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Handball-Lazarett in der Hauptrunde

Die vielen Verletzungen sind kein Zufall, sondern die Folge von Überbelastungen. Eine EM im Sommer wäre eine Lösung.

© dpa

Von Frank Kastner

Sechs EM-Spiele in elf Tagen – die ohnehin ersatzgeschwächten deutschen Handballer sind bei der Europameisterschaft in Polen schon vor dem abschließenden Hauptrundenspiel an diesem Mittwoch gegen Dänemark an ihre Belastungsgrenze gekommen. Nach dem EM-Aus für die beiden Leistungsträger Steffen Weinhold und Christian Dissinger warnen die Sportärzte vor Überbelastungen, Trainer sprechen sich für eine Verkleinerung der Bundesliga und für mehr Wechselmöglichkeiten auf der Bank aus. Über allem steht die Grundsatzfrage: Wäre eine EM oder WM im Sommer besser?

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Bis 1999 fanden EM und WM nach dem Meisterschaftsende statt. Gegen die Interessen der Vereine haben die internationalen Verbände die Titelkämpfe in den Winter verlegt. Grund: weniger Fußball, volle Hallen, bessere Vermarktungschancen bei Werbung und TV. Langfristig ist der Kalender dicht: Im November 2015 hatte der Weltverband die Männer-WM 2021 nach Ägypten sowie 2023 gemeinsam an Polen und Schweden vergeben. Eine Veränderung bis mindestens 2024 ist unmöglich. DHB-Vizepräsident Bob Hanning kann sich aber mit einer Rückkehr in den Sommer anfreunden: „Das kann eine Diskussionsgrundlage sein.“ Da die EM dann mit den Olympischen Spielen kollidieren würde, schlägt er einen Drei-Jahres-Rhythmus vor.

„Dann passieren solche Schäden“

Bis dahin werden Überlastungen unvermeidbar bleiben. Der deutsche Teamarzt Professor Kurt Steuer hat angesichts der Verletztenmisere bereits Alarm geschlagen und scharfe Kritik geübt. „Die Spieler, die Bundesliga, Champions League und Nationalmannschaft spielen und in diesem Jahr zusätzlich mit EM, Olympia-Qualifikation, WM-Quali und vielleicht Olympia mehrere große Aufgaben zu bewältigen haben, sind überspielt, massiv überlastet“, sagte Steuer. „Dann passieren solche Schäden.“

Am Montag hatten sich Kapitän Weinhold (Muskelbündelriss im Oberschenkel) und Torjäger Dissinger (Adduktorenverletzung) abgemeldet – insgesamt die Stammkräfte Nummer fünf und sechs. Bereits im Vorfeld der EM hatten Uwe Gensheimer (Achillessehnenreizung), Patrick Groetzki (Wadenbeinbruch), Patrick Wiencek (Kreuzbandriss) und Paul Drux (Schulter) abgesagt.

„Die Namen sind sicher nur Variablen – aber der Kreuzbandriss von Wiencek oder auch die Verletzungen von Gensheimer oder Groetzki waren im Prinzip kalkulierbar“, sagte Steuer, Chefarzt des Johanniter-Krankenhauses in Bonn. Man habe die „Überlastung der Spieler aus den Spitzenvereinen ganz deutlich gesehen“, als die Akteure vor dem Turnier zur Nationalmannschaft angereist waren.

Ein ausdrückliches Lob bekam Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Aus seiner Erfahrung in der Bundesliga wisse er genau, wie wichtig Regeneration ist. „Ich habe so etwas in über 20 Jahren als Teamarzt noch nicht erlebt: Dagur verlangt, dass seine Spieler pro Tag zwei Stunden lang 100 Prozent Leistung bringen“, sagte Steuer: „22 Stunden lang bekommen sie jedoch Zeit, sich zu erholen – ein Meilenstein.“

Als Konsequenz der Überbelastung fordern vor allem die Spitzenklubs eine Verkleinerung der Bundesliga oder den Einsatz von 16 statt 14 Spielern pro Partie. Gegen die Mehrheit der Ligavereine sind die Forderungen aber nicht durchsetzbar. (dpa)

TV-Tipp: Mi., 18 Uhr, ARD: Deutschland – Dänemark.