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Feuilleton

Hallo, Erich! Kannst' mich hören?

Udo Lindenberg entert Leipzigs Bildermuseum und zeigt 30 Jahre nach dem Mauerfall sein persönliches Verhältnis zur DDR und zum Osten. 

Udo Lindenberg flötet Honecker ins Ohr. Hören kann der das zwar nicht mehr, doch würde er sich sicherlich für den Panikrocker freuen. Am Freitag öffnet Lindenbergs eigene Ausstellung im Leipziger Bildermuseum – inklusive Schalmei, die ihm der DDR-Chef ein
Udo Lindenberg flötet Honecker ins Ohr. Hören kann der das zwar nicht mehr, doch würde er sich sicherlich für den Panikrocker freuen. Am Freitag öffnet Lindenbergs eigene Ausstellung im Leipziger Bildermuseum – inklusive Schalmei, die ihm der DDR-Chef ein © Hendrik Schmidt/dpa

Von Sven Heitkamp

Das sonst gut aufgeräumte Museum der bildenden Künste in Leipzigs Innenstadt erleidet Mittwochnachmittag eine Panikattacke: Ein älterer Mann in schwarzem Anzug, Turnschuhen, Sonnenbrille und braunem Filzhut entert das Untergeschoss, drischt auf ein Schlagzeug ein und tanzt auf einem Tisch, er posiert in einem Pulk Fotografen und Kameraleuten vor einem goldenen Trabi und sagt nur: „Geiles Teil!“ 

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Hinter den Kulissen der Saftpressen

Am 21. September 2019 haben Interessierte die Möglichkeit zu erfahren, wie der leckere Saft in die Flasche kommt. 

Typisch Udo Lindenberg. Der Altrocker, der 1983 mit seinem Gassenhauer vom „Sonderzug nach Pankow“ gegen die DDR-Führung stichelte, weil sie ihm Konzerte in Ost-Berlin verweigerte, stellt eine außergewöhnliche Schau vor: seine eigene. Ihr Titel: Zwischentöne.

Zum Jubiläum des Mauerfalls soll die Ausstellung das sehr persönliche Verhältnis des 73-Jährigen zur DDR und zum heutigen Osten illustrieren. Schließlich hat der stets politische Musiker bereits seit den 1970er-Jahren seine Sympathien für die Menschen in der DDR ausgedrückt. Auslöser war ein Mädchen aus Ost-Berlin, das er 1973 kennenlernte – und das ihn zu einem seiner frühen programmatischen Songs inspirierte: „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein.“

Seit 30 Jahren sind die beiden Landesteile zusammen und Lindenberg zeigt in Leipzig etliche eigene Zeichnungen, Collagen, Malereien und viele dokumentarische Fotos. Zu sehen sind auch eine Handvoll der vom ihm patentierten „Likörelle“: Mit Likören kolorierte Fotos aus Berlin, die in seinem Atelier im Hamburger Hotel Atlantic entstehen. Zudem wird Leipzig ein einzigartiges Bild von ihm geschenkt bekommen: In der Nacht zu Mittwoch hat er Motive und Figuren der Stadt mit Filzstift auf metergroße Baumwollleinwände gezeichnet. Am Mittwochabend noch wollte er sie mit seinem „Ejakulator“ genannten, umgebauten Schlagzeug mit verdünnten Acryl-Neonfarben farbig besprühen. Ein Video der Session soll jetzt im Museum zu sehen sein.

Die Schau zeigt aber auch Relikte aus der deutsch-deutschen Vergangenheit: Die Schalmei, die DDR-Staatschef Erich Honecker ihm in den 1980er-Jahren schenkte. Die Lederjacke und den Brief, den er Honecker schickte. Sein vergoldeter Trabi, den ihm die Belegschaft des Zwickauer Autowerkes 1996 schenkte und der bis heute fährt. Ein Modell des bemalten Sonderzugs, den die Deutsche Bahn 2003 auf die Gleise setzte. Dazu Kopien seiner Stasi-Akten, auf denen Lindenberg Karikaturen zeichnete. „Es war schon hirnamputiert, was die Stasi da zusammengetragen hat.“ Außerdem gibts Schallplatten und Kassetten, Videos und Erinnerungen an seinen kurzen Auftritt im Palast der Republik 1983. Die Schau sei aber nur ein kleiner Ausschnitt der großen Sammlungen Lindenbergs in Hamburg und Berlin, erzählt sein persönlicher Archivar Frank Bartsch.

Denkwürdiges Konzert in der Alten Messehalle

„Ich verneige mich vor den ersten Montagsdemonstranten, die so mutig losgezogen sind und die Initialzündung gaben, die Mauer wegzukicken und die Freiheit auszurufen“, sagt Lindenberg. Er habe die ganzen Entwicklungen von Hamburg und Berlin aus konspirativ beobachtet und in Bildern, Songs und Filmen ausgedrückt. Leipzig habe er ausgesucht, weil die Stadt der heißeste Brennpunkt für den vulkanischen Ausbruch war.

Er selbst hat das im Januar 1990 miterlebt, bei einem denkwürdigen Konzert in der Alten Messehalle. Ein Kapitel der Schau ist auch den Anfängen der Friedensbewegung mit Künstler Joseph Beuys und Lindenberg gewidmet. Zu sehen ist auch ein bisher nicht gezeigtes Interview mit dem Künstler Markus Lüpertz über Lindenberg.

Eröffnet wird die Ausstellung Donnerstagabend, Udo will auch ein paar Songs spielen. Die offizielle Partystunde wird eigens auf den Museumsvorplatz und bei Facebook übertragen. 

Die typisch lindische Schau ist auch ein Höhepunkt für Museumschef Alfred Weidinger, der erst vor kurzem eine viel beachtete Ausstellung von Yoko Ono nach Leipzig holte – der Witwe von Beatles-Legende John Lennon. Die 86-jährige Künstlerin kam dafür aus New York angereist. Im Frühjahr wechselt der Direktor allerdings in seine österreichische Heimat nach Linz. Lindenberg über Weidinger: „Ein sehr geschmeidiger, flinker, tiefgründiger und pragmatischer Mann.“

Die Ausstellung ist bis zum 1. Dezember zu sehen.