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Handwerk schlägt Internet

Die Töpfer feiern am Wochenende selbstbewusst in Neukirch. Gastgeber Karl Louis Lehmann sagt warum.

© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch und Wolfgang Schmidt

Neukirch. Rund 80 Töpfereien aus Deutschland, Polen, Slowenien und Tschechien zeigen am Wochenende Traditionelles und Neues auf dem 28. Neukircher Töpferfest. Nach wirtschaftlich schwierigen Jahren verzeichnen viele Betriebe wieder einen Aufschwung, sagt Karl Louis Lehmann. Der Töpfermeister führt gemeinsam mit seinem Bruder Edgar die Töpferei, die das Fest ausrichtet. Außerdem ist er Obermeister der sächsischen Töpferinnung.

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Herr Lehmann, welche wirtschaftliche Bedeutung hat das Töpferfest für die Branche und die Region?

Viele Kollegen bestätigen es jedes Jahr: Das Neukircher Töpferfest ist für sie einer der besten Töpfermärkte in Deutschland. Gerade kleinere Betriebe realisieren hier einen Großteil ihres Umsatzes. Sie können dabei auf die Stammkundschaft zählen. Viele sammeln ein bestimmtes Dekor und komplettieren es Jahr für Jahr.

Zwei Tage Töpfermarkt

Töpfermarkt: geöffnet am Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Programm: Bierprobe und Tanz mit der Express Partyband am Freitag 19 Uhr; Töppellauf und Großgefäßedrehen am Sonnabendnachmittag:Tanz mit Turn Away am Sonnabend 19 Uhr; Abschlusskonzert am Sonntag 14 Uhr

Eintritt: drei Euro, Kinder bis 12Jahre frei

Festgelände: Neukirch, Dammweg; Haupteingang Georgenbadstraße

Parken: kostenfrei auf ausgewiesenen Wiesen an der Georgenbadstraße

Monsterrollerfahrten am Valtenberg: Transfer ab dem Festgelände am Sonnabend 13 Uhr, 14.30 Uhr, 16 Uhr und 17.30 Uhr sowie am Sonntag 10.30 Uhr, 12 Uhr, 13.30 Uhr, 15 Uhr und 16.30 Uhr.

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Und die Bedeutung für die Region?

Die Töpfer schlafen zumindest eine Nacht in Neukirch oder im Umland. Davon profitieren Pensionen und andere Vermieter. Vom Fest haben auch zahlreiche Zulieferer ihr Gutes. Ich schätze, dass am Festwochenende zwischen 250 000 und 300 000 Euro in Neukirch umgesetzt werden. Belastbare Zahlen gibt es jedoch nicht, da nicht jeder Händler über seinen Umsatz spricht.

Was bietet das 28. Fest an Neuem?

Etwa ein Drittel der Teilnehmer kommt zum ersten Mal nach Neukirch. Wir halten es immer so, um unseren Besuchern auch Neues zu bieten. Darüber hinaus gibt es einen festen Händlerstamm. Da zu unserer Töpferei auch ein Großhandel gehört, haben unsere Kunden hier einen Bonus.

Wie ist die wirtschaftliche Lage der Töpfereien in Sachsen?

Deutschland geht es wirtschaftlich gut. Da fällt auch für uns was ab. Wir wissen, dass wir in der Kette ganz hinten sind. Handgefertigte Keramik macht das Leben schön; man braucht sie aber nicht unbedingt zum Leben. Wir spüren, dass viele Leute etwas übrig haben und ihr Geld auch für schöne Dinge ausgeben. Nach Jahren der Stagnation verzeichnen viele Betriebe Umsatzzuwächse im einstelligen Bereich.

Leute vom Marketing behaupten, traditionelles Handwerk schlägt das Internet. Würden Sie das unterschreiben?

Fürs Töpferhandwerk vorbehaltlos Ja. Wir verkaufen Emotionen. Man muss Keramik in der Hand halten, muss sie fühlen können. Man muss spüren: Wie fasst sich eine Tasse an? Wie ist der Henkel gearbeitet? Wie trinkt es sich aus der Tasse? Alles das kann das Internet einem Kunden nicht bieten. Neukunden gewinnen wir deshalb kaum übers Internet, auch wenn unsere Töpferei einen Online-Shop hat. Wer dort kauft, bestellt zumeist nach oder komplettiert eine bestehende Sammlung.

Zum Töpferfest gehört das Gesellenschlagen. Hat das Töpferhandwerk den Berufsnachwuchs, den es braucht?

In diesem Jahr wird nur ein Lehrling zum Gesellen geschlagen. In unserem Betrieb bilden wir zurzeit drei Lehrlinge aus. Die Berufsausbildung ist ein Problem. In Sachsen gibt es nur noch vier, fünf Töpfereien, die ausbilden. Das Problem ist weniger, junge Leute für den Töpferberuf zu gewinnen. Es werden kaum noch Meister ausgebildet. Ohne Meister keine Lehrausbildung.

Das Töpferfest wird in diesem Jahr nur an zwei Tagen gefeiert. Warum nutzen Sie nicht auch wie früher den Brückentag und den 3. Oktober?

Schon seit einigen Jahren konzentrieren wir uns aufs Wochenende, nehmen den 3. Oktober nur dann dazu, wenn es ein Freitag oder Montag ist. Der Aufwand für uns und die teilnehmenden Töpfereien ist sehr hoch. Auch wenn das Fest statt nur zwei vier Tage ginge, wären die Umsätze nicht doppelt so hoch. Sie würden sich nur auf die längere Zeit verteilen.

Einer fehlt beim 28. Töpferfest: Der Bautzener Verleger Frank Stübner, der viele Jahre den Valtenmüller darstellte. Er starb im Frühjahr. Werden Sie an ihn erinnern?

Wir veröffentlichen in der Festschrift einen Nachruf. Auch in meiner Eröffnungsrede werde ich einige Worte des Gedenkens sagen.

Gibt es einen neuen Valtenmüller?

Ritter Ruprecht alias Moritz Lehmann wird künftig der alleinige Schutzpatron des Töpferfestes sein. Er nimmt die Aufgaben des Marktmeisters wahr. Er macht die Durchsagen, achtet auf Recht und Ordnung und ist Ansprechpartner für die Besucher.

Wie viele Helfer sind erforderlich, um so ein großes Fest durchzuführen?

Alle 15 Mitarbeiter unserer Töpferei sind auf den Beinen. Hinzu kommen 20 bis 30 Helfer, die alles mit absichern – vom Parkplatz bis zur Ordnung auf dem Festgelände. Anwohner und Freunde unterstützen uns. Und auch die Freunde unserer Kinder. Wir führen sie mit ran. Irgendwann sollen sie ja mal die Tradition fortführen.