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Hart an der Grenze

Das sogenannte Lindengründel ist eine kleine, verschwiegene Schlucht zwischen moosüberzogenen Felsen im hintersten Winkel der Sächsischen Schweiz, direkt an der Grenze zur Tschechischen Republik. Ein stiller Bergpfad windet sich hindurch.

Das sogenannte Lindengründel ist eine kleine, verschwiegene Schlucht zwischen moosüberzogenen Felsen im hintersten Winkel der Sächsischen Schweiz, direkt an der Grenze zur Tschechischen Republik. Ein stiller Bergpfad windet sich hindurch. Nur wenige Wanderer wissen, dass es ihn gibt. Unmittelbar am Wegrand verläuft die Grenze der streng geschützten Nationalpark-Kernzone. Ein Stück heile Welt, in der sich die Natur frei von menschlichen Einflüssen entfalten und ihre Ruhe haben durfte.

Bisher. Christian Helfricht fand am vergangenen Sonnabend eine ganz andere Welt in diesem Teil des Nationalparks vor – eine, die für ihn eher nach einem Schlachtfeld aussah. Der Dresdner sah Wege, zu Schlamm zerwühlt von breiten Rädern, Waldhänge und Schluchten, übersät und verstopft mit gefällten Bäumen.

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Bis tief hinein ins stille Lindengründel und an den Rand der Nationalpark-Kernzone ziehen sich diese Spuren, vorbei an übermannshohen Holzpoldern und schweren Forstmaschinen. So sah es auch gestern dort aus: Am Eingang zum Lindengründel, direkt neben dem Kernzonenschild, parkt ein LKT-Forstschlepper mit Seilwinde. Am benachbarten Brückengrund wühlt sich ein vollbeladener Rückezug (Forwarder) mithilfe eines Stahlseils einen steilen Hang hinauf. Das Seil ist an einer Buche befestigt und wirkt wie ein Flaschenzug – nur mit ihrer Schubkraft würde die Maschine diese Steigung nicht mehr bewältigen. Die Wege sind so, wie Helfricht sie beschrieben hat: vielerorts ein Pfuhl. Vom Bergpfad, der eine Verbindung zwischen dem Brückengrund und dem Ziegengrund herstellt, blieb auf großen Abschnitten wenig übrig. „Man sieht es und will es einfach nicht glauben“, sagt Christian Helfricht.

Der Dresdner hat die Spuren der Forstarbeiten fotografiert und die Bilder ins Internet gestellt. In kürzester Zeit hat sich die Sache im Netz herumgesprochen.

Nationalparksprecher Hanspeter Mayr und der zuständige Revierleiter Matthias Protze sahen sich gestern gegenüber Pressevertretern zu einer Erklärung genötigt. Die besagt im Kern Folgendes: Zwischen der Kirnitzsch und dem Lindengründel liegt – beidseitig des Brückengrundes und wie eine Insel im forstlichen Ruhebereich – eine Enklave der sogenannten Pflegezone, also jener Nationalparkwälder, die noch einige Jahre lang durchforstet werden. 80 Jahre alte Fichten wachsen dort. Deren Zeit war nun gekommen. Was Christian Helfricht und andere als Frevel empfinden, sei im Grunde eine „planmäßige Waldpflege“, wie Hanspeter Mayr sagt. Vorrangig Fichten und Lärchen würden entnommen, damit mehr Licht in die Bestände kommt – und Platz entsteht für einen besseren und natürlicheren Wald. Laut Mayr „ein Normaleingriff“.

Revierleiter Protze betont, dass sich die Maschinen ausschließlich auf festgelegten Rückegassen bewegen. Die Trassen werden gegen das Gewicht der Räder – ein Forwarder wiegt im beladenen Zustand über 20 Tonnen – stellenweise mit Reisig abgepolstert.

Wenig aber unterscheidet sich dieses Bild von Durchforstungen in normalen Wirtschaftswäldern: dieselbe schwere Technik kommt zum Einsatz, in kürzester Zeit sollen enorme Holzmengen eingeschlagen und abgefahren werden – auf einer 60 Hektar großen Fläche weit über 4000 Festmeter.

Ein Hintergrund: In weiten Teilen des Nationalparks soll der Wald noch kräftig umgebaut werden, bevor im Jahr 2030 drei Viertel der Fläche aus der forstlichen Pflege entlassen sind – so der Plan, in Anlehnung an internationale Nationalparkkriterien. Mit der Motorsäge und mit Rückepferden sind solche Ziele kaum zu bewältigen. Effizientes Arbeiten sei nötig, sagt Revierförster Protze.

Es sind Worte, die an die Logik eines Wirtschaftsbetriebs erinnern. Wie die Prinzipien einer Naturschutzverwaltung klingen, ist in den Waldbehandlungsgrundsätzen des Nationalparks von 2008 verfasst. Dort steht: „Die Durchführung von Waldpflegemaßnahmen erfolgt mit besonders boden- und bestandsschonenden Verfahren und Maschinen.“ Und: „Grundsätzlich keine Eingriffe im unmittelbaren Felsbereich, am Fuß von Felsmassiven, in schlucht- und blockdurchsetzten Bereichen.“