merken

Handwerker für den Bau dringend gesucht

Mehr Absolventen beginnen eine Lehre. Doch der Fachkräftemangel wird so nicht kompensiert. Die Gründe sind vielfältig.

© DA-Archiv/Dietmar Thomas

Von Tina Soltysiak

Hier shoppt Riesa

Genießen Sie das Einkaufsvergnügen der besonderen Art in über 30 Shops.

Döbeln. Baufirmen im Kreis Mittelsachsen droht verschärfter Fachkräftemangel – dies meldet die Industriegewerkschaft Bauen Agrar Umwelt (IG Bau). 98 Stellen in der Branche waren im vergangenen Jahr „durchschnittlich länger als drei Monate unbesetzt – 54 Prozent mehr als noch im Vorjahr“, so Bernd Günther, Bezirksvorsitzender der IG Bau Nord-West-Sachsen. Er beruft sich dabei auf eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit. Insgesamt waren im Kreis Mittelsachsen demnach im Jahresmittel 214 offene Bauarbeiter-Jobs gemeldet.

Hohes Geschäftsrisiko

Vom Zimmerer bis zum Estrichleger fehlten in der Region Spezialisten in nahezu allen Bausparten. Günther führt verschiedene Gründe dafür an: „Einerseits haben viele Firmen trotz anziehender Auftragslage ihre Personaldecke in den letzten Jahren nicht ausreichend aufgestockt. Andererseits hat der Bau mit einem großen Nachwuchsproblem zu kämpfen. Zwar verdienen Azubis hier mehr als in allen anderen Branchen – doch immer mehr Schulabgänger zieht es an die Uni.“ Ende 2017 zählten die Sozialkassen der Bauwirtschaft in Mittelsachsen 48 neue Ausbildungsverträge.

Doch ist die Situation wirklich so dramatisch? „Den Firmen im Bauhandwerk droht nicht nur der Fachkräftemangel, er ist längst da – nicht nur im Landkreis Mittelsachsen, sondern im gesamten Kammerbezirk Chemnitz“, so Robert Schimke, Sprecher der Handwerkskammer Chemnitz. Er ergänzte: „Laut unserer letzten Konjunkturumfrage sehen 83 Prozent unserer Baubetriebe im Fachkräftemangel momentan das größte Geschäftsrisiko.“ Aktuell gibt es 1 324 Baubetriebe im Landkreis Mittelsachsen, davon 269 im Altkreis Döbeln.

Imagekampagne zeigt Wirkung

In der Region gebe es seit drei Jahren wieder steigende Lehrlingszahlen, insbesondere im Bauhandwerk. Gründe sind Schimke zufolge die steigenden Schulabgängerzahlen, „unsere ausgeweiteten Angeboten der Berufsorientierung und die Tatsache, dass die Betriebe infolge des Nachwuchsmangels verstärkt ausbilden“. Handwerkskammerpräsident Frank Wagner ergänzte: „Wir konnten beispielsweise vier Maurer-Klassen bilden: drei in Chemnitz, eine in Plauen. Sonst sind es ein bis zwei.“ Das zeige, dass die Imagekampagne der Kammern wirke. „Die verschiedenen Berufe werden bekannter. Seit einem Jahr beteiligen wir uns an Berufsorientierungsangeboten an den Gymnasien, um den Abiturienten zu verdeutlichen, dass eine Ausbildung im Handwerk nicht mit dem Gesellendasein endet, sondern dass weitere Qualifizierungen möglich sind“, so der Diplom-Ingenieur für Ingenieurbau, der ein Bauunternehmen in Wechselburg führt.

6 000 Firmennachfolger gesucht

Denn es werden perspektivisch hoch qualifizierte Fachkräfte benötigt. „Bis 2025 gehen in unserem Bereich zwischen 5 000 und 6 000 Firmeninhaber in Rente. Für diese Betriebe werden Nachfolger gesucht“, schildert Frank Wagner. Um ein Handwerksunternehmen führen zu können, werde sowohl die Berufsausbildung als auch mindestens der Meistertitel benötigt.

„Der Anstieg der Lehrlingszahlen reicht aber nicht aus, um den derzeitigen Mangel an Fachkräften zu kompensieren. Dieser wird verstärkt durch die Rente mit 63, von der im Bauhandwerk viele Arbeitnehmer Gebrauch machen“, erläutert der Kammerpräsident. Große Engpässe gebe es aktuell im Bereich Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Ebenfalls stark gesucht seien Elektriker und Tischler. Maler würden in großer Zahl vor allem über Zeitarbeit gesucht, so Kammersprecher Robert Schimke.

Rente mit 63 verstärkt das Problem

Dass die Handwerker von der Rente mit 63 Gebrauch machen, kann Mathias Wachs „sehr gut nachvollziehen“. Der Geschäftsführer der Firma Wachsbau GmbH Roßwein ist auch Vizepräsident des Sächsischen Baugewerbes. „Maurer, Dachdecker, Fliesenleger und so weiter – das sind alles kräfte- und körperzehrende Berufe“, sagte er. Zwei seiner Mitarbeiter seien deshalb frühzeitig ausgeschieden. „Wir müssen versuchen, den Altersdurchschnitt niedrig zu halten“, sagte der 52-Jährige. Sachsenweit läge dieser zwischen 45 und 50 Jahren. Er bestätigte, dass es schwer sei, Nachwuchs zu finden. „Die Bereitschaft der jungen Leute, wetterabhängige Berufe aufzunehmen, ist gering. Dennoch ist es uns im vergangenen Jahr gelungen, zwei Hauptschüler als Lehrlinge einzustellen“, so der Maschinenbauingenieur, der das Familienunternehmen seit 1991 führt. Die beiden seien bereit zu arbeiten. „Bei allem Willen ist es aber abzuwarten, ob sie die Berufsschule schaffen“, sagte er und deutete damit eine weitere Hürde an.

Den eigenen Nachwuchs auszubilden, sähen viele Betriebe als wichtige und zumindest etwas verlässliche Möglichkeit, Fachkräfte zu bekommen. Dahingehend sind sich Wachs, Kammerpräsident Wagner und auch Bauunternehmer Markus Janasek aus Waldheim einig. „Bei mir haben voriges Jahr zwei Mann ausgelernt“, so Janasek. Bis 2004 hatte er regelmäßig zwei Azubis im Betrieb. Zwischen 2008 und 2012 hätten zwar auch Lehrlinge im Betrieb begonnen, die Ausbildung aber nicht beendet. „Im vergangenen Jahr habe ich vier neue Leute eingestellt, alle so um die 40. Das war nicht so kompliziert, wie ich es befürchtet hatte“, so Janasek.

Arbeitgeber müssen überzeugen

Vom aktiven Abwerben von Arbeitskräften halten er und sein Kollege Mathias Wachs aber nichts. Stattdessen müssten die Arbeitgeber mit ihren Leistungen und einer fairen Bezahlung überzeugen, sind sie sich einig. „Das Problem ist, dass im Osten beispielsweise Maurer kein Weihnachtsgeld bekommen. Wir zahlen es seit vielen Jahren. Vor drei Jahren haben wir zudem begonnen, Erfolgsbonuszahlungen einzuführen. Das macht die Mitarbeiter auch resistenter gegenüber Abwerbungsversuchen, die es in der Branche vereinzelt gibt“, so Mathias Wachs. Er beschäftigt 15 Maurer, Dachdecker und Fliesenleger sowie vier Bauleiter, bei Markus Janasek stehen aktuell 22 Bauarbeiter unter Vertrag.