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Deutschland & Welt

Ein Leben zwischen Kirschblüten und Dämonen

Hannelore Elsner war die letzte Diva des deutschen Films. Nach kurzer Krankheit ist sie im Alter von 76 Jahren gestorben.

Ihren größten Erfolg feierte Hannelore Elsner als „Die Unberührbare“. Doch gerade das war sie ganz und gar nicht. © AP

Von Oliver Reinhard und Ira Schaible

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Zu den besonderen Dingen im Leben von Hannelore Elsner gehört ihr letzter Leinwandauftritt. In Doris Dörries „Kirschblüten & Dämonen“ spielt sie den Geist einer bayerischen Butoh-Tänzerin. Man sieht sie nur in verwaschenen Bildern wie durch eine Milchglasscheibe, als sie ins Leben des vereinsamten und verzweifelten Sohnes zurückkehrt, der den Tod seiner Mutter nicht verwinden kann. Nur sechs Wochen nach dem Kinostart ausgerechnet dieses Films starb die Schauspielerin nach ebenso kurzer wie schwerer Krankheit.

Wie ihrer Gestalt in „Kirschblüten & Dämonen“ haftete Hannelore Elsner selbst manchmal eine Aura des Rätselhaften an. Lange verheimlichte sie ihr Alter, ihre Launen waren legendär und brachten ihr den Ruf als erste große Diva des deutschen Nachkriegsfilms ein. Das Attribut „schön“ gefiel ihr zwar, aber Fragen nach ihrem Aussehen mochte sie nicht. „Ich muss über mein Alter reden, seit ich 25 bin. Das geht mir auf die Nerven“, beschwerte sie sich in ihrer Autobiografie. „Mir gefällt die buddhistische Idee, die sagt, bis 60 ist man jung, ab 60 wird man älter.“

Gräfin auf Schloss Rammenau

Obwohl sie längst zu den meistbeschäftigten deutschen Schauspielerinnen gehörte, kam die Rolle ihres Lebens erst, als sie nach eigener Überzeugung gerade noch jung war: Mit 58 spielte sie im Kinofilm „Die Unberührbare“ unter einer Perücke, die einem toten schwarzen Schwan glich, eine Schriftstellerin am Abgrund. Eine Frau, die den Mauerfall und die neue Zeit nicht verkraftet. Regisseur Oskar Roehler verarbeitete darin die tragische Geschichte seiner Mutter. Elsners eigener Mutter war mit 59 das Herz stehengeblieben. Kurz nachdem die Tochter endlich beschlossen hatte, sich mit ihr auszusprechen. Über „Die Unberührbare“ sagte sie: „Ohne mein Leben hätte ich das nicht spielen können“. Das war in vielerlei Hinsicht bewegt und bewegend.

Schon als kleines Mädchen musste Hannelore Elsner im Krieg den Tod ihres geliebten älteren Bruders während eines Tieffliegerangriffs verkraften. Bald darauf, sie war gerade acht Jahre alt, starb auch der Vater. Halt fand sie lange nicht. „Ich war nirgendwo richtig daheim“, schrieb sie über ihre Jugend; vielleicht mit eine Ursache für ihre „unbändige Lebenslust“. Mit 16 Jahren soll sie in München entdeckt worden sein vom türkischen Regisseur Halit Refig. Nach Proben in Istanbul durfte sie auf die Schauspielschule und bald kleinere Rollen füllen in Filmen mit Stars wie Hans-Joachim Kulenkampff und Freddy Quinn. Über diese Zeit erzählt Elsner auch, ihre Agentin habe ihr geraten, die Nase schmaler und die Zähne gerader machen zu lassen und einen Künstlernamen zu wählen. Sie ließ alles, wie es war. Lediglich das „t“ verschwand aus ihrem Geburtsnamen Elstner.

Mit 19 stand sie zum ersten Mal auf einer Bühne. Auch die erste von zahlreichen Auszeichnungen – die Goldene Kamera – bekam Elsner zehn Jahre später für die Theater-Rolle der Sasha in Tschechows „Iwanow“. Da liefen bereits die Vorbereitungen für Celino Bleiweiß‘ Defa-Romanverfilmung „Aus dem Leben eines Taugenichts“, in dem sie die Rolle der Gräfin spielte und auf dem sächsischen Schloss Rammenau residierte; der erste Einsatz einer West-Schauspielerin im Osten seit dem Mauerbau.

In jenem Jahr 1961 hatte Hannelore Elsner in „Das Mädchen mit den schmalen Hüften“ ihr Kinodebüt gegeben. Starregisseur Jürgen Roland vertraute ihr darauf in der Krimiserie „Stahlnetz“ die erste Hauptrolle an. Dem Verbrechen blieb Elsner auch später treu, sogar als Serientäterin, als sie ab 1994 für ganze zwölf Jahre „Die Kommissarin“ in der ARD war.

So viel Kontinuität fand sie im Privatleben selten. Die erste Ehe mit dem 18 Jahre älteren Schauspieler Gerd Vespermann wurde bald geschieden, ihre zweite lange Liebe war Regisseur Alf Brustellin, in dessen „Berlinger“ sie 1975 international auffiel. Drei Jahre später drehte sie mit ihm „Der Sturz“ nach einem Roman von Martin Walser. Wieder drei Jahre darauf starb Brustellin bei einem Unfall. Da war Elsners einziges Kind Dominik gerade ein halbes Jahr alt. Monate hatte sie mit dem Neugeborenen im Krankenhaus verbracht; es war zu früh auf die Welt gekommen. Dominiks Vater ist der Regisseur Dieter Wedel. „Drei wunderschöne Jahre“ war Hannelore Elsner mit Filmproduzent Bernd Eichinger zusammen und von 1993 bis 2000 mit dem Theaterdramaturgen und Verlagsleiter Uwe Carstensen verheiratet.

Doch sie, die so gerne und so gerne viel redete, konnte auch schweigen. Etwa als Bernd Eichinger 2011 überraschend starb. Weil es, wie sie sagte, so viele Menschen gab, die auf einmal ganz viel über „den Bernd“ wussten. Da behielt Hannelore Elsner, die Eichinger wirklich lange und gut gekannt hatte, ihr Wissen lieber für sich.

War sie eine Diva? Unbedingt. Vielleicht die Einzige, die dem deutschen Gegenwartsfilm geblieben war. Sie genoss ihren verdienten Erfolg unverstellt. Ebenso offenherzig litt sie an Kritik, auch an verdienter. Und ließ keinen Zweifel: Sie war alles andere als eine Unberührbare. (SZ/dpa)