Breitingen geschickt. Eine lupenreine Erfolgsgeschichte ist das Projekt Seehaus also nicht.

Trotzdem plädiert das Justizministerium für eine Fortsetzung und will das Experiment sogar ausweiten. Um aussagekräftige Schlussfolgerungen zu ziehen, seien die Fallzahlen zu gering. In vier Jahren soll das Seehaus noch einmal überprüft werden. Es gebe keine Pläne, einen anderen Träger zu beauftragen, sagt ein Ministeriumssprecher. Eine Million Euro pro Jahr hat der Landtag bewilligt. 2016 wurden davon 697 000 Euro in Anspruch genommen. Der Verein Seehaus, der zur Diakonie Sachsen gehört, hat – finanziert durch Spenden und auf eigene Kosten – ein neues Haus in Neukieritzsch nahe Leipzig gebaut und wird künftig sogar mehr Jugendliche aufnehmen können als bisher.

Zurzeit leben vier Jungen bei Familie Franz und Steffi Steinert und den drei Kindern im Alter von einem, drei und fünf Jahren. Demnächst will der Verein insgesamt 14 durchweg männliche Straftäter aufnehmen, sieben bei den Steinerts und sieben in einer weiteren Familie, die sich vor Kurzem dem Seehaus angeschlossen hat. Ein Team aus Fachkräften, Auszubildenden und Praktikanten unterstützt ihre Arbeit.

Hausvater Franz Steinert, einst wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig, sagt, viele Jugendliche haben sich das Leben im Seehaus einfacher vorgestellt. Sie hätten es nie gelernt, Aufgaben zu bewältigen und Regeln einzuhalten. „Natürlich sind wir enttäuscht, wenn jemand abbricht, aber zwei Drittel halten durch, und das halte ich auch für einen Erfolg.“

„Im Gefängnis ist es bequemer“

Uwe Hinz, Leiter der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen, hält das Projekt für anspruchsvoll, aber gut. Die familiäre Atmosphäre und die Gespräche am Küchentisch könne ein Gefängnis nicht bieten. Die Anstalt entscheidet mit dem Verein darüber, wer geeignet sein könnte und sich bewerben darf. Trotz aller Bemühungen sei die Bereitschaft vieler Straftäter, sich anzustrengen, gering. Hinz: „Im Gefängnis ist es bequemer.“

Tatsächlich fordert das Konzept den Gefangenen viel ab. Ein Phasensystem sorgt für Disziplin, Motivation und Belohnung. Auf der untersten Stufe stehen die Neulinge. Dann folgen Leo-Anwärter, Leo, Löwe-Anwärter, schließlich der Löwe. Mit jedem Aufstieg ist ein höheres Maß an Verantwortung und Freiheiten verbunden. In der höchsten Stufe können die Jugendlichen an Aktivitäten außerhalb der Einrichtung teilnehmen, ein Praktikum beginnen oder die eigene Familie besuchen. Einen Film im Fernsehen erlauben die Hausregeln nur einmal im Monat.

Keiner der Teilnehmer kommt mit einer Strafe wegen Mordes, Totschlags oder wegen eines Sexualdelikts in die Familien. Zweimal haben Jugendliche in den sieben Jahren seit der Eröffnung versucht abzuhauen, sie wurden umgehend gefasst. Körperkontakt ist außer beim Sport streng verboten. Hausvater Steinert sagt, er will Unterdrückung und körperliche Übergriffe, wie sie in vielen Gefängnissen üblich sind, verhindern.

Im Rechtsausschuss des Landtags gab es Kritik daran, dass das Projekt sich stark an dem christlichen Glauben orientiere. Die Grünen-Abgeordnete Katja Meier sagte, die tägliche Bibellektüre in der Anfangszeit setze die Jugendlichen stark unter Druck. „Ich sehe den religiösen Ansatz kritisch.“ Eine Missionierung finde nicht statt, stellt das Justizministerium klar. Die Beschäftigung mit dem christlichen Glauben sei freiwillig. Auf Gefangene islamischen Glaubens sei das Seehaus vorbereitet.